Ein paar Grenzen bestehen auch im vereinten Europa fort. Das beste Beispiel: England und Frankreich. Entzweit vom stürmischen Wasser des Ärmelkanals. Vom Desinteresse an der Sprache der anderen. Von stolz hochgehaltenen Gegensätzen, namentlich beim Essen. So denkt sich das der Reisende, und dann ist er in Guernsey. In, nicht auf. Die zweitgrößte Kanalinsel legt Wert darauf, ein Staat zu sein. Zwar im Besitz der britischen Krone, aber doch mit eigener Währung und eigenem Recht. Und keine vierzig Kilometer vom Ufer der Normandie entfernt. Was mögen sie hier wohl essen: Froschschenkel mit Minzsauce? Coq à la bière?

Die Haupturlaubszeit auf der Insel ist schon ein paar Wochen vorbei. Ein salziger, feuchter Wind pustet durch die Blätter der Palmen, die ein bisschen angeberisch in den Gärten der Steincottages stehen. Ins Wasser trauen sich nur noch ein paar beinharte britische Rentner. Aber jetzt steigt das Tennerfest, wie jeden Herbst seit zwölf Jahren. Fast alle Restaurants bieten bis Mitte November Menüs zum Sparpreis an. Ursprünglich war das der namensgebende Zehner. Da die Inflation auch Steueroasen nicht ganz verschont, nehmen manche Häuser für drei Gänge inzwischen 15 oder 18 Pfund. Beim derzeitigen Wechselkurs kommt der Besucher also immer noch günstig davon.

Und Restaurants gibt es viele in Guernsey, über hundert für 65000 Bewohner. Die besten tragen französische Namen, aber die Etikette ist englisch. Ein Gentleman stürmt nicht gleich zum Tisch wie ein Verhungernder. Er setzt sich erst mal auf einen gemütlichen Sessel an der Bar, nippt am Gin Tonic und studiert die Karte. Zum Essen steigt man um auf Wein, französischen natürlich. Ein Pariser fände wohl trotzdem hinterwäldlerisch, wie voll die Gläser gegossen werden und wie beherzt mancher Gast sie am Kelch fasst.

Gegessen wird am liebsten Seafood: gratinierte Austern, gefüllte Sepien vom Grill, Jakobsmuscheln auf Champagner-Velouté, an der Gräte gebratener Steinbutt, Hummer Thermidor... Aber auch die berühmten Fish ’n’ Chips in achtbarer Qualität. Im Gartenlokal The Pavilion verwenden sie dafür fangfrischen Kabeljau und Zitronensaft anstelle des üblichen Essigs, der Nichtbriten den Magen umdreht.

"Der Fisch in Guernsey ist der beste der Welt", sagt Günter Botzenhardt. "Das kommt, weil hier die Boote nicht tagelang auf See sind. Wenn abends der Tee kalt ist, kommen sie zurück." Den Ulmer hat vor dreißig Jahren die Liebe nach Guernsey gebracht. Er führt eins der besten Restaurants, das Le Nautique im Hauptort St. Peter Port. Ein bodenständiges Lokal mit Hafenblick und Schiffsgerätschaften an der Wand.

Botzenhardt sagt: "Die Leute hier mögen gutes Essen, nur mit Haute Cuisine haben Sie keine Chance." Der einzige Sternekoch der Insel, ein Franzose, hat gerade das Handtuch geworfen. Wer nach den Gründen fragt, erntet wüstes Schimpfen über den Geiz der Guernseyer und ihren biederen Geschmack. Botzenhardt dagegen kommt sein schwäbischer Migrationshintergrund zugute: "Ich mache die Teller voll." Stimmt. Bei seiner klaren Fischsuppe sieht man kaum die Brühe vor lauter Fisch.

Dass die Köche von auswärts kommen, ist nichts Ungewöhnliches in Guernsey. Hier wird man Banker oder Anwalt. "Kochen gilt als Job für Leute, die nicht anderes können", sagt Botzenhardt. "Die paar Einheimischen in den Küchen habe fast alle ich ausgebildet." Und vorher? "War der Standard niedrig. Die hatten so ein Nationalgericht, bean jar. Bohneneintopf, zwölf Stunden lang gekocht. Ich kann ihn sogar zubereiten. Mache ich aber nicht!"