Von seinem Büro aus konnten wir den Aufstand überblicken. Die Bürger von Quito vertrieben gerade Lucio Gutiérrez, Ecuadors siebten Präsidenten innerhalb von zehn Jahren. Der Obrist floh im Hubschrauber. Das war im April 2005. Gelassen zündete sich Javier Ponce – Poet, Essayist, Kommentator – eine Sumatra an: "Unser bedeutendster Präsident, José Velasco Ibarra", winkte er ab, "ist seinerzeit fünfmal gewählt, viermal gestürzt, dreimal verbannt worden." Seit Gründung der Andenrepublik 1830 ist nichts so beständig wie die Serie von Neuwahlen und Staatsstreichen. Die Präsidenten folgten einander wie Sommer und Winter. Anders als die Nachbarn in Kolumbien und Peru leiden die heute 14 Millionen Ecuadorianer weniger unter Gewalt und Drogenabhängigkeit, dafür neigen sie umso mehr zu Umsturz.

Dass der seit Anfang 2007 amtierende und immer noch populäre Präsident Rafael Correa über drei Jahre lang von Putschversuchen verschont blieb, schien ihm schon einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern – bis zum Donnerstag vergangener Woche. Da traf der Aufruhr auch den 47-jährigen Ökonomen, den "Dr. Robin Hood der Bedürftigen" in dem von einer kleinen Oberschicht arm gehaltenen Land. Folgerichtig rebellierten diesmal nicht die Armen, sondern untere Ränge der Armee und die Polizei. Sie empörten sich, weil die Regierung Mordverfahren gegen Polizisten wieder aufgenommen und ein Beamtengesetz verabschiedet hatte. Die mit 700 Dollar hoch bezahlten Ordnungshüter müssen fortan auf weihnachtliche Geschenkkörbe und schnelle Beförderungen verzichten – Privilegien, mit denen die reiche Oberschicht ihre Sicherheitskräfte schmierte. Wohingegen Correa das Geld braucht, weil seine Sozialausgaben die Einnahmen übersteigen.

Als die Wut der Polizei über die verlorenen Boni am 30. September überkochte, wurde die fortdauernde Instabilität Ecuadors offenbar. Der Präsident, noch erregbarer und aufbrausender als sein Volk, brüllte vor der Kaserne des Regimento Quito 1 mit törichter Tapferkeit: "Meine Herren, wenn Sie den Präsidenten töten wollen, hier ist er!" Von einer Tränengasgranate fast getroffen, fand er sich in einer Polizeiklinik wieder. Fast zwölf Stunden blieb er im Gewahrsam der aufständischen "Ordnungshüter", bevor ihn loyale Militärs nach einem nächtlichen Feuergefecht befreiten. Wenig später stand das Staatsoberhaupt wieder auf dem Balkon des Regierungspalasts, drohend die Fäuste schwingend, umringt von Mitstreitern. Nur einer fehlte. Der Mann, der den Tag über hinter den Kulissen einen weiteren Präsidentensturz zu verhindern half: Javier Ponce, der Dichter, den Correa 2008 zum Verteidigungsminister ernannt hatte. Selbst den Freunden erschien das zunächst als weltfremdeste Entscheidung seit der Erfindung des Kriegsministeriums 1684 durch die Briten. Doch der linke Präsident traute allein dem loyalen Poeten zu, Ecuadors Armeeführung mit ihren alten Seilschaften zur CIA und zu den rechtsorientierten Obristen Südamerikas neutralisieren zu können.

Am vergangenen Donnerstag bewies Ponce, dass Poeten auch befehlen können. Während Correa in der Klinik festgehalten wurde, ließ der Minister weniger lautstark als vielmehr wortmächtig den von Polizei und Soldaten besetzten Flughafen räumen. Das war nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Rettungstat: 90 Prozent der Exportfracht, die Quitos Flughafen täglich verlässt, sind leicht verderbliche Blumen. Ponce war es auch, der die Unasur alarmierte, die Union der Staaten Südamerikas. Nach der Devise "Alle für einen" stellten sich die ewig zerstrittenen Staatsoberhäupter, linke wie rechte, hinter Correa. Noch am Abend des Aufruhrs schickten sie ihre Außenminister zur Solidaritätsbekundung nach Quito. Da war Javier Ponce bereits wieder in den Hintergrund getreten, verweigerte alle Interviewanfragen und griff – so viel kann als sicher gelten – zu seiner nie fehlenden Sumatrazigarre.