Wenn man 15 ist, drei Klassen übersprungen hat und sein erstes Jurasemester beginnt, ist Misstrauen gegenüber Journalisten nicht der schlechteste Ratgeber. Wie denn die Überschrift des Artikels über sie lauten werde, fragt Nathalia Vanessa Schomerus-Lieding. Da sitzt sie gerade in einem Konferenzraum der Hamburger Bucerius Law School. Neben ihr hockt der Pressesprecher der Hochschule, in der Luft liegt der Geruch von Ledersesseln, und Nathalia hat die letzten Minuten damit verbracht, die zahlreichen Stationen ihrer kurzen Schulkarriere herunterzuspulen. Ein routinierter Bericht, dem man anhört, dass er nicht zum ersten Mal erzählt wird.

Wenn man 15 ist und erstaunte Blicke einen begleiten, wann immer man von seinem Werdegang erzählt, kann man sich vorstellen, was über so einem Artikel stehen könnte. "Das Supergenie", sagt Nathalia, "oder die Alleskönnerin." Fast atemlos ergänzt sie: "Das ist das, was mich am meisten stört. Ich will nicht in Schubladen gesteckt werden."

Es stimmt ja: Nathalia Vanessa Schomerus-Lieding hat gerade ihr Abi mit einem Schnitt von 1,5 gemacht, und sie hat einen IQ von über 130. Wie hoch genau, weiß sie nicht und sagt, das sei auch nicht so wichtig. Und ja: Sie gehört zu den jüngsten Studienanfängern, die es jemals in Deutschland gab – und sie ist mit Abstand die Jüngste, die an der renommierten Bucerius Law School die Auswahlrunde überstanden hat.

Ansonsten aber ist Nathalia auch eine ganz normale 15-Jährige, die zu Hause mit ihrer kleinen Schwester und dem Hund spielt. Eine 15-Jährige, die man wie so viele in ihrem Alter eher auf 18 oder 19 schätzen würde: Wenn sie vom kleinen Campus hinüber zum Dammtorbahnhof läuft, um nach Hause nach Blankenese zu fahren, fällt sie in ihrer gestreiften Bluse und dem grauen Pullover nicht mehr auf als all die anderen Jurastudenten, denen ihr Studienfach den Kleiderstil zu diktieren scheint.

Sie fühlt sich wohl an der kleinen Hochschule, oft ist sie von morgens neun bis abends um elf hier. Die Studenten akzeptieren sie, ein interessiertes Nicken, wenn sie von ihrem Alter erzählt, und das war’s. In der Grundschule dagegen haben sich die anderen für die Diddl-Maus interessiert, Nathalia ja auch, aber eben auch für die Bibel und theologische Fragen. "Das war eine sozial schwierige Zeit", sagt sie mit dem ihr möglichen emotionalen Maximalabstand. Kein Wunder, dass sie sich seitdem an ältere Freunde hält. Wann immer einer von ihnen 18 wird, darf sie mitfeiern – solange sie zu der mit ihren Eltern vereinbarten Zeit wieder zu Hause ist.

Ihre Grundschullehrer wollten noch um jeden Preis verhindern, dass sie eine Klasse überspringt, später, auf anderen Schulen, fand sie Verständnis und Förderung. Und, was ihr ganz neu war, sie lernte ihre Grenzen kennen. "Ich verheddere mich manchmal, weil mich zu viele Dinge interessieren, und springe zwischen den Themen. Ich muss beständiger werden", sagt Nathalia. Wo sie sich in zehn Jahren sieht? "Für eine internationale Organisation zu arbeiten, das würde mich reizen." Dass das ziemlich abstrakt klingt, stört sie nicht. "Ich bin 15. Ich muss noch nicht alles wissen", sagt sie und lächelt.

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