Was wollt ihr trinken? – Seite 1

Gérard Depardieu hockt schon auf seinem Quad. "Steig auf!", sagt er; hinter ihm ist noch ein winziges Fleckchen Platz. Vollgas! Die halsbrecherische Fahrt beginnt. Ist keine Kurve in Sicht, dreht er sich um und brüllt begeistert: "Dahinten, die Pappeln! Drei verschiedene Grüns!" – "Die alte Kirche!" – "Schon wieder ein Kreuz!"

Das Anjou ist eine Region nördlich der Loire. Depardieu nimmt seinen Gast auf eine Tour durch seine Weinberge mit. Wer ihn an diesem Ort besucht, langweilt den Schauspieler besser nicht mit Fragen nach dem Kino. Dies ist nicht Paris. Im Anjou wird gelebt! Und Wein gemacht. Darüber, ja, darüber spricht Depardieu gern. Über den Wein und das Leben. Und beim Reden soll es nicht bleiben, heute wird gegessen und getrunken!

Ein Trupp Jugendlicher erkennt den Mann auf dem Geländefahrzeug und winkt. Der schwenkt den Hut. Noch mehr Kirchen, noch mehr Kreuze. Mit weit ausholender Geste beschreibt er das Panorama. Mensch und Natur haben Baum- und Buschreihen locker über die Bodenwellen verstreut. Das Land ist flach genug, um windig zu sein; die zerfetzten Wolken ziehen schnell, die vom Meer hergewehte Luft ist feucht, vielleicht rührt von ihr das Schimmern über der Landschaft.

Hinein in die Weinlagen, mit Karacho. "Die dicken Rebstämme da sind hundert Jahre alt! Alles braun, das ist Roundup!" So heißt das Herbizid, das hier gesprüht wird. Allerdings nicht auf Depardieus Flächen. Jähe Bremsung vor besonders gepflegten Rebzeilen. Der untere Bereich der Pflanzen, dort, wo die spätsommerprallen Trauben hängen, ist in Handarbeit von Blättern befreit worden, damit kurz vor der Lese noch Sonne auf die Beeren strahlt. Depardieu zupft eine ab, "probier mal, der Merlot ist fast reif". Bevor er die Parzelle kaufte, hatte er von ihrer Erde gegessen: "Du schmeckst alles, die Feuchtigkeit, den Kalk, das Fehlen von Eisen und Kalium."

Wie kann das sein, dass jemand, der auf der ganzen Welt ohne Unterlass schauspielert und Meisterklassen leitet und Restaurants eröffnet und Preise übergibt und Landgüter kauft und Hotels plant – dass also jemand wie Depardieu noch Hand an die eigenen Weine legt? "Das musst du dir so vorstellen", sagt Philippe Polleau, sein Betriebsleiter, der mit dem Pick-up hinterdrein gefahren ist: "Morgens kommt ein Anruf aus Paris, kurz darauf landet Gérard mit dem Hubschrauber, setzt sich aufs Quad, brettert durch die Rebzeilen, nimmt Fassproben und sagt dann: Für den Chardonnay müsst ihr die 400-Liter-Fässer nehmen, die bringen genau das richtige Maß an Holz ein – und startet wieder. In der Zeit der Lese ruft er täglich mehrmals an."

Anstrengender Chef, oder? "Absolut. Als wir jungen Pinot noir gepflanzt hatten und meinten, der braucht noch ein paar Jahre, bis man Wein daraus machen kann, kam Gérard wieder einmal angerauscht, kaute auf den Beeren herum und sagte: Mach mir zwei Barriques Rotwein. Danach hat er sechs Monate lang deswegen angerufen, immer wieder. Mann, hat das genervt. Und dann wurden daraus 300 wundervolle Flaschen. So geht das immer mit ihm." Woher der Mann das Weinwissen hat? Von Freunden, wie alles. Depardieu will "nicht Biowein, sondern guten Wein" machen; er verzichtet auf Zwangsernährung des Bodens und Intensivmedizin für die Reben, weil er eine eigenwillig körperliche Beziehung zur Natur hat.

Er ist auch schon mal direkt von einer Preisverleihung in Cannes hergeflogen, noch im Frack, hat sich nicht umgezogen, sondern gleich im Weinberg mitgearbeitet. "Ich kenne ihn, seit ich zehn Jahre alt bin", sagt der 38jährige Philippe, "er ist mein zweiter Vater. Vor zwanzig Jahren sah er einmal, wie ich einen ziemlich teuren Bordeaux öffnete. Er nahm mir die Flasche weg und kippte den Wein in den Ausguss: ›Das verdirbt dir nur den Geschmack.‹ Zehn Jahre später brachte er den gleichen Wein selbst mit, wir probierten gemeinsam, und ich begriff." Nein, welcher Wein es war, das sagt Philippe nicht.

