Seit ein paar Monaten plagen mich Albträume, manchmal vier, fünf Mal die Woche. Das hat mit dem Tod meines Bruders zu tun: Sebastian ist vor fünf Monaten an einem Herzödem gestorben, mit 34. Und es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einem Verlust in der Familie konfrontiert bin: Mein Vater erkrankte an Krebs und verlor den Kampf dagegen, als ich 21 war.

Im Schlaf sehe ich häufig Menschen aus meinem Umkreis sterben, und das Schlimmste in diesen Träumen ist, dass ich nichts dagegen tun kann.

Oft träume ich, dass es meine kleine Tochter Yoko trifft, sie ist jetzt sechs Monate alt. Das sind dann sehr abstrakte Bilder. Yoko befindet sich zum Beispiel in einer Flasche, die mir aus den Händen fällt. Auf dem Boden liegen Scherben, es läuft eine weiße Flüssigkeit aus. Ich versuche, die Flüssigkeit wieder einzufangen, getrieben von der Vorstellung, mein Kind retten zu müssen. Um mich herum stehen Menschen und reden auf mich ein: Es sei nichts mehr zu machen, das Baby sei tot. Aber ich will das nicht wahrhaben.

Mir scheint, dass die Menschen um mich die Angst vor dem Tod als irrational abtun, vielleicht weil sie in unserem Alter wenig mit dem Thema konfrontiert werden. Für mich ist er immer gegenwärtig und etwas, mit dem man stündlich rechnen muss.

Zu meinem Bruder hatte ich ein enges Verhältnis. Es schmerzt mich, dass er meine Tochter nicht mehr kennenlernen konnte. Unmittelbar nach der Geburt habe ich ihm noch ein Foto von Yoko geschickt, aber bevor wir uns treffen konnten, ist er gestorben. Er hatte selbst zwei Kinder, das jüngere ist nur ein halbes Jahr älter als meine Tochter. Zu wissen, dass sie ohne ihren Vater aufwachsen werden, macht mich besonders traurig.

Ich wünschte, ich könnte ein entspannteres Verhältnis zum Tod haben, ihn als einen Teil des Lebens akzeptieren. Aber leider klappt das nicht.

Im Alltag äußert sich das darin, dass ich mir um mein Kind sehr viele Sorgen mache. In meinem Kopf laufen verschiedene Horrorszenarien ab, die mich übervorsichtig werden lassen. Wenn Yoko schläft, wecke ich sie oft, weil ich Angst habe, dass sie nicht mehr lebt. Ich drücke sie dann ganz fest an mich und trage sie so lange durch die Wohnung, bis sie wieder eingeschlafen ist.

Ich glaube an Wiedergeburt, und ich habe das Gefühl, dass Babys dem Tod sehr nahe sind: Babys kommen nicht direkt aus dem letzten Leben, sie kommen von irgendwo anders her, von wo, weiß ich leider auch nicht. Ihre Seele muss sich im Jetzt erst etablieren. Sie kann einem noch entgleiten.

Wenn ich nach einem schlimmen Traum aufwache, will ich meinem Freund Andy sofort davon erzählen. Er reagiert beim Thema Tod wie die meisten: Er will nicht daran denken. Vielleicht ist das die bessere Strategie, mir gelingt das nicht.

Aufgezeichnet von Nana Heymann

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