Maxlrain ist ein Schloss wie aus dem Bilderbuch, und auch der Hausherr hat etwas von der Idealfigur eines Adligen, wie man sie im Jahr 2010 für längst ausgestorben gehalten hätte. Dazu gehören nach wie vor: hohe Religiosität, karitatives Engagement, großes Geschichtsbewusstsein, Pflege des kulturellen Erbes. Und ein Habitus, in dem sich Aplomb und Beiläufigkeit, Präsenz und Understatement zu absoluter Verhaltenssicherheit verbinden. Und die Kaltblütigkeit, vollkommen anachronistische Sätze zu sagen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Was mir am wichtigsten ist: Meine Familie ist seit 650 Jahren glücklich und inbrünstig katholisch
Erich Prinz von Lobkowicz

Man hat das Gefühl, Erich Prinz von Lobkowicz schreite seit Jahrhunderten durch lange Schlossfluchten. Dabei ist er "auf Etage" aufgewachsen. Die Lobkowicz sind ein altes böhmisches Geschlecht, nach 1945 verloren sie ihre Schlösser und Besitzungen in Böhmen und flüchteten mehrheitlich in den Westen. Prinz von Lobkowicz’ Vater war Philosophieprofessor und viele Jahre Präsident der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Familie wohnte in einem Reihenhaus in München. In dem Haus gab es keine Vorhänge. Seine Mutter, eine Waldburg-Zeil, hasste Vorhänge. Vorhänge seien nur etwas für Leute, denen man ins Fenster schauen könne, pflegte sie zu sagen. Dass man nicht mehr im Schloss, sondern im Reihenhaus wohnte, wurde gewissermaßen mental nicht nachvollzogen. "Bei uns zu Hause", sagt Prinz Lobkowicz, "sah es immer ziemlich chaotisch aus. Meine Eltern kamen aus Schlössern mit viel Personal, auf die Lebensweise im Reihenhaus waren sie nicht gut vorbereitet."

Seit er eine Hohenthal und Bergen geheiratet hat, ist er wieder Schlossherr. Zu Maxlrain gehört eine Brauerei. Und Ländereien. Lobkowicz, der Philosophie studiert hat, hat die Brauerei zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht. Dazu gibt es Opernaufführungen, Dichterlesungen, Mundklampfenkonzerte und ein Oldtimertreffen rund ums Schloss.

"Die Prägekraft der Herkunft", sagt Prinz Lobkowicz, "kann nur ein Blinder nicht sehen." Der Prinz ruht zu sehr in sich selbst, um sich zu verstellen. "Schauen Sie", sagt er, "mir ist doch auch klar: Die meisten Adligen folgen dem Prinzip ›Tarnen und Täuschen‹. Wenn Sie in feindlicher Umgebung aufwachsen, sind die Schutzreflexe stark. Da passen Sie sich in Ihren Redeweisen gerne mal an. Ich verzichte meist auf diese Tarnmanöver."

Natürlich nicht immer. Wenn ihn der Bürgermeister von Bad Aibling frage, ob er und seinesgleichen eigentlich immer adlig heiraten müssten, dann antworte er um des lieben Friedens willen: "Nein, natürlich nicht." Und ohne Tarnen und Täuschen – welche Rolle spielt die standesgemäße Heirat? "Sie ist entscheidend", sagt Lobkowicz, "denn Kinder werden von zwei Eltern erzogen. Was dabei herauskommt, ist eine Mischung dieser beiden Linien." Eigentlich sei die Frage nicht, was den Adel, sondern was Familien ausmache. Man könne das auch an den großen jüdischen Familien sehen, die ähnlich wie der Adel dauerhafte Dynastien ausgebildet hätten – mit langer Geschichtsperspektive und kulturellem Sendungsbewusstsein: Auch da gebe es etwas, das über den Einzelnen hinausgehe und diesen zugleich stütze.

