Dublin: Der Pakt hält

Rose Kelly hat ihr Urteil schon gefällt. "Wir sind pleite", sagt die 56-Jährige, die in der Kantine des Dubliner University College arbeitet. Für Irland sei die gute Zeit ein für alle Mal vorbei. Kelly ist sich ganz sicher. Sie habe eh nie begriffen, wie das Wirtschaftswunder auf der Grünen Insel zustande kam. "Mir war das nicht geheuer", meint sie und setzt mehr erstaunt als empört hinzu: "Ich allein soll jetzt 10.000 Euro bezahlen, um die Banken zu retten. Und das bei meinem kleinen Gehalt." Kelly liest in der Zeitung von steigender Arbeitslosigkeit und davon, dass der Staat sparen muss wie nie. "Wahrscheinlich wird mein Job als Erstes gestrichen", vermutet die Frau. "Aber was soll’s. Ich bin in einem Haus mit einem Klo auf dem Hof aufgewachsen. Da werde ich auch am Ende meines Lebens mit wenig Geld auskommen."

In der vergangenen Woche hat Finanzminister Brian Lenihan die vierte irische Bank verstaatlicht . Die Anglo Irish Bank hätte sonst womöglich das irische und danach auch das europäische Finanzsystems mitgerissen. Irland stand kurz vor dem Bankrott – wieder einmal.

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Prompt tauchte überall in Europa die bange Frage auf: Wirkt unsere Medizin gegen die Probleme überhaupt? Die Angst vor der nächsten Euro-Krise war greifbar, die Erinnerung an den nur knapp verhinderten Bankrott Griechenlands zu frisch. Im Frühjahr hatten viele gefürchtet, die Währung könnte auseinanderbrechen. Es drohe das Ende Europas. Schon stellten sich die Finanzminister wieder auf lange Nächte ein, die Börsen zuckten. Doch dann, zu Wochenbeginn, wurde es erstaunlich ruhig. Plötzlich kriselte der Dollar . Der Euro hingegen stieg, die Chinesen kauften griechische Staatsanleihen , und Europas Regierungen konnten aufatmen. Aus der kleinen Panik war keine große geworden. Seither frohlocken die ersten Optimisten: Die Euro-Zone wird es doch noch allen zeigen. Schaut nur genau hin, in die Krisenländer, auf den Feuerwehrfonds und die politischen Reformer. Schaut nach Irland, Griechenland, nach Brüssel, Luxemburg und Berlin.

Der irische Premierminister Brian Cowen wäre auch gern so ein Optimist. Irland werde sich gesundsparen, versprach er am vergangenen Freitag. Die deutsche Wirtschaft hatte ihn als Ehrengast ins University College nach Dublin geladen, zum Hohelied auf Wiedervereinigung und Wirtschaftsstärke. Doch Cowen, ein Mann, der gern vergnügt ist und bisweilen sogar ausschweifend, kam nicht so recht in Feierstimmung. Tonlos trug der Premier seine Rede vor, als könne er seinen eigenen Worten selbst nicht so ganz glauben.

Dreimal schon hat er in den vergangenen zwei Jahren versucht, den Schlussstrich zu ziehen und die Finanzmärkte mit einer endgültigen roten Zahl zu beruhigen. Doch jedes Mal fanden sich neue Giftpapiere in den Bilanzen der irischen Banken. 50 Milliarden Euro kostete die Rettung der maroden Institute bisher, mehr als ein Drittel der irischen Wirtschaftsleistung. In Dublins Haushalt klafft für das laufende Jahr eine Lücke von 32 Milliarden Euro, zehnmal so viel wie der EU-Stabilitätspakt normalerweise zuließe.

Cowen ist dadurch innenpolitisch längst ruiniert. Doch die Finanzmärkte glauben derzeit an das Versprechen der EU, kein Mitglied pleitegehen zu lassen. Deshalb blieb der Risikoaufschlag auf irische Staatsanleihen vergleichsweise gering. Anders gesagt: Die Union hielt.