Eine Klasse für sich – Seite 1

Fragt man einen Adligen, ob sein Leben geprägt sei von seiner Herkunft, winkt er gerne ab – besonders wenn er zur jüngeren Generation zählt. Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, er habe Standesdünkel. Nein, der Adelstitel sei für ihn ohne Bedeutung, allenfalls gebe es da einen entfernten, steinalten Großonkel, der noch gelegentlich im Gotha blättere – dem Genealogischen Handbuch des Adels, das festsetzt, wer zum Adel gehört und welchen Rang er einnimmt. Wer sich heute etwas auf seinen Namen einbilde, mache sich nur lächerlich.

Plaudert man allerdings ein wenig weiter, stellt man fest, dass der adlige Gesprächspartner Klischees erfüllt, die man mit einem adligen Lebenslauf verbindet: Er hat häufig ein Internat besucht. Er hat wahrscheinlich schon einmal an einem Ausflug von "Adel auf dem Radl" teilgenommen, bei dem Jungadlige mit dem Rad von Schloss zu Schloss fahren, bei der Instandhaltung helfen und dabei ihren standesgemäßen Lebenspartner finden. Er hat den Militärdienst entweder bei den Gebirgsjägern oder den Panzeraufklärern (dem Nachfolgeregiment der Kavallerie) geleistet. Überdurchschnittlich häufig arbeitet er im Auswärtigen Amt, im Kunsthandel oder in einer Privatbank. Und er hat viele Geschwister.

Natürlich erkennt man den Adligen auch an einer bestimmten Ausdrucksweise: Er geht ostentativ "aufs Klo" – nie "auf die Toilette", da er nichts mehr fürchtet, denn als spießig zu gelten. Er sagt nie "Guten Appetit", sondern legt einfach mit dem Essen los. Und wenn er nicht zum Etagenadel gehört (der seine Besitzungen 1945 im Osten verloren hat und seither "auf Etage" wohnt, also nicht mehr im Schloss), dann wird er sagen, ja, ja, seine Eltern hätten auch "so einen Kasten" – was bedeutet, dass es ein Schloss im Familienbesitz gibt. Begegnet man ihm auf einer Party, fällt er sofort auf: Adlige sind ausgezeichnete Tänzer, weil die Tanzschule zu ihrer frühen Sozialisierung gehört und sie nicht aus der Übung kommen – Bälle und Festlichkeiten füllen die Wochenenden.

Spricht man den Adligen auf all das an und sagt: "Das ist doch typisch mit dem Internat", schüttelt er den Kopf und sagt, das habe nichts mit seiner Herkunft zu tun, er sei nur ein echtes Problemkind gewesen, das es am normalen Gymnasium nicht geschafft habe.

Selbstverständlich hat jeder Mensch das Recht, sich als Individuum und nicht als Verkörperung seines Standes zu sehen. Für den außenstehenden Beobachter sieht es aber anders aus. Das gemeine Volk hat ja schon immer neugierig geschaut, was der Adel so treibt, aber der lebte entweder hinter Schlossmauern versteckt oder – ähnlich fern – in den Spalten der Klatschpresse. Doch seit der Freiherr Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg aus den zinnenbewehrten Kulissen ins grelle Licht der politischen Öffentlichkeit getreten ist und seine Beliebtheitswerte geradezu durch die Decke gehen, fragen wir uns irritiert, ob es vielleicht die adlige Herkunft des Verteidigungsministers ist, die unsere bürgerlichen Herzen höher schlagen lässt. Haben wir uns etwa über die Bedeutung des Adels in Deutschland nur ungenügend Rechenschaft abgelegt? Gelangt der alte Stand zu neuer Macht? Tritt da gerade eine neue Generation junger Adliger einen Marsch durch die Institutionen an? Und: Lassen wir uns von Guttenbergs Adelsprädikat nur blenden – oder bringt der Mann aus seiner Herkunftswelt Werte mit, nach der eine Zeit, die sich selbst als instabil empfindet, giert?

Juristisch wurde der Adel in Deutschland und Österreich mit dem Ende der Monarchien 1918 abgeschafft. In Österreich wurde das Tragen von Adelstiteln verboten, in Deutschland darf man sie als Namensbestandteil weiterführen. Mehr nicht. Seither besitzt der Adel – dem in Deutschland schätzungsweise 100.000 Menschen angehören – weder politische Privilegien, noch übernimmt er eine bestimmte gesellschaftliche Funktion.

Doch wer sich auf eine Reise in diese fremde Welt macht, Schlösser betritt, die keine Museen sind, sondern Wohnsitze, stellt fest: Dafür, dass es den Adel eigentlich nicht mehr gibt, hat er sich gut gehalten. Keine andere Schicht ist so homogen, pflegt bestimmte Traditionen und – das ist soziologisch entscheidend – reproduziert sich immer noch zu einem erheblichen Teil aus sich selbst. Kurzum: Der Adel, weit davon entfernt, ein historisches Relikt zu sein, ist als Klasse von ungebrochener Vitalität und Selbstidentität.

