Jung, wach, direkt, eine Spur ironisch, so wirkt Inger-Maria Mahlke auf Fotos und in Interviews, wenn sie von den Glückszufällen und Holprigkeiten erzählt, die ihren Einstieg in den deutschen Literaturbetrieb begleiteten. Vor Kurzem ist Silberfischchen erschienen, Inger-Maria Mahlkes erster Roman. Für einen Auszug gewann sie 2009 den Literaturwettbewerb Open Mike, in den Jahren davor nahm die Berliner Debütantin mit der Prinz-Eisenherz-Frisur, dem schnittig-elliptischen Schreibstil und der für heutige Verhältnisse prototypischen Autorenlaufbahn an mehreren Schreibwerkstätten teil. Und leicht könnte man neben diesen Aktualitätssignalen die merkwürdige Altbackenheit des Stoffes übersehen, den eine 33-Jährige hier entfaltet.

Silberfischchen ist ein Kammerspiel für zwei Personen, dessen Bühne eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Berliner Außenbezirk. Hier lebt der Rentner Hermann Mildt, ein klassischer Kleinbürgerkauz, ein Spießer, der allerlei Schrullen und Neurosen und zur Umwelt keinerlei Kontakt pflegt. Bei einem Ausflug nach Frankfurt an der Oder läuft ihm die polnische Putzfrau Jana Potulski, Typ energische Matrone, über den Weg. Sie hat ihren Pass verloren, sucht einen Schlafplatz und hängt sich kurzerhand an den Witwer, der nun Überfall, Belagerung und erotische Bedrängung – gelegentlich darf er die Brüste der Polin befummeln – in den eigenen vier Wänden erlebt, ein Duell, das gewalttätig eskaliert. Natürlich gilt: Ein Schriftsteller soll über das schreiben, was ihn packt, wenn es Alaska ist, dann über Alaska, wenn der Prenzlauer Berg, dann über diesen. Insofern ist die Frage, was eine junge großstädtische Autorin in stickiger Kleinbürgerpathologie literarisch zu finden hofft, zunächst gleichgültig. Auch das Nischenhafte der Geschichte ist nicht per se ausschlaggebend für ihre anachronistische Schieflage. Ein Blatt kann der Literatur genügen, um einen Baum sichtbar zu machen; auch heute. Das übliche Grablied auf die Abbildungsfähigkeit hochkomplexer und hochsynchroner Realität lässt sich mit literarischen Beispielen widerlegen, denen zweierlei gemeinsam ist: Sie besitzen Interesse an dieser Realität, ihrer Soziologie und Öko-nomie – und sie sind nur bedingt typisch für die Gegenwartsliteratur. David Wagner postiert sich in Vier Äpfel (2009) in einem Supermarkt und erfährt dabei einiges über Warenwelten. Annegret Held konfrontiert in Fliegende Koffer (2009) die Businessgesellschaft mit dem Sicherheitspersonal eines Flughafens, das am Boden des Niedriglohns klebt. Anna-Katharina Hahn durchdringt in Kürzere Tage (2009) das zittrige Wohlstandsbewusstsein eines Stuttgarter Stadtteils. Annette Pehnt entfesselt in Mobbing (2007) eine Büroschlacht, die Rückschlüsse auf die Kriegszustände im höheren Management erlaubt. Joachim Zelter lässt in Der Ministerpräsident (2010) einen solchen ins Koma fallen und als politischen Pappenheimer wiederauferstehen. Ricarda Junge weiht uns in dem gerade erschienenen Roman Die komische Frau in die eher unkomischen Existenzängste des intellektuellen Prekariats ein, die Gespenstern ähneln, von denen man nicht weiß, ob sie eingebildet sind oder demnächst reale Gestalt annehmen.

