Wer rettet unsere Kommunen vor dem Finanzkollaps? Wer baut Netze für die Energie der Zukunft? Wer hilft, wenn das nächste Hochwasser droht? In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir Frauen und Männer, die schon heute in Berufen arbeiten, die morgen noch wichtiger sein werden.
Teil 6: Pflegeberater

Oft weiß sie nicht, was sie erwartet, wenn eine Tür sich öffnet. Einmal trat Daniela Horn-Wald über die Schwelle und schritt in eine stinkende Müllhalde; ein alter Mann lebte hier, gepflegt von seinem Sohn. Die Verwahrlosung des Vaters schien er gar nicht mitzubekommen.

Heute jedoch öffnet eine elegant gekleidete Dame: Käthe Haußmann, 67 Jahre alt, hochgesteckte weiße Haare, Perlenkette. Eine ehemalige Beamtin im Innenministerium. Über ihren Mann sagt sie: "Der ist geistig schon wieder ganz woanders." Letzte Nacht hat Dieter Haußmann wieder einmal seine Feinde bekämpft. Imaginäre Feinde, im Traum. Haußmann reagiert trotzig: "Ich bin nicht weggetreten! Und außerdem gewinne ich die Kämpfe immer." Herausfordernd blickt er seine Frau an, herausfordernd schaut sie zurück; gleichzeitig liegt Zärtlichkeit in ihren Blicken. Dieter Haußmann, 72 Jahre alt, Diagnose Multiple Sklerose, hat Pflegestufe drei und ist damit schwerst pflegebedürftig. Seine Frau versorgt ihn rund um die Uhr: wäscht ihn, hebt ihn mit dem Lift ins Bett, rollt ihn zu Spazierfahrten. Manchmal bekommt Käthe Haußmann vor Erschöpfung Wutanfälle und nennt ihren Mann einen "Klotz am Bein". Dann wieder stellt sie ihm liebevoll einen Kaffee hin. Daniela Horn-Wald kennt solche Fälle zwischen Selbstaufgabe und Selbstmitleid. Geduldig hört sie dem Ehepaar zu. Und bleibt gleichzeitig zurückhaltend, höflich, akkurat. Distanz trotz Nähe, wird sie später sagen, das sei eines der wichtigsten Prinzipien ihrer Arbeit. Deshalb wird sie die Sorgen der Haußmanns hinter sich lassen, sobald sie die Wohnung verlässt. Sie hat eine vierjährige Tochter; spätestens wenn sie die von der Kita abholt, müssen die Schicksale der Kunden in den Hintergrund treten.

Die 44-Jährige arbeitet für die Firma Compass, die im Auftrag der privaten Krankenkassen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen berät. Seit dem 1. Januar 2009 hat laut Gesetz jeder Pflegebedürftige mit Angehörigen einen Anspruch auf persönliche Beratung. Die privaten und die gesetzlichen Krankenkassen haben den Auftrag, ein entsprechendes Angebot aufzubauen. Vielerorts entstehen nun Stützpunkte, in denen Fragen rund um die Pflege beantwortet werden. Von Bundesland zu Bundesland geschieht dies unterschiedlich schnell, zum Teil stellen auch die Kommunen Pflegeberater. Dabei geht es oft um grundlegende Fragen: Wie beantrage ich eine Pflegestufe? Wer finanziert die Badewanne mit Lift oder den erhöhten Toilettensitz? Wo gibt es Hilfe, auch wenn keine Pflegestufe festgestellt wurde? "Wenn jemand über einem Antrag verzweifelt, sage ich: Machen Sie sich keine Sorgen, ich helfe Ihnen. Sie haben ja jetzt mich", erklärt Horn-Wald. Sie hat als Krankenschwester gearbeitet und später die Wohnstation eines Pflegeheims geleitet; dann studierte sie parallel vier Jahre lang Pflegemanagement.

Heute ist ihr Einsatzort das Auto. Durchschnittlich zwei Wohnungen besucht sie pro Tag. Dort schaut sie sich zuerst unauffällig um, denn den wahren Pflegebedarf verraten Kleinigkeiten. Ist etwa die Wohnung unordentlich und riecht unangenehm, kann das darauf hinweisen, dass die pflegende Person überfordert ist und mehr Hilfe braucht, als sie zugeben will.

Bei den Haußmanns in Bonn spürt Horn-Wald deutlich die Kraftlosigkeit der Ehefrau. "Sie haben beide Ihr Päckchen zu tragen", sagt sie zu den Eheleuten. "Ich möchte Ihnen ans Herz legen, wegzufahren und sich zu erholen." Dann kramt sie eine Liste hervor; drei eng beschriebene Seiten mit Adressen von Hotels und Ferienanlagen, die auch pflegebedürftige Angehörige aufnehmen. Käthe Haußmann ist begeistert: "Dieter, vielleicht hauen wir schon im Oktober ab. Während du gepflegt wirst, gehe ich zur Beautyfarm!" Für die Pflegeberaterin ist das ein voller Erfolg. "Ihre Entscheidung ist sehr vernünftig", sagt sie zum Abschied. Dann steigt sie wieder in ihr Auto; es geht zum nächsten Fall, zum nächsten Schicksal.