Am Abend vor ihrer Abreise schaufelt Kim Hatley Pizzastücke auf Pappteller und trägt sie an den Esstisch in der Küche, damit alle Gäste satt werden. Sie hat den ganzen Tag nichts gegessen, hat nur Kaffee getrunken und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Seit ihr Mann John fort ist, schläft sie kaum noch, sie lebt nur noch für John. Wie immer reden alle über ihn, aber niemand fragt, wie es ihr eigentlich geht.

"Ach, John lässt sich nicht runterziehen", sagt dessen Vater, ein weißhaariger Mann, er hat gerade mit dem Sohn telefoniert. Um John dreht sich hier immer alles, nicht erst, seit er im Gefängnis ist. Eine der Schwestern widerspricht: "Er zeigt nur nicht, wie er sich fühlt." – "Aber er macht schon wieder Pläne!", beharrt der Vater. "Er will später mal ein Haus bauen, und wisst ihr, was er noch sagt? Er sei jetzt an dem sichersten Ort, an dem er in den letzten 20 Jahren gewesen ist." Alle lachen, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass sie eine gewöhnliche amerikanische Familie sind, nicht die Familie eines Mörders.

Der Vater spricht das Tischgebet, er ist 69 Jahre alt und Zimmermann. Er denkt nur an den guten John, der anderen immer nur helfen wollte, so haben sie ihn erzogen hier in Groesbeck, Texas, zwei Autostunden von Dallas entfernt, weit genug weg von großstädtischen Verlockungen. John, der ein Vorbild sein wollte, in diesem Geist wurde er Soldat, First Sergeant John Edmund Hatley, 42 Jahre alt, ein Kerl mit kantigem irischem Gesicht und blondem Haar, 1,90 Meter groß, Muskeln wie ein Bär. Das Beste, was die Hatleys zu geben hatten, mit diesem John kann doch nichts Böses in die Welt gekommen sein.

Vier tote Iraker, Schüsse ins Genick.

"Er ist ein Held", sagt Kim. Alle nicken, aber Kim klingt, als versuche sie einen stillen Zweifel zu bezwingen. Außer ihr scheint hier niemand von Johns Gräueltaten auch nur ein bisschen berührt zu sein. Ein Militärgericht hat ihn 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt, doch die Familie findet, John habe nur seinen Job gemacht. Die Generäle haben seine Strafe auf 40 Jahre Haft reduziert, vielleicht kommt er schon früher auf Bewährung raus. Das ist Kims Hoffnung.

Sie setzt sich endlich. Sie wirkt ausgelaugt, als erfordere es ihre ganze Kraft, ihren Teil zu der lärmenden Fröhlichkeit beizusteuern, die alle hier wie einen Schutzschild herumtragen. Am nächsten Tag wird sie John im Militärgefängnis in Kansas besuchen, eine Tagesreise von Groesbeck entfernt. Als sie John den Prozess machten, ist Kim als Einzige dabei gewesen. Sie weiß, was an jenem Märztag 2007 in Bagdad geschah und was darüber in den Gerichtsakten steht.

Der Unteroffizier John Hatley ist an diesem Tag wie immer mit einem Dutzend seiner Leute im westlichen Rashid auf Patrouille, einem der gefährlichsten Teile der seit vier Jahren besetzten irakischen Hauptstadt. Hatley ist als First Sergeant der Ranghöchste eines kleinen Stützpunkts, in dem er sich mit seinen Männern seit einem halben Jahr verschanzt hat. Um die Bevölkerung besser zu beschützen, hat er die Zahl der Patrouillen verdoppelt. Die Lage hat sich seitdem gebessert, doch Aufständische attackieren die Soldaten immer wieder aus dem Hinterhalt oder zünden in der Straße vergrabene Bomben.

Auch an diesem Tag wird Hatley beschossen. In einem Wohngebäude stellt er vier Männer, sie sitzen auf dem Fußboden. Sie haben keine Waffen bei sich, aber in der Nähe finden die Soldaten Maschinengewehre, Nachtsichtgeräte und Taschen voller Munition. Situationen wie diese erleben die US-Truppen ständig: Ihre Gegner wissen, dass die Soldaten Beweise brauchen, um sie einzusperren, also verstecken sie nach einer Attacke die Waffen. Die Soldaten müssen belegen, dass sie beschossen wurden und von wem. Daher haben sie chemische Tests bei sich, die Schmauchspuren an den Händen sichtbar werden lassen, ein transportables Labor. Sie nehmen Fotos des Tatorts auf und halten Zeugenaussagen fest. Die Richtlinien, die diese Prozedur regeln, sind erst vor zwei Jahren verschärft worden. Die meisten mutmaßlichen Aufständischen, die von US-Soldaten aufgegriffen werden, kommen bald wieder frei. Eine Militärstatistik belegt, dass in den Jahren 2004 bis 2008 von 80.000 Festgenommenen nur 7000 länger in Haft blieben. Bis heute sind Irakveteranen wütend über diese Regelung. Sie sagen, sie kämpften immer wieder gegen denselben, längst unschädlich gemachten Feind.

Hatley lässt den vier Irakern die Augen verbinden und die Hände auf den Rücken fesseln, dann schafft er sie in ein Panzerfahrzeug. Er nimmt ein paar Soldaten beiseite. Should we take care of them?, sollen wir uns um sie kümmern? Sie verstehen ihn richtig, er will die Männer umbringen. Vielleicht klingt diese Frage auch wie ein Befehl. Hatley ist ein angesehener First Sergeant, einer der wichtigsten Männer der Kompanie. Ein hoher Unteroffizier, das Bindeglied zwischen den Offizieren und den einfachen Soldaten. Und Hatley ist beliebt, für viele ein Vorbild. Zwei Unteroffiziere sagen: Okay. Die anderen schweigen. Niemand widerspricht.