Krause? Karl Christian Friedrich Krause? Selbst mancher deutsche Philosophieprofessor (C4) dürfte da in Verlegenheit kommen. Es sei ihm nachgesehen. Denn K. C. F. Krause und sein Werk sind tatsächlich völlig vergessen, eine Fußnote in den einschlägigen Kompendien der Philosophiegeschichte, und sie hatten auch nie Bedeutung – in Deutschland. Ganz anders jedoch in Spanien, wo die meisten gebildeten Menschen den Namen wohl schon einmal gehört haben.

Es ist eines der verrücktesten, unglaublichsten Kapitel der europäischen Kulturgeschichte: Ein in seinem Heimatland unbekannt gebliebener Philosoph wird Jahre nach seinem Tod in einem anderen Land mit einer anderen Sprache und Kultur zu einer Leitfigur, zu einer Art geistigem Übervater, der einer ganzen Bewegung seinen Namen gibt – dem Krausismo.

Genau 150 Jahre ist es nun her, dass diese phänomenale Karriere begann. Karl Christian Friedrich Krause war bald drei Jahrzehnte tot, als der Madrider Jurist Julián Sanz del Río 1860 sein Buch Das Urbild der Menschheit, 1811 erstmals erschienen, unter dem Titel Ideal de la Humanidad para la Vida veröffentlichte. Von nun an sollte alles anders werden im katholischen, von der Aufklärung kaum berührten Spanien. Krause wurde zum Paten der spanischen Moderne.

Dabei hatte nichts, aber auch gar nichts in seinem Leben auf das Land im Süden verwiesen. Krause konnte kein Spanisch und hat niemals spanischen Boden betreten. Geboren wird er am 6. Mai 1781 im thüringischen Eisenberg, der Vater ist Pfarrer.

Früh beschäftigt sich das Kind mit der Philosophie, mit Platon und Cicero, Spinoza und Leibniz. Weimar ist nah, und der Heranwachsende tritt in Verbindung zu Goethe und Schiller, liest Kant und Jean Paul. In dieser Atmosphäre entwickelt er seinen Jugendtraum von der "Harmonisierung der Menschheit", von einer idealistischen Ordnung, in der Wahrheit, Gott, Schönheit und Frieden herrschen sollen.

Zum Studium geht er nach Jena, ins Zentrum der frühen Romantik, belegt Theologie, Mathematik und Philosophie bei Johann Gottlieb Fichte, August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schelling. 1801 wird er über den Philosophischen Beweis, daß die Sittenlehre keine Notlüge zuläßt, promoviert. Er hält Vorlesungen als Privatdozent, arbeitet an einem Entwurf des Systems der Philosophie und der Grundlage des Naturrechts und habilitiert sich; ein Lehrstuhl jedoch bleibt unerreichbar. 1802 heiratet Krause Amalia Concordia Fuchs, mit der er zwölf Kinder haben wird. 1804 geht die junge Familie nach Dresden. Geldsorgen quälen Krause, immer wieder muss sein Vater aushelfen.

Krauses Philosophie wird zum Leitbild für Spaniens Liberale