Man muss sich in diesen Tagen nur an die Fersen des Theaterregisseurs Volker Lösch heften und gerät unweigerlich in den Mittelpunkt bedeutender Konflikte. Am vorvergangenen Samstag etwa stand Lösch vor Hunderten Zuschauern auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses und protestierte gegen die Kürzungen, die der Hamburger Kultursenator Stuth diesem Haus, dem größten deutschen Sprechtheater, jäh und unerklärt verordnet: 1,2 Millionen Euro, die Hälfte des künstlerischen Etats.

Eine solche Kürzung bedroht zwei Spielstätten und die künstlerische Potenz des ganzen Hauses. Er könne sich an keine Zeit erinnern, sagte Lösch, in der ein Sparbeschluss jemals so radikal durchgezogen worden sei. Er sei Oberspielleiter am Schauspielhaus Stuttgart, sagte er den Hamburger Zuschauern, und einen solchen Umgang mit Kultur sei man in Baden-Württemberg nicht gewohnt.

Sechs Tage später und 600 Kilometer südlich von Hamburg stand Volker Lösch dann wieder vor einer Menschenmenge und hielt eine Rede. Allerdings war diese Menge viel größer, 50.000 Menschen seien es gewesen, sagte die Polizei, von 100.000 Menschen sprachen die Veranstalter der Kundgebung. Lösch befand sich im Herzen Baden-Württembergs, im Stuttgarter Schlossgarten, es war der Tag nach dem rabiaten Polizeieinsatz und der Baumabholzung im Park, und Lösch protestierte wieder, auf einer der größten Kundgebungen, die Stuttgart je erlebt hat – nun gegen die Regierungspolitik und gegen die staatliche Brutalität, mit der Gegner des Großprojektes Stuttgart 21 aus dem Weg gespült worden waren unter Einsatz von Wasserwerfern und Reizgas.

In Hamburg hatten am Schluss der Vorstellung Dutzende von Schauspielern die Bühne besetzt und gerufen: "Wir sind das Schauspielhaus – Sie auch!", und sie hatten ins Publikum gedeutet. In Stuttgart nun, sechs Tage später, riefen Zehntausende Menschen im Chor: "Wir sind Stuttgart!"

Dass Volker Lösch bei beiden Zorneskundgebungen dabei war, ist wohl ein Indiz für etwas, das die Soziologen schon länger beobachten: die Theatralisierung politischer Vorgänge. Dafür spricht auch die Popularität des Schauspielers Walter Sittler, der zum Sprecher, zum Gesicht der Anti-Stuttgart-21-Bewegung geworden ist: Würdevoll und doch jovial geht er durch die protestierende Menge, hochaufgerichtet wie Henry Fonda als Young Mister Lincoln, ein Mann, der, wie es in Stuttgart heißt, sofort Bürgermeister werden würde, wenn er sich nur, etwa als Kandidat der Grünen, zur Wahl stellte.

Doch noch einmal zurück zu Volker Lösch: Diesem Regisseur ist Theater ein Mittel zum Zweck, und der oberste Zweck ist: Erzeugung von Rage über "die Verhältnisse". Er holt Laien aus sogenannten städtischen Problemgebieten auf die Bühne, stellt sie ins Licht und stellt sie aus und lässt sie in Sprechchören aus ihrem Alltag berichten. So tat er es nun am Hamburger Schauspielhaus in seinem jüngsten Stück Hänsel und Gretel gehen Mümmelmannsberg. Es geht um die "Schere" zwischen Armut und Reichtum in Hamburg, und der Regisseur Volker Lösch hat Schulkinder, darunter viele Migrantenkinder, mit professionellen Schauspielern zusammengebracht, die alle zusammen das Märchen von den Kindern spielen, die von den Eltern (der "Gesellschaft") im Wald ausgesetzt werden. Die reiche Mitte der Stadt begegnet ihrer Peripherie – das ist ein Effekt, wie ihn im Theater derzeit so nur Lösch setzen kann.

Lösch kann mit dem rätselhaften Einzelmenschen nichts anfangen, wohl aber mit dem Menschen als klarem Fall, dem Menschen im Plural – in der Konfrontation von Tätern und Opfern (oder: von Menschen auf gegenüberliegenden Schneiden der großen Schere). Jeder Einzelne gerät ihm auf der Bühne zum Teil einer prekären Masse und zum Indiz für die Skandale, die sein Theater in den Blick nimmt: den wachsenden Reichtum weniger und die zunehmende Verarmung von vielen, die Gleichgültigkeit der Mittelschicht, die Chancenlosigkeit der Immigrantenkinder, die Korruptheit der Politik, die Festungsideologie der Asylpolitik und die Abgründe des Strafvollzugs.

Lösch hat für Stuttgart den Schwabenstreich erfunden, eine Aktion, die darauf beruht, dass jeden Abend Punkt 19 Uhr die Stuttgarter ihre Fenster öffnen sollen und mit Lärm gegen die S-21-Politik demonstrieren.