 

Aufsitzen! Und ab die Post, über helle Kiesel, ein Boden wie in den besten Weinlagen bei Bordeaux. Plötzlich ein anderer Untergrund: dicht geschichtete Schiefersteine. Hier baut Depardieu die regionaltypischen Rebsorten Chenin blanc für Weißwein und Cabernet franc für Rotwein an. Keiner weiß, warum auf Schiefer gewachsene Weine mineralisch schmecken, und wenn Philippe Polleau sagt, dass in heißen Jahren ein Toast-Aroma entsteht, muss man es ihm wohl glauben.

Oje, der Supermarkt macht in zehn Minuten zu. Also los! Gas! Hoppla, der Hut! Während der Fahrt lässt Depardieu auf einmal den Lenker los und hebt beide Arme in die Luft: eine Geste aus seinem Film Mammuth, der kürzlich in Deutschland anlief.

Die Lebensmittelabteilung wird gestürmt. Depardieu grapscht sich eine Honigmelone und schnuppert daran – nein: Er presst sie an seine Nase, küsst sie mit dem ganzen Gesicht. Sie darf mit. Außerdem ist gerade Tomatenzeit, die Auberginen glänzen, er strahlt zurück: "Ratatouille!" Er drückt auf Obst und Käse wie in seinem Film über den tragischen Koch Vatel, und man versteht, was er meint, wenn er sagt: "Ich stelle im Kino nichts dar, ich lebe einfach."

Als er zur Fleischtheke dampft, ist der schmale Herr dahinter ganz aus dem Häuschen. Man kennt sich. Depardieu prescht in den Kühlraum und deutet auf ein komplettes Rinderfilet. Der Metzger wuchtet das Fünf-Kilo-Stück auf den Holztisch, pariert es sorgfältig, da windet ihm Depardieu das Messer aus der Hand, trennt ein Scheibchen ab und steckt es sich in den Mund.

Nun geht die wilde Jagd zurück, das Ziel ist die Küche. Kurz vor der Ankunft scharfe Bremsung, ein Mann steht auf der Straße, der wie ein Chilene aussieht und auch einer ist, außerdem Keramiker. Trägt ein Geschenk in der Hand, einen Teller mit einem grottenhässlichen Porträt des Schauspielers. "Danke!", ruft der. "Es lebe das freie Chile!" – und ab.

Château Tigné wurde 1236 errichtet. Es hat Kriege und Bürgerkriege überlebt, bis es während der Revolution 1789 niedergebrannt wurde. Nachts fliegen Fledermäuse um die Turmruine, das Käuzchen ruft. Das Schloss wird gerade restauriert, Depardieu wohnt im Nebengebäude. "Hier lebten früher die Chouans", sagt er; das war eine Bauernguerilla, die sich gegen die Republik erhoben hatte. Seine Augen leuchten, als die Rede auf Balzac kommt, der dem aufständischen Volk in seinem Roman Die Chouans ein Denkmal gesetzt hat. Depardieu ist ein Bücherverschlinger. In allen Räumen liegen Bücher herum.

Überhaupt liegt und steht eine Menge herum. Zum Beispiel Dekorationsstücke aus seinen historischen Filmen. Der große Esstisch war eine Requisite von Cyrano de Bergerac, der Büroschreibtisch stammt vom Szenenbild der Fernsehserie Napoléon, die Degen sind aus dem Mann mit der eisernen Maske, die Büste ist aus Camille Claudel. Hinter dem Haus rosten ausrangierte Teile des Maschinenparks, schließlich sind wir auf einem Weingut. In den Hofecken verstauben Rennräder, Elektroroller, Geländemopeds.

Herumzurasen ist für Depardieu ein Riesenspaß, aber jetzt geht’s leider nur noch auf dem Quad, denn er hat sich beim Motorradfahren den linken Fuß zerschmettert. Die Operation war schwierig. Gerne redet er nicht darüber, aber er lässt durchblicken, dass nur eine lokale Betäubung möglich war, "und sehr wirksam war die nicht". Dann Gips, er sollte sich schonen – doch er marschierte trotzig los, der Gips hielt den schweren Mann nicht aus, dann die Entzündung. Jetzt ist alles schlimm, er kann sich nur unter Mühen bewegen. "Erniedrigend", raunzt er, und: "Ich koche auch nicht mehr." Der Zustand erinnert ihn, die Bemerkung rutscht heraus, an seinen Sohn Guillaume, der ebenfalls einen Motorradunfall erlitten hatte; Beinverletzung, bakterielle Infektion, Amputation, so ging das. Vor zwei Jahren starb der geschwächte junge Mann an einer Lungenentzündung.

