Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Der Herrgott hat es Herbst werden lassen. Vor elf Tagen habe ich einen kleinen Schmerz verspürt im hinteren Stirnlappen. Eigentlich war es gar kein richtiger Schmerz, mehr ein Kitzel. Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem Gefühl der Verlorenheit im ganzen Körper. Wenn ich mich zwickte, spürte ich nichts. Meine Nase war fest verkorkt wie eine Flasche hundertjähriger Champagner, erstaunlicherweise aber ronnen aus den innerlich verschwollenen Nasenlöchern zwei dünne Fäden einer hellen, schaumigen, ekligen Flüssigkeit, die an mit Eiter vermischten Kleister erinnerte. Ununterbrochen lief aus meiner Nase eklige Flüssigkeit heraus.

Ich hatte am Abend eine Lesung, an den folgenden Abenden weitere. Während der Lesungen hielt ich in meiner linken Hand ein Papiertaschentuch, mit dem ich von Zeit zu Zeit die Nase abtupfte, denn der Strom der Flüssigkeit riss nicht ab. Trotz meiner Vorsicht tropfte die Flüssigkeit auf die Buchseiten, auf den Tisch und wohl auch auf den Boden des reizenden Literaturcafés, in dem ich mich befand. Nachts im Hotel lief die Nase weiter. Als ich am Morgen erwachte, war das Kopfkissen durch und durch mit der ekligen Flüssigkeit getränkt, es war so schwer wie ein Mehlsack. Beim Frühstück lief die Flüssigkeit, sosehr ich auch aufpasste, aus der Nase in die Kaffeetasse, auf dem Kaffee bildeten sich schleimige, schillernde Inseln, und ich musste an die Ölkatastrophe vor Florida denken.

Nasenspray hilft wenig. Ich fühle mich matt, der Kopf brummt wie ein Rosinenbomber. Aber am schlimmsten von allem ist zweifellos die eklige Flüssigkeit. Ich habe das irritierende Gefühl, aus mir selber auszulaufen. Vom eifrigen Putzen und Betupfen ist die Nase geschwollen, sie hat nicht nur die Form, sondern auch die Konsistenz eines weichen, in Verwesung übergehenden Waldpilzes bekommen. Unter den Nasenlöchern breitet rohes Fleisch sich aus, auf dem Fliegen sitzen. Auf der Straße laufen Hunde hinter mir her und lecken schwanzwedelnd den Schleim auf, der von mir herabtropft. Wenn mir jemand begegnet, rufe ich, unterbrochen von bellendem Husten: "Schau, was aus mir geworden ist!" und schwenke in meinen Händen die beiden meterlangen, dünnen Fäden der ekligen Flüssigkeit, die ich mir von der Nase gewischt habe und die jetzt an meinen Fingern kleben, die Flüssigkeit glitzert in der Herbstsonne. Ich bin mir widerlich geworden, mein eigenes Spiegelbild verursacht mir Brechreiz. Der Arzt verordnete ein Antibiotikum, dies ist drei Tage her, seitdem riecht die Flüssigkeit nach Ammoniak und schillert grünlich, eine Verbesserung vermag ich das nicht zu nennen.

Interessanterweise ist mir, jetzt, nach elf Tagen, alles andere auf der Welt vollkommen gleichgültig geworden. Es ist mir egal, wer in Deutschland regiert, meinetwegen kann Lothar Matthäus ruhig Bundeskanzler werden. Mein ganzes Denken wird von der ekligen Flüssigkeit bestimmt, die pausenlos aus mir herausströmt, und wenn ich zum Islamismus, zum Kommunismus oder zum Feminismus übertreten müsste, damit es aufhört, dann würde ich es tun, ohne zu zögern. Essen, Trinken, Kolumnenschreiben, Sexualität, Fußball, die Integration von Migranten, all dies interessiert mich nicht mehr. Wie wenig der Mensch doch braucht. Eine offene Nase ist ihm im Grunde wichtiger als eine offene Gesellschaft.

Nun erfahre ich, dass in der kommenden Woche das Jubiläum des ZEITmagazins mit einem Jubiläumsheft gefeiert wird. Zum 40. Geburtstag wünsche ich dem ZEITmagazin vor allem Gesundheit.