Der letzte Vorhang war aus schwerem, schwarzem Stoff, das Publikum musste ihn selber beiseiteziehen. Es sah in ein karg möbliertes Zimmer. Ein Bett, ein Tisch. Auf dem Tisch Tablettenflakons, auf dem Bett der Körper einer Frau. Ihr Kopf war auf der rechten Wange abgelegt, ihre rechte Hand hielt einen Telefonhörer umklammert. Der Körper war nackt und still.
 

Von Traurigkeit erzählen auch die schönsten Fotos von Marilyn Monroe. In dem Buch "Tapfer lieben" finden sich ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe © Thomas Coex/AFP/Getty Images

Das Publikum, das sich an diesem 5. August 1962 um drei Uhr früh vor einem Bungalow in Brentwood, California, eingefunden hatte, sah die Todesszene von Marilyn Monroe. Das Publikum bestand aus einer Haushälterin und einem Psychologen. Das Stück, das geboten wurde, war die Tragödie vom Aufstieg und Fall der Norma Jeane Mortenson, vom Aschenputtel zum herrlichsten Glamour-Star aller Zeiten, der Schrecken war furchtbar, von Katharsis keine Spur. Das Drama versprach keine Erlösung, sondern endlose Wiederholung. Die Szene am Fifth Helena Drive in Brentwood war das letzte und zugleich das erste Bild einer Inszenierung, deren Skript seither immer wieder umgeschrieben wird, neu beginnt mit jeder Biografie, jedem Film über die Monroe, den Magazinstrecken wiederentdeckter Fotos, den Spekulationen über ihren Tod, ob es nicht doch Mord war. Nie werden wir es satt, der Story zu lauschen, so wie Kinder nach Märchen verlangen: Noch mal! Und jetzt erst, wo in New York Tagebücher, Briefe, Gedichte von Marilyn Monroe vorgelegt werden, schon wieder Unveröffentlichtes, nie Gesehenes, und erneut diese Woge der Begierde aufbrandet, endlich in das Innerste, Heilige, der Göttin zu blicken!

Man sieht: ein schwarzes Notizbuch, eine Kladde. Briefbögen aus dem Hotel Waldorf Astoria, Gekritzeltes, engzeilig Getipptes, große Buchstaben fließen über kleine Seiten, Tabellen, Unterstrichenes, Ausgestrichenes.

Der englische Titel Fragments trifft es besser als der deutsche Tapfer lieben, der sich in einer sentimentalen Interpretation des Gefundenen versucht. Gefunden wurden Fetzen von Sätzen, Fragmente von Gedanken, Kochrezepte, Einkaufslisten, Memos aus ihren Analysen, Notizen aus dem Schauspielunterricht. Als hätte bei einer nächtlichen Marilyn-Séance der Tisch tüchtig geruckelt – und dann: ihre raue, raspelnde, hauchende Stimme! Ein Flehen. Aufschreie.

"Allein!!!!!!

Ich bin allein – ich bin immer allein

egal was…"

Ist es überhaupt denkbar, dass neues Material über Marilyn Monroe auftaucht? Ausgerechnet im Haus von Lee Strasberg, dem legendären Schauspiellehrer, in dessen Actor Studio in New York Marilyn Monroe Unterricht nahm, dass bei Strasberg, der ihr Mentor war und mit Frau Paula und den Kindern als Familienersatz diente, dass 30 Jahre nach seinem Tod Kisten mit privatesten Aufzeichnungen entdeckt werden? Hätte Strasberg die Papiere sichergestellt, um Monroe zu schützen, hätte er sie dann nicht vernichten müssen? Nun, seine Frau, die dritte, die Monroe gar nicht kannte, aber von ihm den Nachlass erbte, die kluge Anna, hat schon 1999 das hautfarbene Abendkleid, in dem Monroe das Happy Birthday Mr. President hauchte, bei Christie’s für Millionen Dollar versteigern lassen. Big Business, das Monroe-Business. Egal. Was entdeckt man in diesen Fundstücken?

Eine Frau am Rande des Abgrunds. Eine sich selbst infrage stellende, sich hassende, immer vergeblich Liebende. Eine, die sich um Perfektion bemüht. Die für eine Nation, die zum Puritanismus verdammt war, die Sexbombe gibt und dafür verachtet wird. Nichts davon ist neu, alles bekannt, vielfach bezeugt, genau wie die unstillbare Sehnsucht ihrer Fans nach diesem glitzernden Star-Körper, der weißpudrigen Haut, den butterweichen, milde nachgebenden Rundungen, schon immer, schrieb die Kulturhistorikerin Elisabeth Bronfen über die Diva, genießen wir in dem glamourösen Körper vorausschauend die schöne Leiche.