"Ein fränkischer Reichsritter fühlt sich einem bayerischen Grafen überlegen, denn der hat es ja höchstens zu einer Hofschranze in München geschafft", erklärt Sebastian von Rotenhan zur ersten Orientierung des Besuchers – nachdem wir am Bamberger Bahnhof in seinen VW-Bus gestiegen sind.

Wer ohne Geld nix wird, wird auch nix mit Geld. Ein Tritt in den Hintern gehört bei mir zu den wichtigsten Erziehungsmitteln
Sebastian von Rotenhan

Sebastian von Rotenhan, Jahrgang 1949, der sehr viel Wald sein Eigen nennt, wirkt selbst wie eine Eiche: knorzig und fest verwurzelt. Seine Sätze sind klar, deutlich und gern provokant. Zehn Jahre lang war von Rotenhan Landtagsabgeordneter für die CSU. "Die Demokratie", sagt er, "hat zwei entscheidende Vorteile: Sie hat Frieden und Wohlstand gesichert. Dafür muss man ihre Nachteile in Kauf nehmen. Und ich habe mich nicht gedrückt. Glauben Sie mir, es gibt Lustigeres, als Landtagsabgeordneter zu sein." Im vergangenen Jahr aber hat er sein CSU-Parteibuch abgegeben. Den Populismus Seehofers konnte er nicht mehr ertragen.

Die Rotenhans sind sehr protestantisch. "Wenn Sie von Katholiken umgeben sind, schärft das Ihr protestantisches Selbstverständnis", sagt der Baron. Was das konkret bedeutet, erhellt eine kleine Geschichte: In der weiteren fränkischen Nachbarschaft sitzt die fürstliche Familie zu Castell-Castell, berühmt als der Inbegriff einer protestantischen Familie. Der alte Fürst, heute hoch in den Achtzigern, muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit sein. Er hat tragischerweise seinen ältesten Sohn bei einem Unfall verloren. Die beiden nachfolgenden Söhne heirateten bürgerlich und kamen deshalb für die Nachfolge als Chef des Hauses nicht infrage. Schließlich heiratete sein vierter Sohn – und zwar durchaus standesgemäß. Allerdings war die Braut katholisch. Der alte Fürst ergab sich in sein Schicksal. Erbgraf Ferdinand hat aber nicht nur eine Katholikin geheiratet, er lässt seine Kinder auch katholisch aufwachsen. Nach 500 Jahren wird die fürstliche Familie Castell-Castell katholisch.

Wo ist das Problem? Bürgerlich würde man sagen: Hauptsache, die Brautleute werden glücklich! Sebastian von Rotenhan sieht das anders. "Dass der Ferdinand Castell katholisch geheiratet hat, empfindet der ganze Stand als ein In-den-Rücken-Fallen. Wir haben den Kontakt eingeschränkt. Es gibt ein paar Essentials, dazu gehört: Das Haus bestimmt die Konfession. Das kommt noch vom alten cuius regio eius religio her." Der Herrscher bestimmt den Glauben seiner Untertanen – ein im Augsburger Religionsfrieden und im Westfälischen Frieden geregeltes Rechtsprinzip. Warum sollte es heute noch wichtig sein?

Von Rotenhan zeigt von seinem Rokokoschloss hinab auf eine kleine protestantische Kirche im selben Baustil, jenseits der Straße. "Die Einwohner des Dorfs sind doch nur deshalb protestantisch geworden, weil die Herrschaft protestantisch wurde. Wir sind hier eine protestantische Minderheit." Jahrhunderte seien die Untertanen solidarisch gewesen. "Wenn mein Sohn morgen katholisch heiratet, fällt er dem ganzen Dorf in den Rücken." Rotenhans älteste Tochter, er hat sieben Kinder, ist Pfarrerin in München geworden.