Erich Prinz von Lobkowicz, Jahrgang 1955, ist ein stattlicher Mann: Seine Körpergröße versteckt er nicht, eingezogene Schultern wird man bei ihm nicht sehen – ganz so, als sei er tief im Innern der Ansicht, seine Körpergröße sei alles andere als ein biologischer Zufall. Er lebt auf Schloss Maxlrain in Oberbayern, in der Nähe des Chiemsees. Wenn es sonst in der Gesellschaft unsichtbare Schwellen gibt, stehen wir beim Besuch vor einer sichtbaren: Das große zentrale Tor, das durch einen Rosengarten zum Schloss führt, ist verschlossen. Eine Klingel gibt es nicht. Wir laufen einmal – ein mittlerer Spaziergang – um das Schloss herum, bis sich seitlich in der Mauer ein Zugang auftut. Wir klopfen vergeblich an mehrere Türen, bis uns endlich ein Hausangestellter aufgabelt und bittet, ihm zu folgen.

An den Wänden hängen Porträts der Vorfahren, aber heute schauen sie auf Scheinwerfer und Filmkameras. Dazwischen schlunzige Mädchen, die in Walkie-Talkies sprechen. Ein Schloss instand zu halten ist eine teure Sache. Deshalb vermietet Prinz von Lobkowicz sein Haus immer mal wieder an Filmteams. Maxlrain ist ein einzigartiges Renaissanceschloss mit schwindelerregendem Schrägdach, umgeben von einer gepflegten Parkanlage. Im ersten Stock empfängt uns der Schlossherr. "Ich schaue mir die Drehbücher vorher an", sagt der Prinz, "wenn da Sexszenen drinstehen, kommen wir nicht ins Geschäft." Die Lobkowicz sind eine katholische Familie. Und wenn man eine erste Idee von der Persönlichkeit des Hausherrn gewinnen will, muss man sich ihn als jemanden vorstellen, der einen solchen Satz sagen kann, ohne dabei im Entferntesten verklemmt oder bigott zu erscheinen. Prinz Lobkowicz verbittet sich Sexszenen so, wie ein anderer keine Pommes Frites anrührt, die in abgestandenem Fett frittiert wurden.

 

Maxlrain ist ein Schloss wie aus dem Bilderbuch, und auch der Hausherr hat etwas von der Idealfigur eines Adligen, wie man sie im Jahr 2010 für längst ausgestorben gehalten hätte. Dazu gehören nach wie vor: hohe Religiosität, karitatives Engagement, großes Geschichtsbewusstsein, Pflege des kulturellen Erbes. Und ein Habitus, in dem sich Aplomb und Beiläufigkeit, Präsenz und Understatement zu absoluter Verhaltenssicherheit verbinden. Und die Kaltblütigkeit, vollkommen anachronistische Sätze zu sagen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Was mir am wichtigsten ist: Meine Familie ist seit 650 Jahren glücklich und inbrünstig katholisch
Erich Prinz von Lobkowicz

Man hat das Gefühl, Erich Prinz von Lobkowicz schreite seit Jahrhunderten durch lange Schlossfluchten. Dabei ist er "auf Etage" aufgewachsen. Die Lobkowicz sind ein altes böhmisches Geschlecht, nach 1945 verloren sie ihre Schlösser und Besitzungen in Böhmen und flüchteten mehrheitlich in den Westen. Prinz von Lobkowicz’ Vater war Philosophieprofessor und viele Jahre Präsident der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Familie wohnte in einem Reihenhaus in München. In dem Haus gab es keine Vorhänge. Seine Mutter, eine Waldburg-Zeil, hasste Vorhänge. Vorhänge seien nur etwas für Leute, denen man ins Fenster schauen könne, pflegte sie zu sagen. Dass man nicht mehr im Schloss, sondern im Reihenhaus wohnte, wurde gewissermaßen mental nicht nachvollzogen. "Bei uns zu Hause", sagt Prinz Lobkowicz, "sah es immer ziemlich chaotisch aus. Meine Eltern kamen aus Schlössern mit viel Personal, auf die Lebensweise im Reihenhaus waren sie nicht gut vorbereitet."

Seit er eine Hohenthal und Bergen geheiratet hat, ist er wieder Schlossherr. Zu Maxlrain gehört eine Brauerei. Und Ländereien. Lobkowicz, der Philosophie studiert hat, hat die Brauerei zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht. Dazu gibt es Opernaufführungen, Dichterlesungen, Mundklampfenkonzerte und ein Oldtimertreffen rund ums Schloss.

