DIE ZEIT: Herr Notter, was ist ein Politiker?

Markus Notter: Ein Mensch, der sich für die Gemeinschaft engagiert und eine Haltung hat, wie die Gesellschaft organisiert sein soll.

ZEIT: Täuscht der Eindruck, dass wir weniger Politiker haben, die ein solches Selbstverständnis haben?

Notter: Auch wenn ich es nicht wissenschaftlich belegen kann, sehe ich, dass Politiker heute zunehmend auf öffentliche Meinungen, auf Trends, auf Moden reagieren – und das tun sie sehr beliebig. Aber vielleicht bin ich einfach zu alt.

ZEIT: Sind Sie als 49-Jähriger sicher nicht. Warum ist das so?

Notter: Der öffentliche Diskurs ist trivialisiert. Wenn ich etwa sehe, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Wolfsdebatte im Nationalrat live überträgt, dann frage ich mich schon: Ist das jetzt das wichtigste Thema? Alles, was in der Boulevardpresse auf der Front erscheint, interessiert die Politiker. Aber mehr nicht.

ZEIT: Wie konnte es passieren, dass der Politiker so verluderte?

Notter: Das hat leider mit den Medien zu tun. Es hat eine flächendeckende Boulevardisierung der Themen und ihrer Aufbereitung stattgefunden. Das scheint kommerzielle Gründe zu haben. Der Regierungsrat hatte kürzlich eine Diskussion mit dem Vertreter eines größeren Verlagshauses in Zürich über die Frage von Qualität. Man legte uns dar, dass das, was man tut, notwendig ist – und dass es einzig und allein der Qualitätssicherung dient. Aber auf meine Rückfrage, wie in diesem Verlagshaus Qualität definiert und gemessen wird, kam keine Antwort.

ZEIT: Sie vermuten, Qualität werde nur an Verkaufszahlen gemessen.

Notter: Ja, das einzige Kriterium für Qualität ist die verkaufte Auflage. Das ist doch ein Elend. So finden eher grundsätzliche, aber nicht so knackige Themen und Fragen keinen Weg mehr ins Blatt. Das hat natürlich damit zu tun, dass eine große Partei wie die SVP mit Trivialisierung und Emotionalisierung von Themen große Erfolge feiert. Das wird von den anderen Parteien, aber auch von den Medien imitiert.

ZEIT: Ist das ein Grund dafür, warum Sie Ihren Rücktritt erklärt haben und kein Politiker mehr sein wollen?

Notter: Ja, das ist ein Grund, weshalb ich Politik mit noch größerer Distanz beobachten will.

ZEIT: Ach, Sie waren in Ihrem Amt schon recht distanziert?

Notter: Ich musste mir eine gewisse Distanz zur Sache zulegen, sonst wird Politik ungesund.

ZEIT: Man hat als Außenstehender den Eindruck, Politik sei heute ein Boxkampf.