Und dann kocht Depardieu doch. Zuerst wird eine Flasche Rosé geöffnet. Der Topf mit dem Öl steht schon auf dem Feuer, also schneller schnippeln, Tempo, Tempo! Die Tomaten werden wie Äpfel geschält. Action cooking, Depardieu schnauft und brummelt, schneidet, trinkt, rührt, treibt an. Eine Szene wie in Green Card. Mit der zweiten Flasche kommen warme Rillons auf den Tisch, Würfel in Schmalz gegarten Schweinefleischs.

Depardieu schiebt das Filet in den Ofen und ordnet an: "Wir machen noch sauber, ich mag keine chaotischen Küchen." Einen kleinen Schluck? "Nein, einen großen."

 

Nun wird auch wieder geredet. "Wenn du eine Ratatouille machst", sagt Depardieu, "musst du zur Tomate werden. Zur Zucchini und zum Knoblauch. Dann geht alles leicht. Das ist das Gefühl, das dir keine dieser schwachsinnigen Kochshows im Fernsehen vermitteln kann. Ich hasse Fernsehköche!"

In Küchen hält er sich am liebsten auf. Besonders in der seines Pariser Restaurants nahe der Opéra Garnier; mit dem Küchenchef ist er, wie kann es anders sein, seit zwei Jahrzehnten befreundet. Wer dort mit Depardieu einen Termin vereinbart, begibt sich am besten gleich zu den Töpfen. Die Begrüßung kann schon am frühen Vormittag recht fettig ausfallen: "Willst du auch ein Stück poulet?" – dazu Chenin blanc, selbstverständlich.

© Jonas Unger

Seine Tierliebe ist verschlingend. Als wir, nachdem er in Hamburg seinen Wein vorgestellt hat, im Hafen-Klub Vierländer Ente essen, gibt er seiner Lust mit lautem Entenquaken Ausdruck. "Du musst den Tieren mit Respekt begegnen", sagt er. "Ich hab viel geangelt in meiner Jugend, du siehst die Fische umherschwimmen, plötzlich zuckt die Angel, du ziehst den Fisch heraus, und dann", er zieht aufgeregt den Atem ein, "dann kommt der Moment: Da guckt dich ein Wesen aus einer anderen Welt an. Eine Begegnung. Es sind immer die Begegnungen, die faszinieren."

Es existiert ein Foto von Depardieu, das ihn im Schlachthaus zeigt, in Metzgerschürze, mit dem Blick eines Mannes, dem alles begegnet ist. "Wenn du ein Tier erst zwei Tage hungern lässt, damit es sich entleert, bevor es geschlachtet wird, dann schmeckt es nach Stress. Aber wenn du es zärtlich massierst, wenn du es nicht herumhetzt, kommt der Tod sanft und ist gut." In Mammuth spielt Depardieu einen pensionierten Schlachthausarbeiter.

Er ist auch deshalb so populär in Frankreich, weil er die Achtung vor dem Proletariat nicht verloren hat. Sein Weinmacher Philippe wohnt gegenüber vom Weingut; Depardieu macht bei ihm einen Kurzbesuch und stellt nacheinander die anwesenden Familienmitglieder und Freunde vor, und von einem sagt er: "Ein Künstler. Er macht die schönsten Zäune, Riegel und Türbeschläge." Sein eigener Vater war Blechschmied, "ein sehr guter", außerdem Analphabet, Trinker und "ein freier Mensch".

Die Eltern hätten ihm viel Liebe gegeben, man habe ein bisschen "wie die Zigeuner gelebt, oder wie die Indianer", und es habe nichts Wichtigeres gegeben als die Freiheit sowie einen kleinen Gemüsegarten: So hat er es vor ein paar Wochen einer Gruppe von Lesern des Boulevardblatts Le Parisien erzählt. Solchen Menschen aus sogenannten einfachen Milieus, die es selten einfach haben, öffnet er sich sofort. Wenn hingegen Journalisten zudringlich werden, wie jene Fernsehreporterin, die ihm ein Mikrofon vor die Nase hielt, als er von einer Premiere kam, und ihn mal eben nach seinem verstorbenen Sohn fragte, dann erleben sie den anderen Depardieu: "Du Schlampe", lachte er nur und drehte sich weg.

