Er ist klein. Er ist fix. Und er arbeitet seit 44 Jahren am selben Ort: Jürgen Carl, 70, der legendäre Concierge des Hotels Steigenberger Frankfurter Hof in Frankfurt am Main. Ihm ist nichts fremd – menschliche Größe nicht und auch nicht menschliche Schwäche. Was vielleicht niemals so nah beieinanderliegt wie in diesen Tagen. Es ist Buchmesse. Da trifft "der Herr Carl", wie alle ihn nennen, seine Lieblingsgäste – Verleger, Autoren und Literaturagenten aus aller Welt.

DIE ZEIT: Herr Carl, Sie seien ein Unikum, heißt es. Aber sind Sie nicht erst einmal ein ganz normaler Concierge?

Jürgen Carl: Absolut. Mein Arbeitsplatz ist die Loge in der Halle des Steigenberger Frankfurter Hof, neun Stunden am Tag stehe ich hinter dem Tresen, begrüße Gäste, beantworte Fragen, trage Koffer, wenn gerade kein Hoteldiener zur Verfügung steht. Und alles muss schnell gehen. Ich erledige Besorgungen, beantworte Telefonate – und ich diene als Blitzableiter.

ZEIT: Blitzt es häufiger mal?

Carl: Ich erinnere mich, wie einmal ein Hoteldiener das Ticket für einen Koffer verwechselt und dieses Gepäckstück einem abreisenden Gast ins Taxi gestellt hat. Nun kam der Gast, dem der Koffer gehörte, hatte es eilig, weil er zu einer Sitzung musste, und wollte seinen Koffer haben. Aber der war weg... Große Aufregung. Alle Papiere, die der Gast benötigte, waren in dem Koffer. Ich stand hinter dem Desk und versuchte, den Mann zu beruhigen. "Sie müssen mir Zeit geben, um herauszufinden, wo das Gepäck gelandet ist", bat ich. Vergeblich! Plötzlich wurde er kreideweiß, nahm einen schweren Aschenbecher aus Kristallglas und warf ihn mit aller Wucht nach mir. Zum Glück konnte ich mich wegducken.

ZEIT: Ein gefährlicher Job – ist das der Grund dafür, dass man in vielen Hotels gar keinen Concierge antrifft?

Carl: Ein Concierge ist ein Luxus. So stellt ein Hotel sicher, dass die Wünsche seiner anspruchsvollen und viel beschäftigten Klientel befriedigt werden. Ich studiere den Veranstaltungskalender. Ich lese, welche Ausstellung eröffnet wurde, was es im Kino gibt. Das erwarten meine Gäste.

ZEIT: Diese Woche ist Ausnahmezustand im Haus. Was ist an Buchmesse-Gästen besonders?

Carl: Wie soll ich das beschreiben? Das sind offene Menschen, keine kleinlichen Menschen. Außerdem können sie über Fehler hinwegsehen. Alles, was mit Büchern zu tun hat, fasziniert mich. Logisch, dass ich diese Menschen besonders liebe.

ZEIT: Dass Sie viel lesen, hat sich herumgesprochen – Belletristik, aber auch Philosophisches. Was liegt in diesen Tagen auf Ihrem Nachttisch?

Carl: Gerade lese ich Solar von Ian McEwan. In der FAZ stand ja, es sei das Buch der Saison. Die Überschrift der Rezension lautete: Das Leben ist lesenswert. Das hätte mir einfallen können!

ZEIT: Mal ehrlich, es ist Ihre x-te Buchmesse. Die Hektik, die Empfänge, der Klatsch – ist es nicht jedes Jahr das Gleiche?

Carl: Nein. Die frühen Jahre waren geprägt von den Patriarchen der Verlage. Patriarchen im schützenden Sinn. Ob es Helmut Kindler war, Carl Hanser, Willy Droemer oder Siegfried Unseld – diese Herren habe ich noch gekannt. Soweit ich konnte, habe ich verfolgt, was gerade aktuell war, ich kannte die Autoren, wusste, wer sich gut verkauft. Ob Sie heute Michael Krüger von Hanser nehmen oder Klaus Eck von Random House – wunderbare Menschen, aber das Patriarchalische ist weg.

ZEIT: Auf welche Autoren freuen Sie sich besonders in diesem Jahr?

Carl: Zum Beispiel auf Martin Suter. Sein Titel Der Koch steht auf der Bestsellerliste. Ich freue mich für Suter. Daniel Keel vom Diogenes Verlag ist ein großer Entdecker. Und so witzig!