I. Bremerhaven

Zum ersten Mal beginnt eine Reise, deren Ziel ich nicht kenne.

Es ist kein Ort, kein einzelnes Land, zu dem ich aufbreche, sondern eine Idee: unsere Vorstellung davon, was Europa ausmacht. Keine Reise an einem Fluss oder einem Gebirgszug, sondern an einer Frage entlang: Wer sind wir? Welche historischen Erfahrungen haben sich eingeschrieben in uns, welche Verluste, welche Versprechen reichen wir weiter von Generation zu Generation wie einen Laib Brot, von dem sich jeder ein Stück abbricht – und wie hat sich das "Wir" verändert? Ist es etwas Rückwärtsgewandtes, was uns als Wurzeln vereint? Das klänge stofflich, das müsste sich dingfest machen lassen. Oder ist es etwas Vorwärtsgewandtes, was uns als Vision gemein ist? Das klänge luftig, das könnte sich verflüchtigen. Was ist dieses Europa, das uns so selbstverständlich scheint, dass wir es manchmal vergessen, das uns langweilig scheint, wenn davon die Rede ist, das nur zur Geltung kommt, wenn es in Zeiten der Not infrage gestellt oder gebraucht wird?

Die Reise beginnt in Berlin. Was waren nicht alles für Ziele im Angebot gewesen für diese Reise durch Europa: Verdun und die Landschaft des Erinnerns an die Kriege, die British Library in London und die Kultur des Archivierens, der Hafen von Neapel und die Kunst der Korruption – die Liste der Orte, die man hätte besuchen können, war endlos, alle Freunde hatten etwas anderes empfohlen, und jetzt das: im Zug über Hannover und Bremen nach Bremerhaven.

Die Stadt an der Wesermündung gehört zu einer der ärmsten Gegenden in Deutschland, nach wechselnden Krisen der Schiffbauindustrie in den achtziger Jahren und dem Einbruch der Hochseefischerei siecht die 160.000-Einwohner-Stadt seit Jahren dahin. Rund 40 Prozent der Bremerhavener Kinder leben in Familien, die Hartz IV beziehen. Doch mitten in diesem vergessenen Bremerhaven steht das preisgekrönte Museum der Emigration, das Auswandererhaus des Hamburger Architekten Andreas Heller, das die Geschichte der Migration vom frühen 19. bis zum späten 20. Jahrhundert erzählt. Hier soll die Erkundung ihren Anfang nehmen.

"Argentinien oder Vereinigte Staaten?" – der junge Mann am Einlass im lichtdurchfluteten Foyer des Museums lächelt freundlich. "Wollen Sie eine Auswanderergeschichte nach Argentinien oder in die USA?" – "Argentinien." Der Museumsmitarbeiter reicht eine Karte, "Johanna Ostermann" steht neben einem kleinen Bild von einer Frau mit halblangen gescheitelten Haaren auf dem Boarding-Pass, der als Eintrittskarte gilt und zugleich dem Rundgang einen individuellen Charakter gibt. "Geboren am 26.04.1897, gestorben am 20.12.1934, ausgewandert im Jahr 1925", so steht es auf dem Ausweis, der plötzlich zu meinem eigenen geworden ist. Wer immer das Haus der Auswanderer besucht, wird selbst zum Auswanderer, verfolgt neben der Historie ein Menschenschicksal, in meinem Fall das von Johanna Ostermann, die Europa über Bremerhaven verließ.

Allein zwischen 1821 und 1914 wanderten 44 Millionen Europäer in die Neue Welt aus, davon 5,5 Millionen Deutsche. Über 7,2 Millionen Menschen emigrierten zwischen 1830 und 1974 über Bremerhaven. Im Fernsehen der Gegenwart wechseln sich die Auswanderer-Dokusoaps ab, von Goodbye Deutschland bis zu Auswanderer sucht Frau. Aber erst hier im Museum, das die Geschichte der Wanderungsströme früherer Zeiten erzählt, begreift man, was das heißt: auswandern.

Der Raum der dritten Station des Rundgangs ist in feuchte Düsternis gehüllt, die Augen müssen sich erst daran gewöhnen, eine riesige schwarze Bordwand ragt meterhoch auf, die Lahn, vor der Kulisse des Schnelldampfers blickdichtes Wasser und am Kai nachgebildete Figuren, Menschen aus unterschiedlichen Epochen und Klassen, die auswandern wollen. Daneben stapeln sich Koffer und Taschen. Überall im Raum verteilt hängen Telefonhörer, über die sich Texte aus Briefen und Tagebüchern hören lassen: letzte Gedanken vor der Abreise, Zweifel an dem Vorhaben, Schmerz des Abschieds. Über Lautsprecher werden Geräusche des Hafens zugespielt, es knarrt und ächzt so furchteinflößend, dass man sich fragt, wie jemals jemand in so einen mächtigen Koloss einsteigen und ins Unbekannte aufbrechen konnte.