Auf den zweiten Blick nimmt uns das Bild unwiderruflich gefangen. Man mag zunächst daran vorübergegangen sein, beim Streifzug durch das Westfälische Landesmuseum in Münster. Denn bei diesem auffallend steif komponierten Gruppenporträt aus dem mittleren 16. Jahrhundert treten uns Vater, Mutter und die zwei Töchter mit ihren ungerührten Mienen betont blasiert gegenüber. Schließlich ist man hier in Westfalen. Auf den zweiten, genaueren Blick jedoch beginnt man das Drama zu ahnen, von dem das Bild kündet, ohne es auch nur ansatzweise zu enthüllen. Ganz im Gegenteil scheint das Porträt ja nur entstanden zu sein, um das Unerhörte, das sich einmal ereignet hat, wieder aus der Welt zu schaffen. Hat es nicht überhaupt die Anmutung eines ausgetüftelten Alibis? Aber was soll hier vertuscht werden? Die Hinweistafel im Museum hat unsere Neugier nur geweckt, statt sie zu stillen. Hermann tom Ring, Familienbild des Grafen Johann II. von Rietberg, 1564. Mit diesem Werk des Münsteraner Bildnisvirtuosen sollte das Ansehen der Familie, so steht dort vage angedeutet, "nach den Verfehlungen" des Grafen wieder rehabilitiert und auf dem Heiratsmarkt für die beiden Töchter geworben werden.

Verfehlungen? Später finden wir heraus, dass der Graf als notorischer "Friedensbrecher" eingekerkert worden war. Seine blutigen Überfälle auf fremde Ländereien hatten den "tollen Johann" dorthin gebracht. Im Kerker ist er auch gestorben, zwei Jahre bevor ihn Hermann tom Ring für dieses Familienporträt noch einmal wiederauferstehen ließ, als feschen Stenz, mit Federhut und hirschledernen Handschuhen. Seine Frau dagegen trägt sonore Witwentracht zu einem strengen Gesichtsausdruck, der nichts anderes verrät als die Undurchdringlichkeit einer Herrscherin. Man kann dieses frappierende, ja geradezu abgründige Bild nicht mehr vergessen, wenn man es ausführlich betrachtet hat. Fraglos ein Meisterwerk.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Es ist genau jene Gelegenheit zum zweiten Blick, die den Besuch in der Dauerausstellung eines Museums so fruchtbar macht. Besonders scheint dies auf die Münsteraner Galerie zuzutreffen, die bedeutende Werke aus der westfälischen Malerei des Mittelalters und der Renaissance besitzt, aber auch Kapitales von den Niederländern des Goldenen Zeitalters, Glanzlichter der deutschen Impressionisten und Expressionisten und ebenso ein hochklassiges Spektrum der Abstraktion im 20. Jahrhundert. Viele Entdeckungen lassen sich hier machen, vorwiegend unter den alten Meistern, auch wenn die Galerie der Moderne seit den frühen 1950er Jahren mit viel Umsicht und Gespür aufgebaut wurde.

Der historische Bestand des Museums speist sich einerseits aus kleineren und größeren privaten Sammlungen der Region und andererseits aus dem, was von zwei lokalpatriotischen Vereinen seit dem frühen 19. Jahrhundert als heimisches Erbe zusammengetragen wurde. Ihre Schätze, bei Weitem nicht nur Gemälde, werden seit rund hundert Jahren in dem neugotischen, um einen spektakulären Lichthof arrangierten Museumsgebäude am Domplatz ausgestellt, das durch einen ambitionierten Anbau erweitert wird. Bis zu dessen Fertigstellung im Jahr 2013 sind die Meilensteine der Sammlung zwischen dem Soester Antependium aus dem späten 12. Jahrhundert – das weithin berühmt ist als erstes bekanntes Tafelbild nördlich der Alpen – und jener Halluzination einer Windmühle von Wols, die er wenige Tage vor seinem Tod als ein letztes Lebenszeichen malte, zu einem konzentrierten Parcours gebündelt.

Nicht nur auf den zweiten, sondern schon auf den ersten Blick wird man mühelos feststellen, dass zu den Höhepunkten der Sammlung vor allem die Porträts gehören. Etwa Jan Gossaerts keusch-kokette Madonna mit dem schräg gestellten Kopf oder Maarten van Heemskercks suggestives Bildnis der Anna van Schoonhoven aus dem 16. Jahrhundert. Beide Gemälde gehören zum Besten, was uns diese beiden großen Maler hinterlassen haben. Das Ehepaarbildnis des wenig bekannten deutschen Barockmalers Johann Heinrich Roos von 1668, mit der ganz erstaunlichen Löwenmähne des nicht mehr jungen Gemahls und seinem überaus zärtlichen Blick, oder auch das Rollenporträt eines melancholischen Freifräuleins von Fürstenberg, die sich 1676 als Muse des Tanzes darstellen ließ, mögen zwar nicht unbedingt Meilensteine der Kunstgeschichte sein. Doch sind es faszinierende Bildnisse, die uns ansprechen, uns nachgehen, uns nicht mehr loslassen, wenn wir ihnen begegnet sind. Man ist hier offensichtlich, in dieser bürgerlichen Gegend, seit je am Bild des Menschen besonders interessiert gewesen, nicht nur auf den ersten, sondern auch auf einen sehr eindringlichen zweiten Blick.