Diesen Leuten gehört er nicht. Aber allen anderen. Sofort ist er bei einem Du, das weder arrogante Distanzlosigkeit noch gespielte Lässigkeit ausdrückt, sondern seine Bereitschaft, auf andere zuzugehen, ohne Misstrauen. Wenn er auf Weinfesten auftaucht, lässt er sich bereitwillig von jedermann auf die Schulter klopfen. "Ich treffe oft auf Menschen, die glauben, dass wir uns kennen. Nur weil sie meine Filme gesehen haben. Aber ich komme gerne ins Gespräch. Ich rede am liebsten mit ihnen über ihre Berufe. Deswegen liebe ich ja auch die Stadt, die Städte überall auf der Welt, wegen der Begegnungen, immer wegen der Begegnungen. Berlin zum Beispiel, das war fantastisch." Wieso? "Der Berliner ist ein Ausbund an Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit." Sagen wir’s mal so: Depardieu überrascht immer wieder.

 

Als Gastgeber seiner house-warming party in Paris brachte er es unlängst fertig, rund 80 Gästen ein Gefühl des Aufgehobenseins zu vermitteln. Irgendwann stand er unvermutet auf und trug ein Gedicht von Charles Baudelaire vor: Der Fremde heißt es. Darin wird jemand gefragt, wen oder was er am meisten liebt:

Deinen Vater, deine Mutter, deine Schwester oder deinen Bruder?

Ich habe weder Vater noch Mutter, noch Schwester, noch Bruder.

Deine Freunde?

Sie bedienen sich da eines Ausdrucks, dessen Sinn mir bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben ist.

Dein Vaterland?

Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad es sich befindet.

Die Schönheit?

Ich würde sie gerne lieben, die Göttin und Unsterbliche.

Das Gold?

Ich hasse es, so wie Sie Gott hassen.

Depardieu peitscht den letzten Satz durch den Raum, dass es durch Mark und Bein geht, und setzt dann fort:

"Na! Was liebst du dann, du ungewöhnlicher Fremder?

Ich liebe die Wolken ... die Wolken, die vorbeiziehen ... da oben ... da oben ... die märchenhaften Wolken!

Wolken wie die über dem Anjou. Anjou, und nicht Frankreich. "Frankreich langweilt mich ungeheuer", sagt er gequält, "jede Nation langweilt mich. Ich liebe die Kulturen, aber die Nationalstaaten machen alles eng."

Nun endlich erscheint Philippe mit den Flaschen für die Weinprobe. Aber wie sieht denn die erste aus? Nur ein halber Liter passt hinein, der Wein ist hellrot, schmeckt süßlich: "Ein Omawein", sagt Depardieu, "aus meiner ersten Lese auf Tigné, das war 1989. So hat man früher Cabernet d’Anjou gemacht, die alten Damen tranken ihn um fünf Uhr."

Seiner Großmutter gewidmet ist der nächste Wein, ein sanft perlender Crémant namens "Taille princesse", Depardieus filigranstes Produkt.

Alles begann wieder einmal mit einer Freundschaft, und zwar zu Patrice Monmousseau, der im Hause Bouvet-Ladubay die raffiniertesten Schaumweine Saumurs herstellt. Patrice ist ein Typ für sich, raumfüllend, großzügig, Rennsportfan, begnadeter Zigarrenraucher, ein pince-sans-rire, also jemand, der Quatsch macht, ohne eine Miene zu verziehen; für ihn produziert Tigné schon seit langer Zeit Grundweine, aus denen dann Crémant entsteht. Depardieu hat kürzlich die Produktionshalle von Monmousseau besucht und sich für die Industrieroboter begeistert, die mit Flaschen, Rüttelpulten und Paletten hantierten – tonnenschwere Trumms mit Fingerspitzengefühl. Und so haben auch Patrice und Gérard, die beiden großen Jungs, in vielen gemeinsamen Probetagen eine zarte Cuvée aus Chenin blanc und Chardonnay zusammengestellt.

Auf Tigné selbst entstehen zehn verschiedene Weine, die Abnehmer sind über die ganze Welt verstreut. Depardieu entkorkt einen Süßwein aus Chenin blanc. "Den trinkt mein Freund Fidel gern" – schwieriges Thema. Über Castro diskutieren wir nicht das erste Mal. "Er hat zu mir gesagt: Gérard, wir Latinos sind ein junges Volk, unsere Geschichte begann erst vor 500 Jahren mit Cortez, mit Krieg und Sklavenhandel, und deshalb sind alle, die bei uns an die Macht kommen, Diktatoren." Dass Kubas Revolution tragisch ist, darauf immerhin können wir uns einigen.

