Über dem Wahlplakat an der Hauswand, wo einst das Dach saß, sind noch Rußspuren zu erkennen. Anfang Juni, als ein Mob durch das usbekische Viertel der kirgisischen Stadt Osch unterhalb des Süleiman-Bergs zog, ist der ganze Straßenzug abgebrannt. Hunderte von Menschen kamen damals in Osch ums Leben. Viele Ruinen stehen bis heute unverändert da. In der Nachbarschaft stapeln sich Backsteine und Holzplanken auf der Straße. Erst jetzt beginnen die Menschen, in den Höfen ihrer früheren Häuser Notunterkünfte für den Winter hochzumauern. Das Plakat verheißt Frieden und Wohlstand durch eine neue kirgisische Regierung.

Die Parlamentswahl am Sonntag ist ein historisches Ereignis für Kirgisistan. Das 5-Millionen-Volk wählt erstmals seine Abgeordneten für eine parlamentarische Republik. Das einst dominierende Präsidentenamt ist durch eine Verfassungsänderung weitgehend geschwächt worden . Die Despoten der Nachbarländer Kirgisistans, die das lebenslange Alleinherrschen ohne Opposition bevorzugen, sind alarmiert. Sogar ein Gesandter Russlands reiste an und warnte väterlich, das Land sei noch nicht reif für ein Parlament eigenständiger Entscheidungen. Aber die provisorische Regierung unter Präsidentin Rosa Otunbajewa, die erst seit dem Sturz ihres Vorgängers im April an der Macht ist, blieb bei ihrer Reform. Die parlamentarische Republik soll Kirgisistans Hoffnung auf Demokratie und Stabilität erfüllen. Eine schöne Sache, die katastrophal enden könnte.

Denn das Land ist verarmt und zerrissen. Der Süden verharrt noch im Schrecken nach den Pogromen zwischen Kirgisen und Usbeken . Das Leben in Osch hat sich nur scheinbar normalisiert. Die meisten usbekischen Kioske und Cafés haben zwar wieder geöffnet. Aber manche von ihnen gehören jetzt Kirgisen. Der zentrale Basar ist wieder aufgebaut. Doch die innere Anspannung der Menschen bleibt spürbar: Die usbekischen Händler preisen leiser als früher ihre Fladenbrote und Weintrauben an. Die Angst ist groß. Die Usbeken fühlen sich schutzlos. Gerüchte kündigen schon ein neues Morden für die Zeit nach der Wahl an.

Viele Einwohner aus Osch sind zu Verwandten in anderen Landesteilen oder nach Russland geflohen. Aber Kadyrschan, ein usbekischer Anwalt, will bleiben. "Bis zum Schluss", sagt der 30-Jährige. Er hilft Usbeken, die wegen der Pogrome vor Gericht gestellt werden. Polizisten und Richter sind meist Kirgisen. Kadyrschan berichtet von gefälschten Beweisen und von Angeklagten, die im Gerichtssaal mit Duldung des Richters verprügelt wurden.

Kadyrschan fragt mit leiser Stimme den Besucher in seinem Büro, ob ihm niemand gefolgt sei. "Wir müssen vorsichtig sein", sagt er. "Alles kann wieder passieren, solange es hier keine Gerechtigkeit gibt." Daran werde auch die Parlamentswahl wenig ändern. Kadyrschan gibt niemandem seine Stimme. Aber ganz ohne Hoffnung will er nicht bleiben: "Vielleicht bringt uns die parlamentarische Republik letztlich doch ein freies und demokratisches Kirgisistan."

Kritiker halten das parlamentarische System für den falschen Weg aus der Krise. Denn die 156 politischen Parteien Kirgisistans sind nur Organisationstrupps für die Spitzenkandidaten. Ihr Bindemittel ist das Clandenken der Kandidaten: Nicht Gleichgesinnte, sondern Verwandte tun sich zusammen. Hinzu kommt eine sowjetisch geprägte Politelite, die wie auf der abgeschabten Achterbahn im Vergnügungspark direkt hinter dem Präsidentenpalast ohne Halt um die Macht kreist.

Mal ist der eine oben, mal unten, und alle eint die Vorstellung, eine neue Politikergeneration abzuwehren. Sogar die neue Verfassung dient persönlichen Ambitionen: Ihr Hauptautor, Omurbek Tekebajew, ein Mitstreiter der Präsidentin, hat sich das Amt eines starken Premierministers auf den Leib geschrieben, da er bei einer direkten Präsidentenwahl kaum Chancen hätte. Zur öffentlichen Verfassungsanhörung in der Stadt Osch reiste Tekebajew im Sommer mit seiner schwer bewaffneten Leibwächtermiliz an. "Wir lernten die neue Verfassung vor Gewehrläufen kennen", erzählt ein Journalist aus Osch. Im Saal saßen herangekarrte Arbeiterbrigaden, die für einen Geldschein gern die parlamentarische Republik Tekebajews beklatschten.