Für wahre Europäer ist der Oktober 2010 gesinnungsethisch ein großer Monat. Endlich können Autofahrer für Knöllchen, die sie in einem der 26 EU-Partnerländer erhalten, auch daheim belangt werden.

Dem Traum von einer vereinten Union kommt unser Kontinent damit einen gewaltigen Schritt näher, wie letzthin allenfalls mit der Abschaffung der 100-Watt-Glühlampe. Zwar hat Bundespräsident Wulff das Ausführungsgesetz des entsprechenden EU-Beschlusses noch nicht unterzeichnet. Eingeweihte Beamte gehen aber davon aus, dass das nicht mehr lange dauern wird. In drei, vier Wochen ist Schluss mit ungesühntem Rasen auf italienischem Teer oder spanischem Pflaster.

Theoretisch jedenfalls. Denn so einfach, wie man sich das in Brüssel vorgestellt hat, wird sich die europäische Ordnungswidrigkeitenharmonie nicht herstellen lassen. Verfolgen wir den künftigen Weg der Bescheide an einem konkreten Beispiel: Karl-Heinz Kröpcke verbringt die Herbstferien an der Algarve. Er fährt bei Rot über die Ampel und wird geblitzt. Das macht in Portugal 100 Euro. Herr Kröpcke denkt sich, haha, bin ja im Ausland, was soll’s, und urlaubt genüsslich weiter.

Während er schon wieder durch den Gummersbacher Novemberregen stapft, hat – im europarechtlichen Idealfall – das Ordnungsamt in Faro dem Kraftfahrtbundesamt in Flensburg ein Foto von Herrn Kröpckes Opel Ascona geschickt, mitsamt einem Antrag auf Halterfeststellung.

Die Flensburger übermitteln, sobald sie einen Beamten aufgetrieben haben, der Portugiesisch spricht, die Adressdaten gen Iberien, und wahrscheinlich schon kurz vor Ostern hat Herr Kröpcke Post aus Portugal im Briefkasten. Er denkt sich wieder, war ja im Ausland, und schmeißt den Wisch in die Mülltonne.

Deutschland, nebenbei bemerkt, ist im internationalen Vergleich der reinste Schnäppchenmarkt der Sünden. In Belgien und den Niederlanden zum Beispiel sind für Limit-Übertretungen bis zu 20 km/h mindestens 100 Euro fällig, in Deutschland bloß bis zu 35.

Interessant überhaupt, diese Listen-Lektüre. "Ganz grob gesagt, kostet im Westen Geschwindigkeit eher mehr", sagt Maximilian Maurer vom ADAC, "im Osten und Norden ist Alkohol sehr teuer." Die Höhe der Bußgelder scheint mit den volkseigenen Lieblingslastern zu korrelieren. Alkohol am Steuer kostet in Finnland mindestens 15000 Euro, in Großbritannien ab 5500, in Irland ab 1270. Und was schmerzt im Süden? Sieh an: Italien liegt beim Tarif für Handy am Ohr von allen EU-Ländern ganz vorn – satte 155 Euro (in Deutschland 40) kostet eine chiacchierata in macchina. Wenn es der Carabiniere denn ahndet.