Was für ein grausamer Mann. Es genügt ihm nicht, die Geige einsam 24 Takte lang in Oktaven spielen zu lassen, was aus einer einfachen Melodie schon einen Kraftakt der Koordination zwischen Ohren, Fingern und Gehirn macht, besonders wenn Triller dazukommen. Wo immer es geht, müssen die Finger auch noch ganz oben auf den tiefsten Saiten herumrutschen, als hätte die Geige nur die beiden.

So beginnt das dritte der 24 Capricci von Niccolò Paganini, 1820 erstmals erschienen, die unvermindert zum Sauschwersten gehören, was Geiger sich aufs Pult legen können, und erheblich mehr sind als Zirkusstücke. Schwierigkeitsrekorde verschmelzen mit Ausdruck und Architektur zur Kunst, die Interpreten braucht. Und da wird das Feld der hörenswerten Geiger noch überschaubarer, als es die Liste lieferbarer Aufnahmen ohnehin schon ist.

Nur zwei Solisten von internationaler Reputation haben in jüngster Zeit die Capricci herausgebracht, vor einem Jahr Thomas Zehetmair, Jahrgang 1961, und jetzt Julia Fischer, Jahrgang 1983. Paganini konnte kaum Besseres passieren – denn die beiden gehen so unterschiedlich mit den Stücken um, dass deren Potenzial umso deutlicher wird.

Während Zehetmair in einen Abgrund blickt, in dem sich die Dämonen des Italieners mit denen der deutschen Romantik treffen, wo sich Schatten jagen und die Virtuosität mitunter nach innen bohrt, als gebe es nur dort einen Ausweg, zeigt Julia Fischer schon im ersten Stück, dass der Teufelsgeiger nicht immer von Schwefelwolken umgeben war. Offen, mit leichtem Ton, fast frohgemut spielt sie die Arpeggien – und keineswegs so besinnungslos muskulös, wie es die Kampfgeiger der Wettbewerbe gern tun.

Sie stellt die Stücke als die funkelnden Gebilde hin, die sie auch sein können, sie hält (wie allerdings jeder ernst zu nehmende Streicher) das Vibrato nicht für einen Dauerzustand, sondern für ein Gestaltungsmittel, und will Tonschönheit auch da, wo der Komponist es fast verhindert – etwa in den Linien, die sie, Bach im Sinn, im zweiten Stück zweistimmig herausarbeitet.