Als im April 1997 das Foto eines in der Luft schwebenden Froschs (siehe Video unten) in der Zeitschrift Physics World erschien, lachten viele Physiker über den scheinbaren Aprilscherz. Das Lachen blieb ihnen im Halse stecken, als sie erfuhren, dass Andre Geim den Frosch tatsächlich zum Fliegen gebracht hatte. Mithilfe eines starken Magneten war es ihm gelungen, die Wassermoleküle im Körper der Amphibie so auszurichten, dass diese – wie ein Astronaut in der Schwerelosigkeit – durch die Luft trudelte.

"Wenn man keinen Sinn für Humor hat, ist man in der Regel auch kein guter Wissenschaftler", kommentierte Geim. "Die Leute verstehen nicht, dass gute Wissenschaft nicht unbedingt langweilig sein muss." Die rechte Anerkennung blieb ihm allerdings versagt. Der heitere Physiker bekam für sein Froschexperiment nur den satirischen Ig-Nobelpreis (von engl. ignoble : unwürdig, schmachvoll) verliehen.

Seit Dienstag dieser Woche lästert niemand mehr über Geim: Nach dem Ig-Nobel wurde ihm n un auch der echte Nobelpreis zugesprochen . Damit ist er der erste Mensch überhaupt, dem beide Ehrungen zuteilwurden. Ausgezeichnet wird er zusammen mit Konstantin Novoselov, der wie Geim in Russland geboren ist und heute mit ihm in Großbritannien an der Universität Manchester arbeitet .

Der fliegende Frosch: Hierfür erhielt Andre Geim noch den Satirepreis Ig-Nobel

Die beiden erhalten den mit rund einer Million Euro dotierten Physiknobelpreis allerdings nicht für ihren Froschversuch; auch nicht für das "Gecko-Klebeband", das sie 2003 erfanden: Es ist mit winzigen Kunststoffhärchen besetzt und haftet nach dem Prinzip der Geckofüße so fest, dass ein Mensch damit an Decken und Wänden laufen könnte. Nein, ausgezeichnet werden Geim und Novoselov für eine weitere ihrer erstaunlichen Entdeckungen: die des "Wundermaterials" Graphen (betont wird das e).

Alle Hintergründe zu den diesjährig Geehrten auf ZEIT ONLINE (bitte klicken Sie auf das Bild) © Chris Jackson/Getty Images

Es ist das dünnste Material, das es nach heutigem Kenntnisstand im Universum gibt. Es ist biegsam wie eine dünne Plastikfolie und so hart wie Diamant. Zugleich leitet es elektrischen Strom rund hundertmal so gut wie herkömmliche Kupferkabel. Dank dieser einzigartigen Eigenschaften könnte Graphen künftig das Silizium in Computerchips ersetzen, als Basis für effektivere Solarzellen dienen, in ultraharten Werkstoffen stecken oder superdünne, lichtempfindliche Beschichtungen für berührungsempfindliche Bildschirme ermöglichen.

Und das Verblüffendste daran: Graphen ist eigentlich ein Allerweltsstoff. Tatsächlich hat jeder, der mit einem Bleistift schreibt, das nobelpreiswürdige Material schon mal auf Papier gebracht. Es entsteht aus nichts anderem als Grafit, aus dem altbekannten Kohlenstoff also. Die dreidimensionale Struktur des Grafits ist wie eine Art Blätterteig aus zahllosen Graphenplättchen geschichtet. Graphen selbst ist zweidimensional, nur eine Atomlage dick und besitzt eine maschendrahtähnliche Struktur.

"Kohlenstoff, die Basis allen Lebens auf der Erde, hat uns wieder einmal überrascht", schreibt das Nobelpreiskomitee dazu. Denn Graphen hätte es eigentlich nie geben dürfen, das jedenfalls glaubte die Fachwelt lange Zeit. Alle Versuche, es herzustellen, waren gescheitert. Geim und Novoselov versuchten es trotzdem. "Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen", erinnerte sich Geim später, "nur dass wir nicht wussten, ob die Nadel überhaupt existiert."

Zuvor hatten Chemiker zum Beispiel versucht, Grafitschichten aufzuspalten, indem sie einzelne Moleküle wie Keile hineintrieben – vergeblich. Das Ergebnis sah aus wie feuchter Ruß. Andre Geim wollte zunächst Grafitkristalle immer weiter polieren, bis nur noch wenige Atomlagen übrig bleiben sollten. Ein eigens eingestellter chinesischer Wissenschaftler feilte mit unendlicher Geduld vor sich hin. Doch alle Versuche schlugen fehl, und der Verbrauch der teuren Kristalle ging ins Geld.