"Die Prägekraft der Herkunft", sagt Prinz Lobkowicz, "kann nur ein Blinder nicht sehen." Der Prinz ruht zu sehr in sich selbst, um sich zu verstellen. "Schauen Sie", sagt er, "mir ist doch auch klar: Die meisten Adligen folgen dem Prinzip ›Tarnen und Täuschen‹. Wenn Sie in feindlicher Umgebung aufwachsen, sind die Schutzreflexe stark. Da passen Sie sich in Ihren Redeweisen gerne mal an. Ich verzichte meist auf diese Tarnmanöver."

Natürlich nicht immer. Wenn ihn der Bürgermeister von Bad Aibling frage, ob er und seinesgleichen eigentlich immer adlig heiraten müssten, dann antworte er um des lieben Friedens willen: "Nein, natürlich nicht." Und ohne Tarnen und Täuschen – welche Rolle spielt die standesgemäße Heirat? "Sie ist entscheidend", sagt Lobkowicz, "denn Kinder werden von zwei Eltern erzogen. Was dabei herauskommt, ist eine Mischung dieser beiden Linien." Eigentlich sei die Frage nicht, was den Adel, sondern was Familien ausmache. Man könne das auch an den großen jüdischen Familien sehen, die ähnlich wie der Adel dauerhafte Dynastien ausgebildet hätten – mit langer Geschichtsperspektive und kulturellem Sendungsbewusstsein: Auch da gebe es etwas, das über den Einzelnen hinausgehe und diesen zugleich stütze.

Vielleicht hat ja die Entscheidungsfreude, die uns an Guttenberg so erstaunt, etwas mit diesen Gewissheiten zu tun, mit denen ein Adliger auch seinesgleichen heiratet und für Kinderreichtum sorgt. Die standesgemäße Heirat, fährt der Prinz fort, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass die Ehe nicht scheitert. Der Rückhalt zweier großer Familien stütze die Verbindung. "Jeder weiß doch: Man heiratet nicht eine Person, sondern eine Familie."

Der Prinz setzt noch eins drauf und sagt: Dabei stehe dieses Familienbewusstsein noch nicht mal im Zentrum seines Lebens – denn da sei der Glaube. Auch das wird diese Reise deutlich machen: Im Adel – und nicht nur im katholischen – gibt es noch Formen praktizierter Gläubigkeit, wie sie die westliche Welt kaum mehr kennt. Gloria von Thurn und Taxis ist da keineswegs eine exzentrische Ausnahme. Prinz von Lobkowicz ist Präsident des Souveränen Malteserordens: "Wenn Sie mich fragen, was mir am wichtigsten ist, würde ich sagen: Meine Familie ist seit 650 Jahren glücklich und inbrünstig katholisch. Die Weitergabe einer persönlichen Gebetsbeziehung zu Gott ist mir das wichtigste." Die sei übrigens der Kitt jeder Ehe.

Faszinierend am Adel ist die Erfahrung, dass es in der deutschen Gesellschaft eine Klasse gibt, die völlig andere Lebensformen pflegt als jene, die in der Öffentlichkeit üblich sind. Staunend wie ein Ethnologe bewegt man sich durch diese fremde Welt – als handele es sich um einen Eingeborenenstamm, der tief im Amazonasdschungel überlebt hat, unberührt von allen modischen Zivilisationseinflüssen. Zugleich kann man dabei beobachten, wie wenig Menschen Individuen sind und wie sehr sie stattdessen in Habitus und Lebensweise von ihrem Stand geprägt sind.

Wer sich mit dem Adel befasst, muss sich anstrengen, nicht den Überblick zu verlieren: Es gibt den katholischen Adel und den protestantischen. Dann gibt es den ostelbischen Adel, der nach 1945 alles verloren hat. Er hat manchmal etwas Verkniffenes, weil er den Verlust seiner natürlichen Lebensform durch prononciertes Standesbewusstsein auszugleichen versucht. Die Rangunterschiede innerhalb des Adels sind noch ausgeprägter als die Grenze zwischen Adel und Bürgertum. Bis 1918 gab es für diese Binnendifferenzierung das Heroldsamt, bei dem jeder adlige Hausherr anfragen konnte, wenn er sich bei der Tischordnung unsicher war. Heute gibt das Genealogische Handbuch des Adels, die Nachfolgepublikation des Gotha, Auskunft darüber, wer welchen Rang einnimmt: In der ersten Abteilung des Handbuchs werden die bis 1918 regierenden Häuser geführt. In der zweiten Abteilung folgen die Standesherren. Zu ihnen zählen jene Familien, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation reichsunmittelbar waren – das heißt: souveräne Herrscher und nur dem Kaiser untertan. 1806 verloren sie ihre Souveränität an ein größeres Herzogtum oder Königreich. Die Betroffenen erklärte man zu Standesherren: Sie galten als ebenbürtig mit den regierenden Häusern, durften also deren Kinder heiraten. Noch heute sind die Standesherren ein Kreis mit ausgeprägtem Standesbewusstsein. Einmal im Jahr treffen sie sich zum Ball der Standesherren – auch die Guttenbergs gehören dazu.

