Elisa Rapaport faltet die Hände zum Himmel. "Der Signore ist wohl zornig auf mich", sagt die Italienerin. "Er will mich nicht zu sich holen." Dabei seien doch all ihre Lieben schon da oben, ihr Mann, ihre Mutter, ihre Freundin. Sie verwirft die Hände, lacht und weint zugleich und ruft: "Zu wem hätte ich gehen sollen?" Fast neunzig ist sie, Kinder hat sie keine, dafür eine Arthrose, die ihr das Leben schwer macht. Und dann ständig diese Stürze, zwei, drei in bloß einer Woche. Das ging nicht mehr. Deshalb lebt Elisa Rapaport seit ein paar Monaten in der italienischen Abteilung des Domicil Schwabgut in Bern, gemeinsam mit zehn anderen Seniorinnen ihres Herkunftslandes.

Der Fernseher ist auf Rai Uno eingestellt, in der Ecke steht eine künstlich beleuchtete Madonna. Vor zwei Jahren wurde die italienische Altersheimabteilung eröffnet – als erste und einzige in Bern. Eine Befragung betagter Italiener hatte gezeigt, dass deren Wunsch nach einer eigenen Wohngruppe groß ist. Die Stadt Bern nahm das Bedürfnis auf und erarbeitete mit der Fachstelle für Migration der katholischen Kirche und verschiedenen italienischen Organisationen das Konzept einer mediterranen Altersheimabteilung. Integrieren ließ sich diese ins Domicil Schwabgut, wo die Senioren in autonomen Hausgemeinschaften leben. Seither wird im neunten Stockwerk des Altersheims in Bern-Bümpliz ausschließlich Italienisch gesprochen.

"Die Nachfrage der betagten Italiener ist groß", sagt Hans-Jörg Surber, Geschäftsleiter des Domicils. "Wer nicht bei seinen Kindern unterkommt, zieht mit Vorliebe in ein Altersheim mit italienischen Angestellten, Bewohnern und Essgewohnheiten." Die Atmosphäre sei anders als in den Schweizer Abteilungen, das Bedürfnis nach Geselligkeit größer, die Gespräche seien lauter und die Besuche häufiger.

Ganz reibungslos ging die Planung dieser Abteilung nicht über die Bühne. Gegenstimmen kamen von einigen Schweizer Senioren, die schon im Domicil wohnten. "Jetzt bekommen die Tschinggen noch eine Extrawurst. Und unsereins muss nehmen, was bleibt", hieß es. Mittlerweile haben sie die Einrichtung zwar akzeptiert, achten aber pingelig darauf, ob Heimleiter Surber nicht doch etwa häufiger bei den Südländern als bei den Schweizern anzutreffen ist. "Alltagskram", sagt Surber lachend, "halb so schlimm." Aber er steht dazu, dass er, der Sohn einer Italienerin, gerne in der mediterranen Abteilung vorbeischaut.

Die Einwanderung der Italiener ist kein Ruhmesblatt für die Schweiz

Es war in den frühen fünfziger Jahren, als Elisa Rapaport ihr Dorf in der Nähe von Venedig verließ und in die Schweiz kam. Sie arbeitete im Service, lernte einen Westschweizer kennen und heiratete ihn. Kinder blieben dem Paar verwehrt, etwas, das der Frau noch heute Tränen in die Augen treibt, und so arbeitete sie viel und ohne Unterbruch, in Restaurants, einer Buchbinderei und schließlich dreißig Jahre lang in der Berner Schokoladenfabrik Tobler. Tagein, tagaus stand sie am Fließband und füllte Pralinen in Schachteln. Sie war friedfertig, doch wenn eine Schweizer Arbeiterin sie Tschingg nannte, wartete am nächsten Tag Ehemann Rapaport vor der Fabriktür und knöpfte sich die Betreffende vor.

Aber die Arbeitskollegin wollte einfach nicht aufhören. "Die Tschinggen stehlen alle", sagte sie. Etwas später kam an den Tag, dass genau diese Arbeiterin selbst Schokolade geklaut hatte. "Sie verlor die Stelle", sagt Elisa Rapaport, und ihre Stimme bebt, "ausgerechnet sie, die mich Diebin genannt hat."

Die Italiener waren die ersten Fremden, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz kamen. Manch ein Eidgenosse störte sich an ihrem lauten Sprechen, ihren Zusammenkünften in den Bahnhofshallen und ihrer Art, den Frauen Komplimente zu machen. Bald wurden die Italiener Tschinggen genannt. Ein Schimpfwort, das vermutlich von einem italienischen Kinderspiel herrührt, das dem Schweizer "Schere, Stein, Papier" ähnlich ist – und bei dem "cinque la morra" gerufen wird. Der erste Rechtspopulist des Landes, James Schwarzenbach, heizte das Ganze mit dem Begriff Überfremdung an. "Braune Söhne des Südens" nannte er die Italiener, und er warnte davor, dass dieses "artfremde Gewächs" das friedliche Zusammenleben in der Schweiz gefährde. Seine Überfremdungsinitiative, deren Annahme die Ausweisung von 300.000 Ausländern bedeutet hätte, wurde 1970 nur knapp abgelehnt und in sieben Kantonen sogar angenommen.