Vermutlich hätte ihm all das Glatte und Geleckte unserer Gegenwart bestens gefallen. Vermutlich wäre Agnolo di Cosimo di Mariano, den alle nur Bronzino riefen, gleich selbst in eins dieser schlank geschnittenen Hemden geschlüpft, hätte sich eine strichdünne Krawatte umgebunden und wäre mit einem extraflachen Handy ins nächste Waxing-Studio gegangen, um sich noch das letzte Härchen aus der makellos-samtigen Haut ziehen zu lassen. Seine Porträts jedenfalls hat er so gemalt, vor gut 500 Jahren: ranke Gestalten, muskulöse Leiber, eine glatte, tadellose Welt.

Wer nur ist dieser Bronzino? Bislang kannten meist nur die Kenner seinen Namen, nun aber scheint er mit einem Mal so populär zu sein wie zuletzt im 16. Jahrhundert. Seine Schönheit, diese Eleganz! Viele Besucher drängen hinein in die ungemein üppige Ausstellung, die der Palazzo Strozzi in Florenz gerade zeigt, verwundert stehen sie vor seinen Gemälden. So viele Berühmtheiten hat er gemalt, so viele Mächtige! Und erst die Nackten!

Diese neue Begeisterung für Bronzino ist schon deshalb erstaunlich, weil nichts in seiner Kunst so duftig leuchtet wie bei Tizian. Auch kennt sie nicht das Verträumte eines Botticelli, nicht Raffaels stillen Liebreiz. Vielmehr sind seine Porträts – und für die ist er vor allem berühmt – von einer Schönheit, an der man sich leicht verkühlen kann. Ihnen fehlt alles Seelenhafte, jede Intimität. Bronzino malt keine offenen Gesichter, er malt Menschen, die wie gefangen sind in ihrer respektheischenden Inszenierung. Man könnte auch sagen, er malt seine Gefangenen.

Natürlich, sie wollten es so. Sie bezahlten Bronzino dafür, dass er sie in prunkvolle Rüstungen und monströse Kleider steckte, dass er all ihre Verletzbarkeiten und Zweifel verbarg hinter undurchdringlichen Gesichtern. Selbst die Kinder scheinen bei ihm keine Gefühle zu kennen, sie sehen durch den Betrachter hindurch, mit Augen wie aus Glas. Es stimmt, manchmal öffnet Bronzino seine Kunst ein wenig, dann lässt er den kleinen Medici-Knaben lächeln, und wir lachen auch, über die beiden Zähnchen, die er stolz entblößt. Doch auch dieser Fratz mit dem zarten Lockenflaum steckt in seinem Samtanzug wie eine Puppe, und nicht zufällig umklammert er mit der rechten Hand ein Vögelchen. Er spielt mit dem Lebendigen, hält das Flüchtige fest umschlossen – ganz wie der Maler, der das lebendige Kind zum Bild erstarren lässt.

Mehr noch als ein Meister des Schönen war Bronzino ein Meister der Anmaßung. Auf geradezu irrwitzige Weise demonstrierte er mit seinen Bildern die Überlegenheit der Kunst und damit seine eigene. Er vermochte beides: Ordnung schaffen und Ordnung verwirren. In seinen Werken wohnt das Unanfechtbare gleich neben den Anfechtungen. Die gewohnte Welt löste er auf und schöpfte aus der Kunst eine neue.

Ähnlich wie heute fühlten sich auch im 16. Jahrhundert viele Menschen tief verunsichert. Vorbei war die Zeit, in der die höheren Kreise im Namen der Antike frohgemut an eine gute, gebildete Zukunft glaubten. "Alles wankt ohne Ende", schrieb damals der Philosoph und Politiker Michel de Montaigne. Ihm erschien seine Gegenwart als "ein Abrollen unbeständiger Zufälle und ungelöster Vorstellungen". Spätestens seit den Entdeckungen des Nikolaus Kopernikus war die Welt nicht mehr dieselbe, der Mensch stand nicht länger im Mittelpunkt des Universums. Bronzino reagierte auf diesen symbolischen Machtverlust mit symbolischer Selbstermächtigung: Von nun an sollte er der Mittelpunkt sein.

In dem Riesengemälde, das er für die Zanchini-Kapelle in Santa Croce malte, umringte er Jesus, der die gerechten Seelen aus der Vorhölle befreit, mit vielen seiner Maler- und Gelehrtenfreunde. Auch einige Frauen sind darunter, die damals jeder in Florenz kannte, wenn auch nicht halb nackt, wie Bronzino sie zeigte. Selbstverständlich zählte Bronzino auch sich selbst zu den Gerechten und Erretteten und malte sein eigenes Gesicht hinein in die turbulente Szene. Er schlüpfte in die Rolle des David, König der Poeten und bekanntlich ein Urahn Jesu. Tollkühn vermischte Bronzino so alles mit allem, das Religiöse mit dem Profanen, die Vergangenheit mit der Gegenwart, das Bedeutungsvolle mit dem Bedeutungslosen – "alles wankt ohne Ende". Und wer geht als Sieger aus dem Chaos hervor? Er selbst natürlich.