Dann ist da noch die Rangfolge der Titel (Herzöge, Fürsten, Grafen, Freiherren – mit der jeweils korrespondierenden Zahl an Zacken, die eine Familie in der Krone ihres Wappens führen darf: Die gräfliche Krone hat neun Zacken, die freiherrliche nur sieben…), vor allem aber das Alter der einzelnen Stämme. Eine "uradelige" Familie – der Stichtag liegt tief im 13. Jahrhundert – toppt eine im späten 19. Jahrhundert gefürstete Familie.

 

Man mag das alles für grotesk halten, aber es bestimmt die Lebenswirklichkeit des Adels bis heute. Einfach weil dieser Club, auch wenn er vollständig auf Understatement macht, diese Unterscheidungen stets genau im Kopf hat.

Hans von Trotha arbeitet in der Verlagsbranche. Er ist Literaturwissenschaftler und hat ein vorzügliches Buch über die Entstehung der englischen Gartenarchitektur geschrieben. Er strahlt auch selber etwas Britisches aus – man könnte ihn sich gut als Dozenten in Oxford vorstellen. Wir treffen uns in einem Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Von Trotha hat bürgerlich geheiratet und ist darüber heilfroh. Als hätte er damit eine Last abgeschüttelt: "Ich bin genauso gern mit Adligen wie mit Nichtadligen zusammen, wenn es interessante Menschen sind. Aber die Zwangsgemeinschaft Adel, als Stand, als Schicht, wahrscheinlich schon als Großfamilie, das schreckt mich." Von Trotha hält den ganzen Zirkus um Titel und Rangfolgen für absurd, weiß aber, dass er durch bloße Ablehnung seiner Herkunft deren Prägekraft nicht entkommt.

Ich versuche, Führungskräften eine alte Schauspielerweisheit beizubringen: Den König spielen die anderen
Severin von Hoensbroech

Seine Familie stammt aus Sachsen. Die von Trothas hatten im Osten ein Schloss, das sie nach 1990 nicht zurückbekommen haben. Hans von Trotha war erleichtert, denn sonst hätte er sein Leben auf dieses Schloss einstellen müssen. Man lebt dann nicht sein eigenes Leben, sondern eines, das der familiären Verpflichtung gerecht wird. Von Trotha fügt hinzu: "Die Enteignung war Unrecht, gar keine Frage. Aber vielleicht war die Aneignung Jahrhunderte zuvor ja auch Unrecht. Das ist allerdings eine Frage für Historiker und Moralphilosophen, nicht für Gerichte."

"Der Adel", sagt von Trotha, "leidet unter einem subjektiven Mangel an Wahrnehmung und einem objektiven Mangel an Bedeutung." Deswegen würden die Familiengeschichten mühevoll gepflegt, zum Beispiel durch den Einsatz für den Erhalt von Straßennamen oder die Publikation von Familienchroniken. Ganz frei von Faszination für seine Herkunftswelt ist aber auch von Trotha nicht. Als Kenner von Gartenarchitektur weiß er die starke Seite des Adels zu würdigen: "Der Adel hält länger durch. Du legst einen Garten nur an, wenn du überindividuell denkst. Die Eichen, die du heute pflanzt, werden sich erst für den Enkel zu einer Parkperspektive fügen. Es ist wurscht, ob du der 1. oder der 17. George bist – du sorgst dafür, dass der Garten weiter blüht. Die Familie ist groß, das Individuum ist klein."

Vielleicht liegt hier die eigentliche Ressource, die von Guttenbergs Erfolg erklärt: Während wir gewohnt sind, dass die Politik nur noch im Rhythmus der Wahlkämpfe handelt und die Aktienmärkte den Quartalszahlen entgegenfiebern, präsentiert sich Freiherr von Guttenberg als Mann der Grundsätze und der Langfristigkeit. "Ich wundere mich immer wieder", sagte der Minister vor Kurzem, "über den einen oder anderen Schlaumeier, der weiß, wie in 20 Jahren die Welt aussieht." Der Freiherr hingegen, der Platon im Original liest, unterschätzt den wechselvollen Lauf der Geschichte nicht, kennt aber aus seiner Familientradition Strategien, wie man trotz dieser Instabilitäten langfristig Kontinuität sichert. Der Adel war eben, schon lange bevor es das Wort gab, ein Nachhaltigkeitsverein.

