Es verläuft eine Mauer zwischen Martin Dulig und seiner Partei. Die Rente mit 67, die jüngsten Umfragen – all das bleibt auf der anderen Seite, wo seine Parteifreunde auf Bierbänken sitzen und Stammtischwitze über die schwarz-gelbe Regierung reißen. Derweil schlendert Martin Dulig durch den Kräutergarten eines alten Klosters und überlegt laut, warum sich die Partei mehr an der Bergpredigt orientieren sollte. Der Lärm einer Band auf der Bühne dringt nicht bis hierher ans Ufer der Mulde; Minze und Gartenkräuter wuchern über die verwinkelten Schotterwege. Seine beiden Jüngsten flitzen vorneweg, Martin Dulig und seine Frau Susann trotten hinterher. Sonntagsspaziergangs-Idylle. "Ich glaube, in der Bibel steht ein Auftrag", sagt Dulig, und es wird klar, dass dieser Tag seine Idee war, die er mitten in die Provinz pflanzte: der erste "Tag des Ortsvereins" der sächsischen SPD im Kloster Buch nahe Leisnig. Dulig will die Partei wieder dahin bringen, wo er ihre Tradition sieht. Er steht jetzt ganz allein zwischen den Sträuchern und sagt: "Ein guter Christ ist ja eigentlich in der SPD."

Martin Dulig ist in der SPD. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er ihr Parteivorsitzender in Sachsen. Einer wie er könnte genauso gut Mitglied der CDU sein. Mit dem christlichen Elternhaus und einem Diakon als Vater. Mit seiner Bibelfestigkeit. Den sechs Kindern. Martin Dulig ist 36 Jahre alt, er war mit 33 der jüngste Fraktionsvorsitzende auf Landesebene. "Viele stolpern über meine Jugendlichkeit", sagt Dulig. Er weiß, dass der Annäherungsprozess zwischen ihm und der Partei noch nicht abgeschlossen ist.

Er hätte gern noch ein paar Jahre gewartet, auch seine Frau war nicht begeistert, als beide nach dem erneut schlechten Wahlergebnis von 10,4 Prozent bei der Landtagswahl 2009 abends zusammensaßen und die Nachricht kam, dass Thomas Jurk als Parteichef zurücktreten würde. Aber als die Ränkespiele um den vakanten Posten losgingen, sah er die Chance zum Neubeginn der Partei. Einem vorsichtig formulierten Neubeginn. Nach seiner Wahl sagte er deshalb, dass die Erneuerung der SPD etwa 10 Jahre dauern werde. Es ist eine Mischung aus Realismus und Absicherung vor möglichen Misserfolgen. Seit Jahren dümpelt die SPD um die 10-Prozent-Marke; und das im Stammland der Sozialdemokratie, in dem Ferdinand Lassalle 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete.

Dulig brach alte Strukturen auf, er holte sich einen neuen Büroleiter aus Berlin und brachte alte Weggefährten aus Juso-Zeiten in den Parteivorstand. "Wir sind die erste SPD-Generation in Sachsen, die Politik von der Pike auf gelernt hat", sagt Arne Grimm, Sprecher der Landtagsfraktion. Der 40-Jährige, der schon mehrere Präsidenten in Osteuropa politisch beriet, hat mit Dulig seit 1990 die Jusos im Freistaat mit aufgebaut. "Martin ist ein Menschenfänger", sagt er.

Am Einheitstag machte die SPD Opposition – mit Bierdeckeln

Dabei baut Dulig nicht auf Symbolpolitik, sondern knüpft vor allem seine Netzwerke im Hintergrund. Bei einem Bier am Abend, in kleinen Runden, organisiert er die Politik. Er bringe die Leute dann dazu, dass sie seine Gedanken haben, heißt es über Dulig. Auf seinem Schreibtisch im Landtag steht neben dem Foto seiner Familie eines von einem gelben Sonnenschirm, auf dem nur ein einziges Wort steht: împreuna, "zusammenführen". Doch er muss auch Opposition machen. Vorigen Sonntag beim Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit verteilte seine Fraktion im Landtag rote Fassbrause – und Bierdeckel mit einer Aufschrift, die in breitem Sächsisch für die Sozialdemokraten warb: "Rot süß leggor – Schwarz-Gelb geht goar ni". In einer Ecke lag zerschlagenes Geschirr auf einem Tisch, und darüber stand: "Kaputtmacher Schwarz-Gelb". In Zeiten, da in Sachsen über den Haushalt gestritten wird, herrscht für einen Oppositionspolitiker offensichtlich auch am Tag der Deutschen Einheit Wahlkampfpflicht.

In der CDU geben einige Martin Dulig und dessen Politikstil die Schuld daran, dass am Ende der letzten Koalition "die Vertrauensbasis nicht mehr da war" und die SPD eigentlich schon vor Ablauf der Regierungszeit wieder in die Opposition gegangen sei. "Er hat sich nie ganz daran gewöhnt, Verantwortung in der Regierung zu übernehmen", sagt im Rückblick der damalige CDU-Fraktionschef Fritz Hähle. "Er ist nun mal ein Oppositionspolitiker mit hohem Sendungsbewusstsein, insofern war es ein ehrlicher Umgang mit ihm."

In seiner eigenen Partei wiederum bemängeln sie, dass Dulig selbst keine Themen besetze. "Mein Thema ist Sachsen", sagt Dulig dann. Seine Bekanntheit liegt im Freistaat gerade mal bei 24 Prozent. Im Vordergrund stehen oft andere. "Ich wäre doch bescheuert, wenn ich nicht auf die Kompetenzen der ehemaligen Minister Thomas Jurk und Eva-Maria Stange bauen würde", sagt Dulig. Er soll mit erwachseneren Themen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, soll weg vom Image des ewig aktionistischen Juso, der sich gegen Rechtsextreme engagiert. Für dieses Thema sind andere da. Henning Homann zum Beispiel, auch ein alter Juso-Genosse, mit dem Dulig das Netzwerk für Demokratie und Courage aufbaute, ein Bündnis gegen Rechtsaußen.