Weder die Schlaglöcher im Kopfsteinpflaster, das hysterische Federn der Stoßdämpfer, noch das Mittagslicht, das zwischen den Zeilen blenden muss – nichts kann seine Konzentration stören. Der ältere Herr im Bus der Linie 168 hat sich den Aktenkoffer als Pult auf die Beine gelegt. In der rechten Hand hält er einen Bleistift, in der linken sein Buch, das weit über die Endstation San Isidro hinaus reicht: Ausgewählte Schriften Karl Marx’ für eine sozialistische Ethik. Und liest.

Dass die Bewohner von Buenos Aires mehr Zeit mit Lektüre verbringen als andere Menschen, lässt sich mit Zahlen kaum belegen. Aber man kann es sehen. Die Frau an der Haltestelle, die den Blick aus den Seiten eines Romans von Alan Pauls hebt, als suche sie unter den Wartenden nach Komplizen. Der Mann in der U-Bahn, dem es trotz der Feierabendenge gelingt, die Kopie eines Englischkurses aus seinem Aktenkoffer zu zerren und stumm die Lippen zu bewegen. Die Porteños, Bewohner von Buenos Aires, lesen Zeitschriften und soziologische Abhandlungen, Triviales, vom Blättern aufgeplusterte Klassiker aus Nordamerika. Sie lesen auf den Treppenstufen der Tribunale, in Cafés, unter Platanen. Und immer wirkt es, als sei diese laute, keuchende, hektische, unsagbar schöne Stadt nichts weiter als ein riesiger Lesesaal.

2409 Buchhandlungen gibt es in Argentinien, etwa 900 davon im Großraum Buenos Aires. Rund 82 Millionen Bücher wurden 2008 in Argentinien produziert. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl betrachtet, übertrifft das Land mit mehr als 20000 neu veröffentlichten Titeln pro Jahr selbst die Konkurrenz aus Mexiko, wo die größte Buchmesse der spanischsprachigen Welt stattfindet. In Lateinamerika stehen Argentinier im Ruf, arrogant und eitel zu sein. Und in der Tat sprechen sie gern über ihre Vorzüge, die kulturellen Errungenschaften. Aber wer kann es ihnen verdenken? Wie bringt man ein äußerst hübsches, hochbegabtes Kind dazu, vor Fremden nicht das ABC aufzusagen?

Die Buchläden von Buenos Aires sind Initiationsstätten und Treffpunkte, Café oder Café-Ersatz, Orte bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung, Inseln der Stille in einem Ozean aus Lärm, Sehenswürdigkeiten. Der unlängst erschienene Stadtführer Book Of Books widmet sich ihnen ausschließlich. Ein chaotisches Vertriebssystem begünstigt ihren Fortbestand, eine unzuverlässige Post bremst den Internethandel aus. Wenn an einem Tag eine Buchhandlung schließt, öffnet zwei Tage später drei Blocks weiter eine neue.

Seit hippe Kreative und nach ihnen Touristen das Viertel annektiert haben, trägt Palermo Viejo den Beinamen "Soho". Bio-Bistros, hochpreisige Flagshipstores argentinischer Designer und Schnickschnack-Boutiquen prägen die flach bebauten Straßenzüge mit schmiedeeisernen Balkonen, wo im September die Frühlingssonne Schattenknospen an pastellfahle Fassaden wirft. Im Grunde ist es eine Sünde, dass in Palermo überhaupt irgendetwas außer Büchern verkauft wird, so sehr ballen sich die literarischen Bezüge. An der Stiftung Ernesto Sábato, benannt nach einem der bekanntesten Autoren des Landes, zitiert ein Transparent den ersten Satz seines existenzialistischen Romans Der Tunnel : "Es genügt, wenn ich sage, dass ich Juan Pablo Castel bin, der Maler, der Maria Iribarne getötet hat." Die zentrale barumstandene Plaza ist nach Julio Cortázar benannt. Jorge Luis Borges lebte jahrelang ein paar Ecken weiter in einer Straße, die mittlerweile seinen Namen trägt.

Fragt man hier nach dem besten Buchladen, landet man bei der Adresse Honduras 5882. Die außergewöhnlich gut sortierte Buchhandlung Eterna Cadencia gibt es erst seit fünf Jahren. Aber ihre Dielen knarzen so wachstrunken, als wäre sie schon immer hier gewesen. Kronleuchter dämmern über den Auslagen: Nationales, Internationales, Bekanntes und Unverhofftes, auch Titel aus dem eigenen Verlagsprogramm. Aus Lautsprechern rieselt Jazz auf die raumhohen Holzregale.

Bis zum Lesen sind es dann nur noch ein paar Schritte in den glasüberdachten Patio des Ladens. An kleinen Tischen sitzen Paare, versunken in leises Gespräch beim Mittagessen. Von der Decke hängt ein Mobile aus Buch-Skulpturen. Darunter schreibt ein junger Mann an seinem Laptop. Ein Autor womöglich oder einer, der es werden will. Am Abend finden hier im Café oft Lesungen statt, Workshops und Seminare. Die argentinische Bereitschaft zur literarischen Freizeitbildung führt der Schriftsteller Carlos Gamerro unter anderem auf die Diktatur der Jahre 1976 bis 1983 zurück. Kritische Lehrer, die nicht gleich verschleppt wurden, unterrichteten privat. Gute Bildung war in jenen Jahren nur klandestin, im kleinen Kreis zu haben. Inzwischen, sagt Gamerro, lebten viele Autoren besser von den Teilnehmergebühren ihrer Lektürezirkel und Schreibwerkstätten als von den Honoraren ihrer Bücher.

Das Trauma der Diktatur, die mehr als 100000 Folteropfer und 30000 Verschwundenen, steckt der Gesellschaft im Mark. Im Stadtzentrum, an der Avenida de Mayo, die Kongress und Regierungspalast miteinander verbindet, fragen aufgesprühte Stencil-Graffiti "Dónde están" von den Fassaden – Wo sind sie, die Opfer der Diktatur, die von den Militärs gefoltert, ermordet, verscharrt, betäubt im Rio de la Plata ertränkt wurden?