Zuerst einmal: Dieses Buch ist lustig. Es ist so lustig, dass stummes Grinsen bei der Lektüre nicht reichen wird. Wer also ungern laut glucksend in der U-Bahn gesehen wird, sollte Solar zu Hause lesen.

Dann: Das Buch ist eine Überraschung. Ian McEwan hat noch nie einen Roman mit so viel Witz, Sarkasmus und handfester Komik geschrieben. Zwar war dieser Autor schon immer höchst vielseitig. Sein frühes Image als Schocker, in dessen Erzählungen Kinder eingemauert und trächtige Ratten geschlachtet werden, legte er rasch ab, indem er sich virtuos an venezianischen Vexierspielen (Der Trost von Fremden) und zeitgeschichtlichen Kriminalromanen (Unschuldige) versuchte, Geschichten, bei denen wie später auch bei Liebeswahn und Amsterdam das Böse und das Beklemmende des großen Welttheaters in den Alltag eindrangen und für dramatische Verwerfungen sorgten. In seinem berückenden Historiendrama Abbitte erzeugt McEwan mit hypnotischer Prosa Verstörung, in Saturday dekonstruiert er messerscharf Liberalismus und Fundamentalismus – großartige Romane. Aber zum Lachen gab es nicht viel.

Es ist also etwas Neues, wenn McEwan in Solar ausgerechnet sein komisches Talent auspackt. Schon die Beschreibung der Hauptfigur klingt wie aus dem Handbuch für klassische britische Witzfiguren, wie sie etwa die Romane von Evelyn Waugh bevölkern: Michael Beard, klein, dick, glatzköpfig, notorisch unordentlich, sexsüchtig, egozentrisch – und ziemlich klug.

Beard, zu Beginn des Buches 53 Jahre alt, hat in den siebziger Jahren den Nobelpreis für Physik gewonnen und versilbert seine alten Verdienste. Eine Honorarprofessur hier, ein paar Vorträge da, dazu die nominelle Leitung eines neu gegründeten Instituts für erneuerbare Energien, das er aber nur einmal pro Woche besuchen muss. Beard vertreibt sich die Zeit vor allem damit, sein Gesicht in Ministerien und Universitäten herzuzeigen, um nicht in Vergessenheit zu geraten, und sich an den Buffets zu bedienen. Außerdem ist er ständig auf der Suche nach Frauen. Alt, jung, schön, hässlich – egal. Hauptsache, sie gehen mit ihm ins Bett.

So lernen wir Beard kennen: faltig und verzweifelt. Eben hat ihn seine fünfte Frau Patrice überführt, während der kurzen gemeinsamen Ehe nicht weniger als elf Affären gehabt zu haben. Dafür revanchiert sie sich nun in den Armen eines Bauarbeiters, und die Szene, als der schwächliche, dicke Beard den muskulösen Widersacher vor dessen Haus zur Rede stellt und sich eine saftige Ohrfeige abholt, ist der erste Comedy-Höhepunkt des Buchs.

Die nächste bemerkenswert lustige Passage ereignet sich in der Arktis, als Beard mit einem Schneemobil von Longyearbyen auf Spitzbergen zu einer Forschungsstation aufbricht, wo sich Künstler und ein Wissenschaftler – er – für eine Woche treffen, um eine Strategie gegen den Klimawandel zu entwickeln. Oder Methoden, um auf ihn aufmerksam zu machen. Oder um eine gescheiterte Ehe zu vergessen.

Hinreißend die Szene, in der sich Beard für die Fahrt mit dem Schneemobil in die komplizierte, mehrschichtige Kälteschutzkleidung gezwängt hat, mitten im ewigen Eis jedoch dringend pinkeln muss, sich dabei fast den Penis abfriert und, von Schmerzen und sexuellen Panikattacken geplagt, ungewohnt philosophisch wird: "Er würde ins Kloster gehen, gute Werke tun, nach armen Leuten sehen. Bibbernd stellte er sich zum ersten Mal in seinem Leben die Frage, ob das Dasein der Menschen bestimmten Zwecken und Zielen folgte, ob es so etwas wie griechische Götter gab, die mit viel Sinn für Ironie auf Rache sannen und rabiate Strafen verhängten."