Miteinander reden geht nicht mehr. Es ist Freitagabend, durch die Stuttgarter Innenstadt ziehen Zehntausende Demonstranten , und ein Ladenbesitzer sucht mit seinem Auto einen Weg durchs Getümmel. Da springt eine Frau auf die Fahrbahn und zwingt ihn zum Anhalten. Vom Gehweg her schreit ein junger Mann: "Mach dein Fenster runter, ich will mit dir über den Bahnhof diskutieren!" Der Fahrer öffnet das Fenster, brüllt zurück: "Hol dein Mädchen von der Straße, sonst hau ich dir so eins in die Fresse, dass du mit deinen Zähnen im Arsch Klavier spielen kannst." Das Ganze auf gut Schwäbisch, versteht sich. Die Frau zu ihrem Freund: "Lass den, der ist wahnsinnig."

Dass in Stuttgart inzwischen die Nerven blank liegen, wäre eine glatte Untertreibung. Die Protestroutine zieht das tägliche Leben in Mitleidenschaft, Krankenschwestern beklagen sich, dass sie morgens nicht mehr pünktlich zur Schicht kommen, weil Hitzköpfe wieder die Gleise blockiert haben; müde Angestellte sitzen abends stundenlang in Vorortzügen fest. Danach geht es auch mit dem Auto nicht weiter. Die Parkwächter, eine der Widerstandsgruppen gegen das Bahnhofsprojekt, laden die Landfrauen zu Kaffee und Kuchen ein, bevor die nächste Demo losgeht. Der Protest gegen Stuttgart 21 ist dem einen Event, dem anderen eine Pest geworden.

Der Schlossgarten neben dem Bahnhof, wo Bagger vergangene Woche die ersten Bäume niedermachten, ist nach dem Einsatz der Wasserwerfer ein Acker aus Schlamm. Die Baustelle wird von einem Stahlzaun geschützt, oben zur Außenseite abgeknickt, sodass keiner drüberklettern kann. Im Bahnhof wird der Zugang zu den Gleisen kontrolliert; hinein darf nur, wer eine Fahrkarte hat. Der Landtag ist von der Polizei abgeriegelt worden. Wichtiger noch als das Sichtbare aber ist die veränderte Stimmung in der Stadt: die Wut der Bürger auf die Bürger.

Es hat sich etwas verschoben in Stuttgart, und nicht erst seit dem vergangenen Donnerstag, als die Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen demonstrierende Schüler und Rentner vorging. Auch bei den Befürwortern des Bahnhofsneubaus ist der Zorn gewachsen. Blockierte Straßen, Verspätungen auf dem Weg zur Arbeit, lange Umwege: Für viele Bürger sind die Proteste ein Angriff auf das Strukturierte, das Ordentliche. So etwas tut man nicht: Man lässt als Lehrer seine Schüler nicht während der Schulzeit demonstrieren; man verlässt als Demonstrant nicht den genehmigten Protestweg, um direkt an der Baustelle zu landen; man wirft nichts auf Polizisten, auch wenn es nur Kastanien sind. "Ganz viele Leute ballen die Faust in der Tasche zusammen", sagt ein honoriger Stuttgarter, "da bereitet sich Bürgerkriegsstimmung vor."

In den vergangenen Wochen war vom "Aufstand der Bürger" die Rede, von der Rebellion gegen die Politiker, gegen die Mächtigen im Land und im Bund. Nun aber stehen Bürger gegen Bürger – nur dass die einen auf der Straße marschieren und die anderen noch in ihren Wohnungen oder Läden bleiben. Die Auseinandersetzung trennt Familien, Freunde und Paare – in allen Milieus. Und die Politik findet noch immer kein Mittel, den Konflikt wirklich zu schlichten.

Das liegt auch daran, dass es inzwischen um den Protest an sich geht – nicht mehr um Zahlen, Fakten, Argumente. Der Protest selbst ist das Zentrum der Auseinandersetzung geworden. "Die konkreten Details interessieren doch längst keinen mehr", sagt ein Demonstrant, der von Anfang an dabei ist. Es geht jetzt um die Machtprobe: Wer hält länger durch? Die Projektgegner, die nicht wissen, ob sie ihren Druck aufrechterhalten können, wenn der Winter kommt, wenn keine Bäume mehr gefällt werden und der Südflügel des Bahnhofs vorerst nicht abgerissen wird? Oder die Landesregierung? Abseits des friedfertigen Charakters des Protestes haben sich unter allen Beteiligten und Betroffenen längst Gefühle aufgeschaukelt, die nicht mehr nur grundgut sind. Zorn und Verbitterung sind eigentlich Ausnahmegemütslagen der urbanen Mittelklassen, inzwischen aber auf Dauer gestellt, was kein Gemeinwesen lange aushält.

Das Diskursive, die gepflegte Art der Auseinandersetzung, hier ist sie vorerst ans Ende ihrer Möglichkeiten gelangt. Vermutlich kann man nicht ganz genau erklären, wieso gerade ein Bahnprojekt zu solchen Aufwallungen führte. Sicher lag es am Wortbruch des Oberbürgermeisters, der 2007 eine Bürgerbefragung versprochen hatte. Aber es lag auch an der Undurchsichtigkeit des Verfahrens, an den Informationsblockaden der Bahn, ihren schwer nachvollziehbaren Rechnungen, an der zeitlichen Streckung der Genehmigungen von Kommune und Land. Das Vertragswerk ist, juristisch betrachtet, in Ordnung, aber die Leute haben Zweifel, ob die Geschäftsgrundlage stimmt, auf der es abgeschlossen wurde. Diese Zweifel kann auch die Landesregierung nicht mit Gesprächsangeboten ausräumen, selbst wenn Ministerpräsident Stefan Mappus sich neuerdings bemüht, versöhnlicher aufzutreten. Am liebsten würde er die Grünen zu Gesprächen überreden, in der Hoffnung, diese würden schließlich das gesamte Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 mit an den Tisch bringen.