Als Klasse mit wiedererkennbaren Eigenschaften also hat sich der Adel hervorragend gehalten. Ist er auch ein Machtfaktor? Der Adel ist zwar vielfach vermögend, doch zu den Superreichen zählt er nicht. In der Liste der 300 reichsten Deutschen kommen nur wenige Adlige vor – vor allem die mit immensem Waldbesitz wie die Fürstenbergs oder die Thurn und Taxis. Aber politische Macht?

Michael Hartmann ist Soziologe an der Technischen Universität Darmstadt und bekannt geworden mit Forschungen über Elitenrekrutierungen. Der Zugang zu Elitepositionen, zeigen seine Untersuchungen, ist immer noch sehr stark von der sozialen Herkunft geprägt. Hartmann hat 6500 Promovierte der Jahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 aus den Fächern Recht, Wirtschaft und Ingenieurwissenschaften erfasst. Darunter waren 51 Adlige, was Hartmann zufolge nur leicht überproportional ist. Von diesen 51 war nur einer in der Politik erfolgreich: Richard von Weizsäcker. Aber viele in der Wirtschaft: 16 der Adligen nahmen eine Führungsposition in einem der 400 wichtigsten deutschen Unternehmen ein; fünf saßen in den Vorständen eines Konzerns. Hartmann sagt: "Diese kleine Gruppe der 51 Adligen hat am schnellsten Karriere gemacht."

Dafür gibt es für ihn einen klaren Grund: "Sie erfüllen die informellen, habituellen Rekrutierungskriterien aufgrund ihrer langen Familientradition perfekter als andere. Souveränität ist das A und O. Es geht darum, so aufzutreten, als gehöre man selbstverständlich dazu."

Warum ist der Adel dann nicht stärker in der Politik vertreten? Die Politik, meint Hartmann, sei über Jahrzehnte kleinbürgerlich geprägt gewesen: "Die aktuelle schwarz-gelbe Regierung ist das erste Kabinett, in dem es nur noch ein Arbeiterkind, nämlich Pofalla, aber drei Vertreter des Großbürgertums und des Adels gibt: den Hugenotten de Maizière, von der Leyen und Guttenberg. In der Großen Koalition dagegen waren noch vier Arbeiterkinder vertreten." Der Anteil des Großbürgertums und des Adels, so Hartmann, nehme neuerdings zu, weil sich die Rekrutierungsmechanismen der Politik verändert hätten. Früher habe die Ochsentour gegolten. Heute seien die Parteien kleiner geworden, die Karrieren daher schneller. Das begünstige Quereinsteiger wie Guttenberg, der erst mit 28 Jahren in die CSU eingetreten ist.

Insgesamt aber sei der Adel in Deutschland keine politische Macht mehr. Denn der Kern des politischen Adels sei ostelbisch gewesen, und dem sei nach 1945 buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen worden. "Der Hochadel ist zwar perfekt vernetzt, aber als gesellschaftliche Gruppe zu klein, um über die jeweilige Region hinaus eine bedeutende politische Rolle zu spielen."

Die Familie Rotenhan hat ihren Stammsitz seit 800 Jahren in Rentweinsdorf, einem Örtchen nahe Bamberg. Die Familie war, eine Besonderheit der fränkischen Ritterschaft, bis 1806 souveräner Herrscher ihres kleinen Baronats, das aus etwa sechs Dörfern bestand. Sie übte die Patrimonialgerichtsbarkeit aus, war für das Schulwesen verantwortlich und sorgte für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation verloren die Rotenhans ihre Souveränität an die bayerische Krone. Dem Hause Wittelsbach fühlen sie sich entsprechend wenig verbunden, zumal die Wittelsbacher katholisch sind, die Rotenhans aber Protestanten.

 

"Ein fränkischer Reichsritter fühlt sich einem bayerischen Grafen überlegen, denn der hat es ja höchstens zu einer Hofschranze in München geschafft", erklärt Sebastian von Rotenhan zur ersten Orientierung des Besuchers – nachdem wir am Bamberger Bahnhof in seinen VW-Bus gestiegen sind.

Wer ohne Geld nix wird, wird auch nix mit Geld. Ein Tritt in den Hintern gehört bei mir zu den wichtigsten Erziehungsmitteln
Sebastian von Rotenhan

Sebastian von Rotenhan, Jahrgang 1949, der sehr viel Wald sein Eigen nennt, wirkt selbst wie eine Eiche: knorzig und fest verwurzelt. Seine Sätze sind klar, deutlich und gern provokant. Zehn Jahre lang war von Rotenhan Landtagsabgeordneter für die CSU. "Die Demokratie", sagt er, "hat zwei entscheidende Vorteile: Sie hat Frieden und Wohlstand gesichert. Dafür muss man ihre Nachteile in Kauf nehmen. Und ich habe mich nicht gedrückt. Glauben Sie mir, es gibt Lustigeres, als Landtagsabgeordneter zu sein." Im vergangenen Jahr aber hat er sein CSU-Parteibuch abgegeben. Den Populismus Seehofers konnte er nicht mehr ertragen.

