Wer das Bundestagsbüro von Michael Fuchs betritt, der wird mit einem rebsüßen Lächeln begrüßt. Gleich hinter der Eingangstür, in einem schwarzen Einbauregal, stehen silbergerahmte Fotos der Weinköniginnen aus Fuchs’ rheinland-pfälzischer Heimat, in Abendkleid und mit Krönchen heißen sie den Besucher willkommen. Wirtschaftspolitiker aus Rheinland-Pfalz haben offenbar ein Faible für Wein und für die Monarchie. Über Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle wird erzählt, es gebe keine Weinkönigin, die er nicht geküsst habe. Fragt man Fuchs, ob auch er ein Weinköniginnenküsser sei, dann lacht er, schüttelt den Kopf und zeigt auf die blonde junge Frau in seinem Vorzimmer: "Darf ich vorstellen, das ist die bis vor Kurzem amtierende Weinkönigin aus Willingen, sie macht jetzt ein Praktikum bei uns." Bevor Fuchs in die Politik ging, war er Unternehmer. Und an den Weinköniginnen zeigt sich, was einen reinen Berufspolitiker wie Brüderle und einen Mann aus der Wirtschaft wie Fuchs unterscheidet: Der eine küsst, der andere lässt arbeiten.

Rainer Brüderle und Michael Fuchs kennen sich noch aus ihrem alten Leben in Rheinland-Pfalz: Damals war Brüderle Landeswirtschaftsminister, Fuchs Chef eines mittelständischen Unternehmens. In ihrem Berliner Leben treffen sich die beiden nun regelmäßig um Viertel nach sieben im Wirtschaftsministerium, zum Frühstück und Gedankenaustausch. Und während die schwarz-gelbe Regierung monatelang nach einem gemeinsamen Projekt suchte, hatten CDU-Mann Fuchs und FDP-Minister Brüderle ihres längst gefunden: sich als ordnungspolitisches Gewissen der Koalition zu inszenieren. Mit Erfolg.

Dass zwei Herren über 60 – der eine bis vor Kurzem als Dampfplauderer belächelt, der andere kaum wahrgenommen – nun die Durchstarter der Regierungskoalition sind, hat allerdings weniger mit ihrer Stärke als mit der Schwäche der anderen zu tun. Brüderles liberale Kabinettskollegen treten thematisch erst gar nicht in Erscheinung oder sind mit unpopulären Reformen beschäftigt. Und in der Union liegt seit Karl-Theodor zu Guttenbergs Wechsel ins Verteidigungsministerium und Roland Kochs Abgang das wirtschaftspolitische Feld brach. Ob Opel-Bürgschaft, AKW-Laufzeitverlängerung oder Rentengarantie: Zuletzt war es Michael Fuchs, der der Wirtschaftspolitik der CDU ein Gesicht und eine Stimme gab.

Es gibt zwei Arten, die Geschichte des Unternehmers Michael Fuchs zu erzählen. Die erste geht so: Mit 30 Jahren gründete er Impex Electronic, eine Firma, die Werbeprodukte vertreibt, brachte zwei elektronische Produkte auf den Markt, die sich bestens verkauften, fusionierte mit einem niederländischen Wettbewerber, stieg 2002 aus und verkaufte später seine Firmenanteile. Die zweite Variante ist die, die Michael Fuchs erzählt. Darin ist er der Mann, der den elektronischen Schlüsselfinder nach Deutschland brachte. Einen Anhänger, der auf Pfeifgeräusche mit einem Piepsen antwortet. "Das Ding ging ab wie eine Rakete", sagt Fuchs. Und er ist auch der Mann, der die wahren Gewinnchancen der Euro-Einführung erkannte und den Euro-Umrechner auf den Markt warf. Einen Taschenrechner, der sich laut Fuchs 20 Millionen Mal verkauft habe. Doch dann gab es Differenzen in der Firmenspitze, Fuchs konnte sich nicht durchsetzen und schmiss hin. Weil er es nicht gewohnt gewesen sei, überstimmt zu werden.

Fuchs beschloss, es mit der Politik zu versuchen, kandidierte 2002 für den Bundestag. Ausgerechnet einer, der es nicht ertrug, überstimmt zu werden, suchte nun seine Erfüllung in der Politik.