Man mag das alles für grotesk halten, aber es bestimmt die Lebenswirklichkeit des Adels bis heute. Einfach weil dieser Club, auch wenn er vollständig auf Understatement macht, diese Unterscheidungen stets genau im Kopf hat.

Hans von Trotha arbeitet in der Verlagsbranche. Er ist Literaturwissenschaftler und hat ein vorzügliches Buch über die Entstehung der englischen Gartenarchitektur geschrieben. Er strahlt auch selber etwas Britisches aus – man könnte ihn sich gut als Dozenten in Oxford vorstellen. Wir treffen uns in einem Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Von Trotha hat bürgerlich geheiratet und ist darüber heilfroh. Als hätte er damit eine Last abgeschüttelt: "Ich bin genauso gern mit Adligen wie mit Nichtadligen zusammen, wenn es interessante Menschen sind. Aber die Zwangsgemeinschaft Adel, als Stand, als Schicht, wahrscheinlich schon als Großfamilie, das schreckt mich." Von Trotha hält den ganzen Zirkus um Titel und Rangfolgen für absurd, weiß aber, dass er durch bloße Ablehnung seiner Herkunft deren Prägekraft nicht entkommt.

Ich versuche, Führungskräften eine alte Schauspielerweisheit beizubringen: Den König spielen die anderen
Severin von Hoensbroech

Seine Familie stammt aus Sachsen. Die von Trothas hatten im Osten ein Schloss, das sie nach 1990 nicht zurückbekommen haben. Hans von Trotha war erleichtert, denn sonst hätte er sein Leben auf dieses Schloss einstellen müssen. Man lebt dann nicht sein eigenes Leben, sondern eines, das der familiären Verpflichtung gerecht wird. Von Trotha fügt hinzu: "Die Enteignung war Unrecht, gar keine Frage. Aber vielleicht war die Aneignung Jahrhunderte zuvor ja auch Unrecht. Das ist allerdings eine Frage für Historiker und Moralphilosophen, nicht für Gerichte."

"Der Adel", sagt von Trotha, "leidet unter einem subjektiven Mangel an Wahrnehmung und einem objektiven Mangel an Bedeutung." Deswegen würden die Familiengeschichten mühevoll gepflegt, zum Beispiel durch den Einsatz für den Erhalt von Straßennamen oder die Publikation von Familienchroniken. Ganz frei von Faszination für seine Herkunftswelt ist aber auch von Trotha nicht. Als Kenner von Gartenarchitektur weiß er die starke Seite des Adels zu würdigen: "Der Adel hält länger durch. Du legst einen Garten nur an, wenn du überindividuell denkst. Die Eichen, die du heute pflanzt, werden sich erst für den Enkel zu einer Parkperspektive fügen. Es ist wurscht, ob du der 1. oder der 17. George bist – du sorgst dafür, dass der Garten weiter blüht. Die Familie ist groß, das Individuum ist klein."

Vielleicht liegt hier die eigentliche Ressource, die von Guttenbergs Erfolg erklärt: Während wir gewohnt sind, dass die Politik nur noch im Rhythmus der Wahlkämpfe handelt und die Aktienmärkte den Quartalszahlen entgegenfiebern, präsentiert sich Freiherr von Guttenberg als Mann der Grundsätze und der Langfristigkeit. "Ich wundere mich immer wieder", sagte der Minister vor Kurzem, "über den einen oder anderen Schlaumeier, der weiß, wie in 20 Jahren die Welt aussieht." Der Freiherr hingegen, der Platon im Original liest, unterschätzt den wechselvollen Lauf der Geschichte nicht, kennt aber aus seiner Familientradition Strategien, wie man trotz dieser Instabilitäten langfristig Kontinuität sichert. Der Adel war eben, schon lange bevor es das Wort gab, ein Nachhaltigkeitsverein.

Als Klasse mit wiedererkennbaren Eigenschaften also hat sich der Adel hervorragend gehalten. Ist er auch ein Machtfaktor? Der Adel ist zwar vielfach vermögend, doch zu den Superreichen zählt er nicht. In der Liste der 300 reichsten Deutschen kommen nur wenige Adlige vor – vor allem die mit immensem Waldbesitz wie die Fürstenbergs oder die Thurn und Taxis. Aber politische Macht?

Michael Hartmann ist Soziologe an der Technischen Universität Darmstadt und bekannt geworden mit Forschungen über Elitenrekrutierungen. Der Zugang zu Elitepositionen, zeigen seine Untersuchungen, ist immer noch sehr stark von der sozialen Herkunft geprägt. Hartmann hat 6500 Promovierte der Jahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 aus den Fächern Recht, Wirtschaft und Ingenieurwissenschaften erfasst. Darunter waren 51 Adlige, was Hartmann zufolge nur leicht überproportional ist. Von diesen 51 war nur einer in der Politik erfolgreich: Richard von Weizsäcker. Aber viele in der Wirtschaft: 16 der Adligen nahmen eine Führungsposition in einem der 400 wichtigsten deutschen Unternehmen ein; fünf saßen in den Vorständen eines Konzerns. Hartmann sagt: "Diese kleine Gruppe der 51 Adligen hat am schnellsten Karriere gemacht."

Dafür gibt es für ihn einen klaren Grund: "Sie erfüllen die informellen, habituellen Rekrutierungskriterien aufgrund ihrer langen Familientradition perfekter als andere. Souveränität ist das A und O. Es geht darum, so aufzutreten, als gehöre man selbstverständlich dazu."

Warum ist der Adel dann nicht stärker in der Politik vertreten? Die Politik, meint Hartmann, sei über Jahrzehnte kleinbürgerlich geprägt gewesen: "Die aktuelle schwarz-gelbe Regierung ist das erste Kabinett, in dem es nur noch ein Arbeiterkind, nämlich Pofalla, aber drei Vertreter des Großbürgertums und des Adels gibt: den Hugenotten de Maizière, von der Leyen und Guttenberg. In der Großen Koalition dagegen waren noch vier Arbeiterkinder vertreten." Der Anteil des Großbürgertums und des Adels, so Hartmann, nehme neuerdings zu, weil sich die Rekrutierungsmechanismen der Politik verändert hätten. Früher habe die Ochsentour gegolten. Heute seien die Parteien kleiner geworden, die Karrieren daher schneller. Das begünstige Quereinsteiger wie Guttenberg, der erst mit 28 Jahren in die CSU eingetreten ist.

Insgesamt aber sei der Adel in Deutschland keine politische Macht mehr. Denn der Kern des politischen Adels sei ostelbisch gewesen, und dem sei nach 1945 buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen worden. "Der Hochadel ist zwar perfekt vernetzt, aber als gesellschaftliche Gruppe zu klein, um über die jeweilige Region hinaus eine bedeutende politische Rolle zu spielen."

Die Familie Rotenhan hat ihren Stammsitz seit 800 Jahren in Rentweinsdorf, einem Örtchen nahe Bamberg. Die Familie war, eine Besonderheit der fränkischen Ritterschaft, bis 1806 souveräner Herrscher ihres kleinen Baronats, das aus etwa sechs Dörfern bestand. Sie übte die Patrimonialgerichtsbarkeit aus, war für das Schulwesen verantwortlich und sorgte für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation verloren die Rotenhans ihre Souveränität an die bayerische Krone. Dem Hause Wittelsbach fühlen sie sich entsprechend wenig verbunden, zumal die Wittelsbacher katholisch sind, die Rotenhans aber Protestanten.