Die Rotenhans sind sehr protestantisch. "Wenn Sie von Katholiken umgeben sind, schärft das Ihr protestantisches Selbstverständnis", sagt der Baron. Was das konkret bedeutet, erhellt eine kleine Geschichte: In der weiteren fränkischen Nachbarschaft sitzt die fürstliche Familie zu Castell-Castell, berühmt als der Inbegriff einer protestantischen Familie. Der alte Fürst, heute hoch in den Achtzigern, muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit sein. Er hat tragischerweise seinen ältesten Sohn bei einem Unfall verloren. Die beiden nachfolgenden Söhne heirateten bürgerlich und kamen deshalb für die Nachfolge als Chef des Hauses nicht infrage. Schließlich heiratete sein vierter Sohn – und zwar durchaus standesgemäß. Allerdings war die Braut katholisch. Der alte Fürst ergab sich in sein Schicksal. Erbgraf Ferdinand hat aber nicht nur eine Katholikin geheiratet, er lässt seine Kinder auch katholisch aufwachsen. Nach 500 Jahren wird die fürstliche Familie Castell-Castell katholisch.

Wo ist das Problem? Bürgerlich würde man sagen: Hauptsache, die Brautleute werden glücklich! Sebastian von Rotenhan sieht das anders. "Dass der Ferdinand Castell katholisch geheiratet hat, empfindet der ganze Stand als ein In-den-Rücken-Fallen. Wir haben den Kontakt eingeschränkt. Es gibt ein paar Essentials, dazu gehört: Das Haus bestimmt die Konfession. Das kommt noch vom alten cuius regio eius religio her." Der Herrscher bestimmt den Glauben seiner Untertanen – ein im Augsburger Religionsfrieden und im Westfälischen Frieden geregeltes Rechtsprinzip. Warum sollte es heute noch wichtig sein?

Von Rotenhan zeigt von seinem Rokokoschloss hinab auf eine kleine protestantische Kirche im selben Baustil, jenseits der Straße. "Die Einwohner des Dorfs sind doch nur deshalb protestantisch geworden, weil die Herrschaft protestantisch wurde. Wir sind hier eine protestantische Minderheit." Jahrhunderte seien die Untertanen solidarisch gewesen. "Wenn mein Sohn morgen katholisch heiratet, fällt er dem ganzen Dorf in den Rücken." Rotenhans älteste Tochter, er hat sieben Kinder, ist Pfarrerin in München geworden.

Der Baron, ohnehin ein nie versiegender Kraftquell, dessen donnernde Stimme durch die Schlossfluchten tönt, ist jetzt in Fahrt. Zum Mittagessen hat es Frikadellen mit Kartoffelstampf gegeben, dazu grünen Salat. Die Schulferien haben begonnen. Die zwei jüngsten Söhne sind aus ihren Internaten am Bodensee und in Thüringen zurückgekehrt. Ein Lob geht an Rosi für das gute Essen. Vor und nach der Mahlzeit gibt es ein knappes Tischgebet. Natürlich vom Paterfamilias.

Nach dem Essen sitzen wir in einem der Schlossräume. Altes Mobiliar. Sehr geschmackvoll. Dazwischen ein Ikea-Sofa. Wäre uns nicht aufgefallen, hätte uns der Hausherr nicht darauf hingewiesen: "Druntergemischt."

Adel, sagt von Rotenhan, bedeute für ihn, die Sache über die Person zu stellen. Jedes private Unternehmen sei spätestens nach der dritten Generation nicht mehr an seinem Stammsitz, die Rotenhans aber seien auch nach 800 Jahren immer noch in Rentweinsdorf.

Das Überleben des Adels, so wie es von Rotenhan sieht, wird von einer nunmehr 92 Jahre alten Rechtsreform bedroht. Bis 1918 stellte das Fideikommissrecht sicher, dass Haus und Hof nicht unter den Erben aufgeteilt werden, sondern an den Erstgeborenen übergehen. Grundbesitz, der unter Erben aufgeteilt wird, verflüchtigt sich schneller als ein Hauch. Seit 1918 müssen adlige Grundbesitzer deshalb darauf hinwirken, dass ihre Kinder, wenn diese 18 sind, freiwillig auf ihr Pflichterbteil verzichten, damit alles in einer Hand bleibt.

"Seit sie Kinder waren, sage ich zu meinen Söhnen und Töchtern: ›Wenn ihr 18 seid, gehe ich mit euch zum Notar und werde euch in Anführungszeichen bescheißen.‹ Und die Kinder ziehen mit."

