Nun werden die alten Seekarten aus den Schubladen gezogen. In Tokyo wie in Peking suchen Diplomaten und Militärs unter dem Staub der Geschichte nach Beweisen, dass sie das Recht auf ihrer Seite haben im Streit um eine Handvoll unbewohnter Inseln im Ostchinesischen Meer. (Um die Karte zu vergrößern, klicken Sie hier)

Senkaku-Inseln nennen die Japaner sie, 1895 haben sie von ihnen Besitz ergriffen. Terra nullius, Niemandsland, seien die Inseln gewesen, argumentieren die Beamten des Außenministeriums in Tokyo. Da die verlassenen Erdflecken niemandem gehört hätten, habe das japanische Kaiserreich sie sich rechtmäßig angeeignet. »Von daher existiert kein Territorialproblem bezüglich der Senkaku-Inseln, das gelöst werden müsste.«

Für die Chinesen ist das Imperialistenlogik, schon den japanischen Namen empfinden sie als Provokation. Sie nennen sie Diaoyu-Inseln. Die seien »seit alters ein untrennbarer Bestandteil des chinesischen Territoriums«, argumentiert Pekings Diplomatie. »China wird nie nachgeben (...), wenn es um die Souveränität, Einheit und territoriale Integrität des Landes geht.«

Senkaku-Inseln, Diaoyu-Inseln – was geht uns das alles an, mögen sich Europäer oder Amerikaner bisher gefragt haben. Ihnen war der Territorialstreit im Ostchinesischen Meer herzlich gleichgültig – sofern sie denn überhaupt davon Notiz genommen hatten. Dieses Desinteresse, weiß man jetzt, könnte ein Fehler gewesen sein.

Schon im März dieses Jahres erklärten chinesische Beamte einer Delegation des Weißen Hauses, das Ostchinesische wie das Südchinesische Meer mitsamt den darin verstreuten Inselchen zählten zu den »Kerninteressen« chinesischer Souveränität. »Kerninteresse«, das ist ein Begriff, der sonst nur im Zusammenhang mit Tibet oder Taiwan auftaucht. Zumindest die Amerikaner dürften deshalb nicht überrascht gewesen sein, welch aggressiven Ton die Regierung in Peking anschlug, als im September die japanische Küstenwache in den Gewässern der Senkaku-Inseln einen chinesischen Fischkutter aufbrachte und den Kapitän in Gewahrsam nahm.

Peking sagte alle offiziellen Treffen ab und behinderte nach Kräften den bilateralen Handel. Ministerpräsident Wen Jiabao weigerte sich, am Rande der UN-Vollversammlung mit seinem japanischen Amtskollegen Naoto Kan zusammenzutreffen. Im Internet kochte die Volksseele. Der sonst so besonnene Premier Wen fachte die Flammen weiter an: Die Diaoyu-Inseln seien »heiliges Territorium«.

China lässt die Muskeln spielen, selbst nachdem die Japaner die Mannschaft des Fischkutters und zwei Wochen später den Kapitän wieder nach China zurückgeschickt haben. Es fordert eine Entschuldigung und eine Entschädigung.

Warum diese Kraftmeierei? Sind interne Machtkämpfe vor dem nächsten Parteitag der Grund? Muss, wer 2012 in die Führung der KP gewählt werden will, heute Härte demonstrieren? Besonders, wenn es um den Erzfeind Japan geht? Oder zeigt sich in der Eskalation aus lächerlichem Anlass die neue Unduldsamkeit der aufsteigenden Weltmacht, die es nicht hinnimmt, wenn ein Nachbarland ihr die Stirn bietet?