Sein historisches Wissen hatte er, der mit der Schauspielerei in tiefster Unbildung begann, zunächst rund um die Figuren seiner Rollen erworben, und noch immer spricht er viel von Cäsar, Kolumbus, Danton. Die fanatischen Massen sind für ihn der Teufel der Geschichte. "Wie soll man bloß Vertrauen in die Menschen setzen, wenn sie dieser monumentalen Blödheit anheimfallen, sobald sie eine Masse bilden!", ruft er aus. Hasst Kundgebungen, Rockkonzerte, überhaupt Großveranstaltungen. Den Kommunismus verabscheut er, obwohl er doch einmal die Kommunistische Partei unterstützt hat. Doch dann sagt er plötzlich: "Wenn du einmal Kommunist warst, dann bleibt irgendetwas davon in dir, selbst wenn du an keine Ideologie mehr glaubst."

 

Jetzt ein blickdichter Roter aus der regionalen Rebsorte Grolleau: "Ein vin de soif, ein Durstwein. Für neun Uhr morgens." Fragende Gesichter. "Also wenn man schon um sechs Uhr aufgestanden ist und hart gearbeitet hat. Jean Carmets Lieblingswein." Jean Carmet, Darsteller rustikaler Typen, war einer seiner raren Freunde aus dem Kinomilieu. Aus der Hand Depardieus erhielt er 1994 einen César für sein Lebenswerk. Er starb noch im gleichen Jahr. Und da Tigné ein kleines Dorf ist, konnte Depardieu erwirken, dass noch 1994 die Schlossstraße in "rue Jean Carmet" umbenannt wurde; "meine Adresse ist rue Jean Carmet Nummer eins", sagt Depardieu mit Stolz.

Nun zur Abwechslung ein 1989er Premier Cru aus der Bourgogne. "Der ist so alt wie mein Bauch", sagt Depardieu. Über den reißt er gleich noch einen Witz: "Wenn die Brioche zu groß wird, sieht man die Baguette nicht mehr." Der Erzeuger des Burgunders habe einmal Geld gebraucht, um sein Gut zu retten. "Ich hab es ihm gegeben und als Zinsen regelmäßige Weinlieferungen vereinbart."

Auch die folgende Flasche könnte beinahe ein Burgunder sein, aber sie ist ein Cabernet franc aus der eigenen Domäne, Jahrgang 1991. Der Duft nach Leder erinnert Depardieu an den 1951 gedrehten Film Ledernase von Yves Allégret. Die Geschichte eines verstümmelten Soldaten, der eine Maske aus Leder trägt und eine Frau nach der anderen erobert. Bis auf jene, in die er sich unsterblich verliebt. Alles endet damit, dass der Soldat seiner großen Liebe das Gesicht zeigt, aber ihr Mitleid nicht erträgt ... schnell wechselt Depardieu das Thema. Wir sind wieder beim Cabernet franc. Die Rebsorte eignet sich für komplexe Weine, nicht für trendige Wuchtbrummen. Sie findet sich in den Cuvées einiger großer Bordeaux, im Château Haut-Brion zum Beispiel. Das ist bezeichnenderweise der Lieblingswein Depardieus: der harmonischste aller Bordeaux. Kein Obelixwein.

Gut, dass vom 1991er eine Magnum auf dem Tisch steht. Seine Tannine wirken körnig, straff ist er, elegant. "Vollständig spontan vergoren", bemerkt Philippe, also ohne Zugabe von fremden Hefen, Nährsalzen oder Spezialbakterien. Auch Enzympulver und andere Präparate zur Aromasteuerung haben Hausverbot auf Tigné. "Wegen solcher Weine", sagt Depardieu, "wollte ich ein Gut im Anjou." Als er Tigné 1988 kaufte, hatte es nur 25 Hektar, mittlerweile sind es hundert.

Die schönste Zeit ist für ihn diejenige, in der die Cuvées zusammengeschnitten werden. "Am liebsten morgens. Wenn alles schläft. Du stehst um vier Uhr auf, gehst zu den Fässern und probierst, dann gehst du wieder schlafen. Und das mehrere Tage lang. Du musst mit deinem Selbst der verschiedenen Tage probieren. Immer wieder, das dauert lange, und irgendwann macht es klack! Das ist wie mit schwierigen Texten. Ich muss über sie schlafen. Nicht denken. Wie beim Kochen, wie im Sport, wie auf der Bühne. Die Wahrheit ist in der Performance, in der Aktion."

Und dann sagt er noch: "Du bist nur gut, wenn du Dinge machst, die dir selbst ähnlich sind." Das Geheimnis seiner Filme. Und seiner Weine.