Nur so, sagt von Rotenhan, könne er den Familienbesitz zusammenhalten. Heute ist alles auf seinen Ältesten, Maximilian, überschrieben. "Auf meinem Grabstein soll mal stehen: ›Die Lücke, die er hinterließ, ersetzt ihn ganz.‹ Wenn ich morgen sterbe, ändert sich gar nichts", sagt der Vater. Die Kinder, die leer ausgehen, hätten von ihm die beste Erziehung auf den besten Schulen und an den besten Universitäten mit auf den Weg bekommen. Da sei er dann der Meinung: "Wer ohne Geld nix wird, wird auch nix mit Geld." Und er fügt hinzu: "Bei mir gehört der Tritt in den Hintern zu den wichtigsten Erziehungsmitteln."

Der Baron ist sich seiner Sache schon sehr gewiss. Kennt er gar keine Zweifel? "Was heißt Zweifel? Ihr Bürgerlichen seid uns doch in fast allem überlegen", sagt er. "Der Adel ist wirklich nicht berühmt für seine intellektuellen Gaben. In unseren Kreisen gilt: Wer die Zeitschrift Wild und Hund abonniert hat, ist schon ein Bücherwurm."

In den siebziger Jahren erschien ein eindrucksvoller Familienroman, Mitteilungen an den Adel, eine psychologisch subtile Abrechnung mit dem adligen Milieu einer Kindheit. Geschrieben hat ihn Elisabeth Plessen, sie entstammt einem schleswig-holsteinischen Grafengeschlecht. Elisabeth Plessen hat ihre Herkunftswelt hinter sich gelassen und ihren Grafentitel abgelegt. Sie arbeitet vorwiegend als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen.

"Ich verkehre kaum mit Adligen", sagt sie. "Meine Freunde sind vor allem Künstler. Da gibt es einfach die stärkeren Wahlverwandtschaften." Die Welt ihrer Kindheit sei ein enges Korsett gewesen, mit Töchtern als Wesen zweiter Klasse. Erben konnten nur die Söhne. Ihr Vater hatte seine zwei Töchter bereits als kleine Mädchen in einem protestantischen Damenstift angemeldet, wo sie später – unter der Voraussetzung, nicht zu heiraten – aufgenommen worden wären.

 

Der Verzicht auf das Erbe traf besonders die Töchter, denn sie gehörten durchweg zu den "weichenden Erben". Deshalb entstand die Institution des adligen Damenstifts. Es rettete die Töchter, so sie nicht standesgemäß heirateten, vor dem sozialen Aus. Klingt altertümlich. Aber noch heute gibt es in Deutschland ein Damenstift. Das Stift Ehreshoven, getragen von der Genossenschaft des rheinischen ritterbürtigen Adels e. V. Um dort aufgenommen zu werden, muss man ledig oder verwitwet, adlig, katholisch und vermögenslos sein. Heute leben in Ehreshoven noch 13 Damen.

Schon in jungen Jahren habe sie gemerkt, sagt Elisabeth Plessen, wie sich eine Barriere im Kopf ihres Gegenüber aufbaue, sobald sie sich mit "Gräfin" vorstellte. Auch wenn sie heute mit der adligen Welt nichts mehr zu tun hat, weiß sie, dass sie natürlich davon profitiert hat. "Ich bin eigentlich sehr scheu und schüchtern gewesen. Die Herkunft hat mir aber unbemerkt ein großes Selbstbewusstsein gegeben. Natürlich war ich immer privilegiert. Ich hatte Hauslehrer. Ich lernte viele Sprachen. Meine Mutter sprach sechs Sprachen, weil sie Gouvernanten aus vielen Ländern hatte. Das ist ein Sprungbrett in weltmännische Lebensformen."

Ist der Adel also immer bühnenreif? Wir sind in Potsdam bei einer Liebhaberaufführung von Shakespeares Viel Lärm um nichts, veranstaltet vom Souveränen Malteserorden. Seine Jugendsektion, die Gemeinschaft junger Malteser, macht das Projekt "Libanon on Stage". Einmal im Jahr üben die mehrheitlich Adligen ein Stück ein und gehen damit auf Tournee. Die Eintrittsgelder und Spenden stecken sie in ein Feriencamp-Projekt im Libanon, wo geistig und körperlich behinderte Kinder ihre Ferien verbringen. Die jungen Adligen arbeiten dort dann ehrenamtlich in den Sommerferien. Das karitative Engagement ist natürlich auch ein guter Heiratsmarkt. Die jungen Malteser haben das Prinzip "Tarnen und Täuschen" perfekt drauf: Obwohl es sich eindeutig um eine Form korporierten adligen Lebens handelt, ist weder auf der Homepage noch im Programmheft irgendein Adelsprädikat zu finden.

