Es ist eine Frage der Farbe, im schwarz-grauen Getümmel der Anzug- und Kostümträger einer Tagung nicht unterzugehen. Zu den grauen kurzen Haaren trägt Ilse Wehrmann gern mal ein unruhiges Grün oder ein lautes Lila. Die Signalfarben ihrer Kleidung scheinen nur eine Botschaft zu kennen: An ihr kommt keiner vorbei.

Diesmal tritt Ilse Wehrmann auf einer Veranstaltung zum Weltkindertag auf. Eingeladen haben die Arbeitgeberverbände BDA und BDI. Bezeichnend sei das, sagt Ilse Wehrmann. Nicht die Politik lade zum "Kindergipfel", inzwischen besetze die Wirtschaft das Thema. Die Politik kommt, vertreten durch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, zumindest kurz vorbei. Zum Ausbau der Krippenplätze könne sie nur Positives berichten. Trotz rückläufiger Kinderzahlen bleibe es dabei, bis 2013 sollen 750.000 neue Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren entstehen. Der Bund stelle dafür vier Milliarden Euro zur Verfügung. "Die Politik redet sich vieles schön", sagt Wehrmann. Weil sie sich nur noch um Zahlen kümmere und nicht mehr danach frage, welche Fachkräfte die Kinder betreuen sollen und unter welchen Bedingungen. Sie hatte sich vom Auftritt Schröders mehr versprochen, im besten Fall einen persönlichen Kontakt. "Ich bin es gewohnt, angesprochen zu werden", sagt die 60-Jährige nicht ohne Eitelkeit. Als sie aufs Podium tritt, ist von der Ministerin nur noch das Namensschild an ihrem Platz geblieben.

Die Enttäuschung darüber, wie in Deutschland über Kinder und Familien entschieden wird, gehört zu den Antriebsfedern der Ilse Wehrmann, die ihr Berufsleben vor 40 Jahren als Erzieherin begann und heute als freie Beraterin für frühpädagogische Praxis Betriebskrippen und -kindergärten für Großkonzerne plant und aufbaut. Je mehr sich die deutsche Politik aus der Kinderbetreuung herauszieht, desto mehr bewegt sich Ilse Wehrmann, desto unbequemer wird sie.

"Wir machen es so, wie Sie es wollen", sagten die Konzernchefs

Auf dem Podium redet sie über einen Pakt für Kinder, einen Marshallplan für die frühkindliche Bildung, über eine Kindergartenpflicht und einen Elternführerschein. Sie sagt all das schon seit vielen Jahren. Es gibt nicht viele in Deutschland, die sich am Thema frühkindliche Bildung so festgekrallt haben wie Ilse Wehrmann. Nicht viele, die so hartnäckig drängeln und mit ihrer Kritik so viel Gehör finden. "In Deutschland hängt es von der Finanzkraft einer Kommune und von der Einstellung eines Bürgermeisters ab, ob überhaupt und in welcher Qualität Kinder betreut werden" ist einer dieser Sätze, den sie auf keiner Veranstaltung vergisst, in denen Wissenschaft und Wirtschaft manchmal auf die Politik treffen, viel öfter aber auf viele Praktiker aus den Einrichtungen, in denen die Kinder betreut werden und deren Arbeit in der Kritik steht, seit die Interpretation der Pisa-Studie in den Kindergärten angekommen ist: Kein Wunder, hieß es da, dass 15-jährige Jugendliche so schlecht lesen und rechnen können, hatten sie doch die Zeit ihrer größten Lernbereitschaft, die Jahre vor der Schule, in Sandkästen und Kuschelecken vergeudet. Seitdem tobt in Deutschland der Streit, was frühkindliche Bildung überhaupt ist, in welchem Alter sie beginnen sollte und ob unsere Krippen und Kindergärten gut genug darauf vorbereitet sind. Mittendrin steht Ilse Wehrmann und bezieht eindeutig Position. Von Skandal und politischem Versagen spricht sie, wenn sie sagt, dass "Deutschlands Politiker lieber eine abartige Herdprämie finanzieren, anstatt sich um die Qualität der frühen Bildung zu kümmern".

Ilse Wehrmann, die Unerschrockene, die Ungeduldige, die Kompromisslose. Mit 22 leitete sie einen Kindergarten und studierte nebenbei Sozialpädagogik, 31 Jahre lang war sie Geschäftsführerin der evangelischen Kindergärten in Bremen, später Bundesvorsitzende der evangelischen Kindertagesstätten. Es hätte noch einige Jahre so weitergehen können, aber ihre Spielräume wurde immer enger. Am Ende kam es ihr so vor, als verwalte sie nur noch Notfallpläne in einem permanent unterfinanzierten Betreuungssystem. Dann ging ihr die Kraft aus. Auf ein Burn-out war sie nicht gefasst. 2007 stieg sie aus, legte alle Ämter nieder. Plötzlich war sie frei.

Sie ging auf Reisen, sah sich an, wie man in Skandinavien, England, Italien und Neuseeland mit Kindern umging, wie selbstverständlich es dort war, sie auch schon vor der Schule an Zahlen, Buchstaben, Technik und Natur heranzuführen. Als sie zurückkam, schrieb sie ihre Doktorarbeit über die Bildungspläne zur frühkindlichen Förderung in Krippen und Kitas , die nach Pisa fast alle Bundesländer auf den Weg gebracht hatten. Mit 57 Jahren promovierte Ilse Wehrmann.