ZEITmagazin: Frau Süssmuth, was hat Sie geprägt?

Rita Süssmuth: Der Krieg und die Nachkriegszeit. Ich hatte ständig Angst. Jahrzehntelang habe ich die Bombennächte nachgeträumt, die wir im Keller verbracht hatten. Am schlimmsten war die Erinnerung an den Phosphorbrand in Wuppertal, da war ich sechs: Über Jahre habe ich meine Patentante als verkohlte Puppe im Treppenhaus gesehen und die brennenden Menschen, die in die Wupper sprangen, obwohl mir davon nur erzählt worden war.

ZEITmagazin: Wie haben diese Erlebnisse Sie verändert?

Süssmuth: Für mich hat sich daraus ergeben, nicht viel auf Äußerlichkeiten zu achten, weil solche Extremsituationen das Innerste eines Menschen hervorbringen. Und ich habe gelernt, belastbar zu sein. Meine Mutter war nach dem Krieg ständig krank, sodass ich mit meinem Vater für vier Geschwister und die Mutter zu sorgen hatte. Als ich älter wurde, erfuhr ich immer mehr über die Nazi-Verbrechen. Das hat mich geprägt, ebenso wie die katholische Soziallehre. Der rote Faden in meinem Leben ist die Frage nach Zugehörigkeit und Ausgrenzung.

ZEITmagazin: Kennen Sie selbst das Thema Ausgrenzung?

Süssmuth: In meiner Jugend habe ich es kaum gekannt. Erst im Beruf wurde mir plötzlich deutlich: Für eine Frau gelten andere Spielregeln. Aber das Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht war Aids. Da gab es anfangs natürlich enorm viel Ausgrenzung. Jetzt, wenn ich davon spreche, fällt mir ein, dass ich in diesem Zusammenhang eine rettende Erfahrung gemacht habe.

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ZEITmagazin: Was war das für eine Erfahrung?

Süssmuth: Ich war zwei Wochen im Amt als Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, da meldete sich bei mir ein junger Mann, der bislang an wichtiger Stelle als Redenschreiber angestellt war. Aufgrund seiner Homosexualität habe man ihm geraten, woanders tätig zu werden. Ich habe ihn genommen ein Glücksfall. Er hatte einen exzellenten Charakter und war meine wichtigste Stütze im Haus, als ich mit der Aufgabe Aids konfrontiert wurde. Der dann wichtigste Schritt war, den Bundeskanzler Helmut Kohl für das Problem Aids und den Präventionsansatz zu gewinnen. Wir standen damals mit dem Rücken zur Wand.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Süssmuth: Es gab ja viele, die einen ganz harten Ausgrenzungskurs, das Seuchengesetz, anwenden wollten. Ich werde nie die Koalitionsverhandlungen vergessen, bei denen Gauweiler sprach, der Vertreter der ganz harten Testmethode. Ich habe ihn dann gefragt: »Wie oft wollen Sie denn die Menschen testen? Jede Woche? Das können Sie doch gar nicht beibehalten.«