Versicherungsmakler Alan Davis kam vergangene Woche eigens aus Chillicothe, Ohio, in die Hauptstadt Washington. Mit den Worten "Stoppt den Wahnsinn!" drückte er allen 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses eine von ihm erstellte Grafik über den riesigen Schuldenberg der Obama-Regierung in die Hand. Hausfrau Mary Lynn Scott reiste mit ihrem Mann aus Le Sueur, Minnesota, an, um auf dem Values Voter Summit, einem "Wertegipfel", gegen Obamas Politik in Sachen Abtreibung, Stammzellenforschung und gleichgeschlechtliche Ehen zu demonstrieren. Krankenschwester Anne Butte flog auf eigene Kosten aus Colorado ein. An einer Straßenecke in der Nähe des Capitols rief sie gemeinsam mit einem Dutzend Menschen: "Mr. President, zeig uns endlich deine Geburtsurkunde!" Barack Obama , Sohn eines muslimischen Kenianers, sei weder amerikanischer Staatsbürger noch Christ – davon ist Butte überzeugt. Und mit ihr jeder zehnte Amerikaner.

Amerika erlebt derzeit eine Rebellion von rechts, die die etablierte Politik das Fürchten lehrt. Davis, Scott und Butte gehören zur Tea-Party-Bewegung, so genannt in Anlehnung an die Boston Tea Party von 1773, jenen freiheitlichen Volksaufstand gegen Knebelsteuern der britischen Kolonialmacht. Mit Unterstützung der Tea Party schlugen stramm rechte Kandidaten im Vorwahlkampf landauf, landab gemäßigte Republikaner aus dem Feld. Am 2. November könnte die Bewegung bei den Kongresswahlen die Demokraten um ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus und vielleicht sogar im Senat bringen. Schon jetzt rüstet die Tea Party für die Präsidentschaftswahl 2012. "Obama muss weg", sagen Alan Davis, Mary Lynn Scott und Anne Butte.

Die Tea Party, das ist ein loser Verbund aus Individuen und Einzelgruppen, ohne hierarchische Führung und Mitgliedsausweis. Im Hintergrund aber steuert und lenkt ein Netzwerk aus erfahrenen politischen Strategen, Republikanern, konservativen Denkfabriken und Finanziers. Für die einen ist die Tea Party die Speerspitze des Aufstands gegen Obamas Konjunkturprogramme und die Gesundheitsreform. Für die anderen das trojanische Pferd zur Eroberung und Umkremplung der Republikanischen Partei.

"Wir sind wütend auf die da oben", zürnt Sarah Palin , einst republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin, heute Ikone der Tea-Party-Bewegung, "wir müssen die guten alten Jungs kräftig durcheinanderwirbeln." Gemeint ist die eigene Parteispitze.

Alan Davis zürnt den "guten alten Jungs", weil auch Republikaner zustimmten, als Obama mit Steuergeld marode Banken rettete. Mary Lynn Scott empört sich über "windelweiche Konservative", die im Zweifel für das Recht auf Abtreibung und schwule Ehen stimmen würden. Und Anne Butte verzeiht keinem Republikaner, der im Streit um den Bau einer New Yorker Moschee auf Mäßigung drängte. Sie sagt: "Wir sind eine christlich-jüdische Nation."

Eigentlich glaubt man, den typischen Tea-Party-Anhänger schon gut zu kennen. Weiß, über 45 Jahre alt, stramm rechts bis paranoid. Die Fernsehkameras fangen gern Demonstranten wie Anne Butte ein, die Obama als zweiten Osama bin Laden porträtieren. Oder skurrile Gestalten wie den Laienprediger William Temple aus Georgia, der in historischen Kostümen die Rückkehr Amerikas zu seinen Ursprüngen im 18. Jahrhundert fordert. Doch in solch einfache Raster passt keine Bewegung, mit der sich inzwischen jeder fünfte Amerikaner und drei von vier Republikanern solidarisieren. "Konservative 68er" nennt sie Richard Douglas Lloyd, Soziologe an der Vanderbilt-Universität in Nashville, Tennessee, betagter als die linken Revolutionäre von damals, "aber ebenso radikal". Bill Kristol, konservativer Publizist, nennt die Tea Party "ein Zelt im rechten Zelt".

Die Wut auf die Eliten hält die Bewegung zusammen

Der populistische Protest gegen Staat und Steuern hat eine lange Tradition, ist gewissermaßen uramerikanisch. Darauf wies kürzlich sogar der liebste Feind der Tea-Party-Anhänger hin. In einem Interview mit der Musikzeitung Rolling Stone warnte Barack Obama vor einer pauschalen Verurteilung der Bewegung und nannte sie ein "Amalgam", ein Sammelsurium "verschiedenster historischer Strömungen amerikanischer Politik".