Der Baron, ohnehin ein nie versiegender Kraftquell, dessen donnernde Stimme durch die Schlossfluchten tönt, ist jetzt in Fahrt. Zum Mittagessen hat es Frikadellen mit Kartoffelstampf gegeben, dazu grünen Salat. Die Schulferien haben begonnen. Die zwei jüngsten Söhne sind aus ihren Internaten am Bodensee und in Thüringen zurückgekehrt. Ein Lob geht an Rosi für das gute Essen. Vor und nach der Mahlzeit gibt es ein knappes Tischgebet. Natürlich vom Paterfamilias.

Nach dem Essen sitzen wir in einem der Schlossräume. Altes Mobiliar. Sehr geschmackvoll. Dazwischen ein Ikea-Sofa. Wäre uns nicht aufgefallen, hätte uns der Hausherr nicht darauf hingewiesen: "Druntergemischt."

Adel, sagt von Rotenhan, bedeute für ihn, die Sache über die Person zu stellen. Jedes private Unternehmen sei spätestens nach der dritten Generation nicht mehr an seinem Stammsitz, die Rotenhans aber seien auch nach 800 Jahren immer noch in Rentweinsdorf.

Das Überleben des Adels, so wie es von Rotenhan sieht, wird von einer nunmehr 92 Jahre alten Rechtsreform bedroht. Bis 1918 stellte das Fideikommissrecht sicher, dass Haus und Hof nicht unter den Erben aufgeteilt werden, sondern an den Erstgeborenen übergehen. Grundbesitz, der unter Erben aufgeteilt wird, verflüchtigt sich schneller als ein Hauch. Seit 1918 müssen adlige Grundbesitzer deshalb darauf hinwirken, dass ihre Kinder, wenn diese 18 sind, freiwillig auf ihr Pflichterbteil verzichten, damit alles in einer Hand bleibt.

"Seit sie Kinder waren, sage ich zu meinen Söhnen und Töchtern: ›Wenn ihr 18 seid, gehe ich mit euch zum Notar und werde euch in Anführungszeichen bescheißen.‹ Und die Kinder ziehen mit."

Nur so, sagt von Rotenhan, könne er den Familienbesitz zusammenhalten. Heute ist alles auf seinen Ältesten, Maximilian, überschrieben. "Auf meinem Grabstein soll mal stehen: ›Die Lücke, die er hinterließ, ersetzt ihn ganz.‹ Wenn ich morgen sterbe, ändert sich gar nichts", sagt der Vater. Die Kinder, die leer ausgehen, hätten von ihm die beste Erziehung auf den besten Schulen und an den besten Universitäten mit auf den Weg bekommen. Da sei er dann der Meinung: "Wer ohne Geld nix wird, wird auch nix mit Geld." Und er fügt hinzu: "Bei mir gehört der Tritt in den Hintern zu den wichtigsten Erziehungsmitteln."

Der Baron ist sich seiner Sache schon sehr gewiss. Kennt er gar keine Zweifel? "Was heißt Zweifel? Ihr Bürgerlichen seid uns doch in fast allem überlegen", sagt er. "Der Adel ist wirklich nicht berühmt für seine intellektuellen Gaben. In unseren Kreisen gilt: Wer die Zeitschrift Wild und Hund abonniert hat, ist schon ein Bücherwurm."

In den siebziger Jahren erschien ein eindrucksvoller Familienroman, Mitteilungen an den Adel, eine psychologisch subtile Abrechnung mit dem adligen Milieu einer Kindheit. Geschrieben hat ihn Elisabeth Plessen, sie entstammt einem schleswig-holsteinischen Grafengeschlecht. Elisabeth Plessen hat ihre Herkunftswelt hinter sich gelassen und ihren Grafentitel abgelegt. Sie arbeitet vorwiegend als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen.

"Ich verkehre kaum mit Adligen", sagt sie. "Meine Freunde sind vor allem Künstler. Da gibt es einfach die stärkeren Wahlverwandtschaften." Die Welt ihrer Kindheit sei ein enges Korsett gewesen, mit Töchtern als Wesen zweiter Klasse. Erben konnten nur die Söhne. Ihr Vater hatte seine zwei Töchter bereits als kleine Mädchen in einem protestantischen Damenstift angemeldet, wo sie später – unter der Voraussetzung, nicht zu heiraten – aufgenommen worden wären.