Da kann man noch so suchen, forschen, scannen – oberflächlich verweist nichts an diesem Mann auf das, was er ist, worauf ihn die Gesellschaft reduziert. Keine Andeutungen, nirgends der kleinste Hinweis.

"Wer mich hier bloß so sitzen sieht", bekennt er am Ende einer langen Nacht an Wiesbadens Theken, "würde mich nie als das identifizieren, was ich bin." Dann aber geschieht es doch. "Hab ich’s getan?", fragt Bernd Schachtsiek entgeistert: "Dekolleté-Griff?" Der Unternehmer lacht laut. Und wiederholt die weiblich wirkende Geste wie zur Selbstvergewisserung, dass sie ihm fremd ist. "Passiert halt", sagt er und leert das letzte Bier. "Man kriegt sie nie ganz aus sich raus."

Die Codes der sexuellen Orientierung nämlich. Schachtsiek spricht lieber von Identität. Dass man bei jemandem wie ihm überhaupt Sexualität, Liebe, das Intimste thematisiert – das bildet die Arbeitsgrundlage seines Wirkens als Vorsitzender einer Institution, die überflüssig zu machen seine Mission ist: Der Unternehmensberater führt den Bundesverband schwuler Führungskräfte.

Bund, schwul, Führung, Kraft – das sind starke Begriffe. Sie passen zu Bernd Schachtsiek. Begriffe voller Beharrlichkeit, die wichtig sind, auch wenn sich die Gesellschaft ihrer Homophobie zusehends entledigt. Wenn er die Geschichte eines Vorstandsmitglieds in Frankfurt erzählt, dem wegen seines Profils auf der Online-Kontaktbörse GayRomeo die Entlassung drohte, dann zeigt sich: Es gibt noch viel zu tun.

"Wir sehen uns nicht als Klagezirkel der Unterdrückten"

"Wir müssen sichtbar sein", findet Schachtsiek. Mit schwuler Attitüde und schwulem Understatement, mit schwulem Rückgrat und vielleicht auch mit schwulen Dekolleté-Griffen und dem Stolz, das schwul davor laut auszusprechen.

"Wir sehen uns nicht als Klagezirkel der Unterdrückten", sagt der 60-jährige Verbandschef im dunkel getäfelten Büro einer Wiesbadener Gründerzeitvilla, "aber auch nicht als Kampfverband." Schließlich wisse man als gut bezahltes Leitpersonal um seine Privilegien; nach oben mobbt es sich bekanntlich schwerer. "Wir wollen nicht bevorzugt behandelt werden", fügt er hinzu, als eine Sekretärin französisches Wasser und asiatischen Tee serviert, "sondern gleich."

Sicher, es gehe dem Völklinger Kreis, wie der Verband auch heißt, bei aller ökonomischen Ausrichtung auch ums große Ganze: dass Schwule und Päderasten nicht in einen Topf geworfen würden, dass sich der Katholizismus modernisiere und die CDU, dass es mehr gebe als die Tucken in Bully Herbigs Filmen und die Partyfraktion beim Christopher Street Day. Vor allem wolle man aber vereinzelt arbeitende Führungskräfte miteinander verbinden. Das Ziel lautet, echte Vielfalt im Management zu schaffen. Auf allen Ebenen, auch den höchsten. Gerade dort.

In den Topsphären der Wirtschaft hinke die Emanzipation hinterher, sagt Schachtsiek. Showgrößen, Volksmusiker und Popstars, Bürgermeister, selbst Außenminister können heute recht barrierefrei zu sich und ihren gleichgeschlechtlichen Partnern stehen. In Männerbünden vom Handwerk über die Armee, vom DFB über die Polizei bis in die Konzernzentralen hinein lebten dagegen die alten Vorbehalte fort – und hielten so das Versteckspiel am Laufen. Bei Banken und Versicherungen suche man vergebens nach bekennenden Schwulen an der Spitze, ganz zu schweigen von deren weiblichen Pendants. "Lesben werden bis in die Chefetagen hinein doppelt diskriminiert", meint Schachtsiek, "wir Männer nur als Homosexuelle."

Während dies in den Werkhallen und Großraumbüros oft offen geschieht, drohen Schachtsieks Klientel subtile Formen der Benachteiligung. Willkürliche Beförderungsstopps, verschlossene Türen wichtiger Industrieklubs, Karrierehemmnisse, besonders ganz oben, in den Dax-Vorständen etwa. All dies verleidet selbst Verbandsmitgliedern das Outing. "Ab einer bestimmten Höhe wird die Luft für uns dünn", sagt Schachtsiek. Dazu die kleinen Abfälligkeiten, ein blöder Scherz hier, ein schiefer Blick da.

Die Restbestände der Homophobie rechtfertigen allemal einen Verband mit fünfköpfigem Vorstand, Zentrale am Berliner Kaiserdamm und 20 rührigen Regionalverbänden. Wenngleich sich sein Vorsitzender an die bisher letzte selbst erfahrene Diskriminierung nicht erinnern kann. Sein Auftreten, glaubt der kraftstrotzende Charismatiker mit dem Siegerlächeln überm Dreitagebart, "lädt dazu offenbar nicht ein".

Sein persönlicher Erfolg machte ihn resistent gegen Ungleichbehandlung. Schachtsiek bekam ihn teilweise in die Wiege gelegt und hat sich noch mehr erarbeitet. Als der Jurist nach dem Zweiten Staatsexamen auf Drängen des Vaters in den Bielefelder Familienbetrieb einstieg, war Opas kleine Maschinenbaufabrik dank lukrativer Erfindungen von der Schokoladenpapierprägung über Perforationstechniken bis hin zum bahnbrechenden Rubbellos zur ORO Druck gewachsen. Weil dann aber ein Großkunde nicht zahlen konnte, verzichtete Sohn Bernd 1977 auf Promotion und BWL-Diplom, kaufte sich mit dem Bausparvertrag in die Firma ein und lieh sich 100.000 Mark von der Mutter, um damit 50 Prozent des säumigen Schuldners, der Studiengemeinschaft Darmstadt, zu erwerben.