Vielleicht hat ja die Entscheidungsfreude, die uns an Guttenberg so erstaunt, etwas mit diesen Gewissheiten zu tun, mit denen ein Adliger auch seinesgleichen heiratet und für Kinderreichtum sorgt. Die standesgemäße Heirat, fährt der Prinz fort, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass die Ehe nicht scheitert. Der Rückhalt zweier großer Familien stütze die Verbindung. "Jeder weiß doch: Man heiratet nicht eine Person, sondern eine Familie."

Der Prinz setzt noch eins drauf und sagt: Dabei stehe dieses Familienbewusstsein noch nicht mal im Zentrum seines Lebens – denn da sei der Glaube. Auch das wird diese Reise deutlich machen: Im Adel – und nicht nur im katholischen – gibt es noch Formen praktizierter Gläubigkeit, wie sie die westliche Welt kaum mehr kennt. Gloria von Thurn und Taxis ist da keineswegs eine exzentrische Ausnahme. Prinz von Lobkowicz ist Präsident des Souveränen Malteserordens: "Wenn Sie mich fragen, was mir am wichtigsten ist, würde ich sagen: Meine Familie ist seit 650 Jahren glücklich und inbrünstig katholisch. Die Weitergabe einer persönlichen Gebetsbeziehung zu Gott ist mir das wichtigste." Die sei übrigens der Kitt jeder Ehe.

Faszinierend am Adel ist die Erfahrung, dass es in der deutschen Gesellschaft eine Klasse gibt, die völlig andere Lebensformen pflegt als jene, die in der Öffentlichkeit üblich sind. Staunend wie ein Ethnologe bewegt man sich durch diese fremde Welt – als handele es sich um einen Eingeborenenstamm, der tief im Amazonasdschungel überlebt hat, unberührt von allen modischen Zivilisationseinflüssen. Zugleich kann man dabei beobachten, wie wenig Menschen Individuen sind und wie sehr sie stattdessen in Habitus und Lebensweise von ihrem Stand geprägt sind.

Wer sich mit dem Adel befasst, muss sich anstrengen, nicht den Überblick zu verlieren: Es gibt den katholischen Adel und den protestantischen. Dann gibt es den ostelbischen Adel, der nach 1945 alles verloren hat. Er hat manchmal etwas Verkniffenes, weil er den Verlust seiner natürlichen Lebensform durch prononciertes Standesbewusstsein auszugleichen versucht. Die Rangunterschiede innerhalb des Adels sind noch ausgeprägter als die Grenze zwischen Adel und Bürgertum. Bis 1918 gab es für diese Binnendifferenzierung das Heroldsamt, bei dem jeder adlige Hausherr anfragen konnte, wenn er sich bei der Tischordnung unsicher war. Heute gibt das Genealogische Handbuch des Adels, die Nachfolgepublikation des Gotha, Auskunft darüber, wer welchen Rang einnimmt: In der ersten Abteilung des Handbuchs werden die bis 1918 regierenden Häuser geführt. In der zweiten Abteilung folgen die Standesherren. Zu ihnen zählen jene Familien, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation reichsunmittelbar waren – das heißt: souveräne Herrscher und nur dem Kaiser untertan. 1806 verloren sie ihre Souveränität an ein größeres Herzogtum oder Königreich. Die Betroffenen erklärte man zu Standesherren: Sie galten als ebenbürtig mit den regierenden Häusern, durften also deren Kinder heiraten. Noch heute sind die Standesherren ein Kreis mit ausgeprägtem Standesbewusstsein. Einmal im Jahr treffen sie sich zum Ball der Standesherren – auch die Guttenbergs gehören dazu.

Dann ist da noch die Rangfolge der Titel (Herzöge, Fürsten, Grafen, Freiherren – mit der jeweils korrespondierenden Zahl an Zacken, die eine Familie in der Krone ihres Wappens führen darf: Die gräfliche Krone hat neun Zacken, die freiherrliche nur sieben…), vor allem aber das Alter der einzelnen Stämme. Eine "uradelige" Familie – der Stichtag liegt tief im 13. Jahrhundert – toppt eine im späten 19. Jahrhundert gefürstete Familie.