Vor dem Neuen Garten in Potsdam versammelt sich das Publikum. Bei mehr als hundert Adligen auf einem Haufen gibt es kein Vertun mehr: So konzentriert, sehen ihre Kleider wie Uniformen aus. Rote Cordhosen, blau karierte Hemden, Tweedjacketts, braune Budapester Schuhe, jede Menge Halstücher und Schals. Die jungen Wilden lassen ihr Hemd unterm V-Ausschnitt-Pullover über die Hose hängen. Weibliche Schönheit zeigt sich weniger extravagant, die Burgherrin ist eher patent als elegant. Phänotyp: herzhaft und pumperlg’sund mit gut durchbluteten Wangen.

Was dann auf der Bühne passiert, ist schreiend komisch. Gerade weil die Laiendarsteller vieles vom Habitus des eigenen Standes in ihre Rolle stecken – noch der Untalentierteste profitiert von einer gewissen Gabe zur Präsentation. Einer der Höhepunkte ist die große Festszene: Mit welcher Lässigkeit die Schauspieler da eine Quadrille tanzen, haben sie nicht über Nacht gelernt. Plötzlich geht einem auf, dass in Shakespeares Stücken ja fast nur Adlige auftreten. In Potsdam spielen Adlige Adlige.

Severin von Hoensbroech hat das Stück inszeniert. Der junge Graf, Jahrgang 1972, hat unter anderem in Wien Schauspiel und Regie studiert, außerdem ist er Diplompsychologe. Wir besuchen ihn auf Schloss Türnich in der Nähe von Köln. Um 1750 erbaut, rheinisches Rokoko. Mit einer großartigen Parklandschaft, wo jede Allee und jede Lichtung eine christlich-allegorische Bedeutung hat. Der Park ist jederzeit für die Öffentlichkeit zugänglich. Bis in die siebziger Jahre lebte die Familie im Schloss, dann kam es zu sogenannten Bergschäden wegen des Braunkohletagebaus in der Umgebung. Jetzt hat Severin von Hoensbroechs Vater Godehard mit seiner Frau in den Nebentrakten Quartier bezogen.

Severin von Hoensbroech macht auch Firmentraining als Coach. "Führungskräfte", sagt er, "meinen immer, sie müssten den Chef spielen. Ich versuche ihnen die alte Schauspielerweisheit beizubringen: Den König spielen die anderen." Man müsse als König möglichst normal sein, solange die anderen einen nur als König behandelten. Der Graf ist eine große und lässige Erscheinung: Selbstironisch, gebildet, verspielt und zugleich ernsthaft.

"Natürlich geht mir das auch manchmal auf den Senkel, mit welcher Selbstverständlichkeit Adlige durch die Welt gehen", sagt er – und hat ein Beispiel, das das adlige Bescheidenheitsparadoxon hübsch illustriert: "Wenn dir ein Adliger in privater Absicht seine Visitenkarte überreicht, auf der steht: Max Graf Ellenhausen, dann streicht er das ›Graf‹ mit dem Füller durch." Der Adel, sagt von Hoensbroech, sei ein extremes Netzwerk. Selbst wenn die Natur einen nicht besonders bedacht habe, falle man nie wirklich tief, weil da immer das Netz sei, das einen auffange.

Beim Mittagessen im Schlosspark sagt sein Vater, Godehard von Hoensbroech, der seit den achtziger Jahren ein unbeirrter Vorkämpfer ökologischer Landwirtschaft ist und damals als Sonderling galt: "Natürlich ist der Adel ein Netzwerk. Aber man darf sich das nicht so vorstellen wie Rotary oder Studentenverbindungen, wo Jobs und Positionen vergeben werden. Es ist eher ein Netzwerk, das nur dem Zweck dient, dass alle dasselbe Leben führen." Ein Fischreiher fliegt über den Schlossteich, den Godehard von Hoensbroech zum Biotop verwildern lässt. Das Wort Nachhaltigkeit hat jetzt eine sehr konkrete Bedeutung.

Die Reise in eine nahe, ferne Welt geht zu Ende, eine Expedition, auf der man lernt, dass es nicht nur eine Welt, sondern viele Welten gibt. Wobei die Adligen wissen, was für seltsame Dinosaurier sie sind – weshalb sie sich gerne tarnen und nur ganz sie selbst sind, wenn sie unter sich sind. Dabei könnte zumindest manches von dem, was nach außen hin unsichtbar bleibt, der bürgerlichen Gesellschaft zum Vorteil gereichen: Diese Verbindlichkeit, der Generationengedanke. Die Überlebensstrategien des Adels schaffen Selbstidentität. Und Selbstidentität ist eine Form des Glücks. Es wäre absurd zu sagen, Adlige seien glücklicher, aber es ist gut vorstellbar, dass die bürgerlichen Schichten von der adligen Identitätsproduktion etwas lernen könnten. Einige der Namen Karl, Theodor, Maria, Nikolaus, Johann, Jacob, Philipp, Franz, Joseph und Sylvester stehen für die Neugeborenen ja auch schon ziemlich weit oben.