Auch dieses Prosawerk begnügt sich mit wenig Personal und dem Schauplatz einer Mietwohnung an der Berliner Karl-Marx-Allee. Es ist ein alltagsbezogener, fast überschlichter Roman, den allerdings eines auszeichnet: der prognostische Fluchtpunkt, die Zukunftsrichtung des Erzählens. Inger-Maria Mahlkes Silberfischchen hingegen krabbeln munter in die Gegenrichtung, in eine gefühlte Vergangenheit, die über den Daumen gepeilt den sechziger oder siebziger Jahren ähnelt. Natürlich kann es im Jahr 2010 Rentner geben, die ohne Fernseher leben, sich für eine U-Bahnfahrt mit Stullen verpflegen und vor erotischer Verklemmtheit aggressiv verwildern. Aber in einer Erzählung summieren sich derlei Mitteilungen zu einer Aussage über ihr Zeitklima. Dieses wiederum definiert ihre historische Orientierung, und Hermann Mildt lässt sich nun mal kaum anders betrachten denn als Museumsfigur, die sich ins heutige Berlin verirrt hat und einer betulichen Rückdatierung der Gegenwart dient. Auf subtilere Weise gefährdet sie auch Katharina Hackers literarisches Langzeitprojekt über Berliner Mittvierziger, Alix, Anton und die anderen (2009) und Die Erdbeeren von Antons Mutter (2010). Gestaltet sind die Figuren, ihre Küchen, Alltagsrituale nach den Maßgaben des Jetzt, gefärbt aber in Biedermeiertönen. Nostalgie, jener Historismus, in dem Friedrich Nietzsche ein Kennzeichen restaurativer Epochen sah, dürfte eine Tendenz der Literatur sein, wie wir sie seit ein, zwei Jahrzehnten kennen.

Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man bedenkt, wie viele Schriftsteller eine retrospektive Erzählrichtung und die entsprechende Generationenkonstellation als Erzählmodell wählen. Wir haben einen Berg Familienchroniken wie Harriet Köhlers Und dann diese Stille, (2010) und bekommen laufend neue auf den Tisch. Debüts wie Dinge, die wir heute sagten (2010) der 30-jährigen Absolventin des Leipziger Literaturinstituts, Judith Zahnder, die einen Familienstammbaum zum Porträt eines vorpommerschen Dorfes ausmalt, oder Katzenberge (2010) der gerade 25-jährigen Sabrina Janesch, die eine Enkelin in die schlesische Heimat ihres Großvaters reisen und auf das literarisch so beliebte Jahr 1945 stoßen lässt. Im Internet teilt Sabrina Janesch sporadisch mit, was ihr an der Gegenwart auffällt. Geschichte, sagte Burkhard Spinnen jüngst auf der Autorentagung Tunnel über der Spree sei "nach wie vor der dankbarste Rohstoff der deutschen Literatur".

Ob all diese Familienprosa im Einzelfall bedeutsam oder verzichtbar ist – der archivarische Zugriff, den die Literatur augenscheinlich bevorzugt, wirkt sich, aufs Ganze gesehen, auch auf ihre Stoffe, ihr Stoffspektrum aus. Darauf, welche Milieus und Gehaltsklassen, welche Orte und Systeme in ihren Blick geraten und welche nicht. Eine Schlüsselszene dieses Zusammenhangs findet sich in dem Roman Das Jahr der Wunder (2009) von Rainer Merkel. Der Ich-Erzähler, ein deutscher Familientherapeut, hält sich in New York auf. Gerade ist seine Freundin Judith mit dem Bus nach Washington abgefahren. Ein heikler Abschied, vielleicht der letzte. Der Familientherapeut sucht nun einen Starbucks-Coffeshop auf. Er will nachdenken, rekapitulieren und holt hierzu ein Notizheft aus der Tasche. "Ich schreibe alles untereinander, einerseits zeitlich und andererseits nach seiner Bedeutung geordnet… ich muss zurückrechnen, in einer systematischen Erinnerungsarbeit." Vom Buchhalterischen abgesehen, hat diese Poetik des Archivarischen auch den Effekt, den Radius des Stoffes auf den persönlicher Erinnerungen zu begrenzen, denn der Mann, der sich hier im Coffeeshop auf sein Notizheft fixiert, schaut nicht nach rechts und und nicht nach links.