Ist da am Sonntag in Wien ein Damm gebrochen? Jeder vierte Wähler in der Hauptstadt votierte für eine Partei, die nur eine einzige Botschaft zu verkünden weiß: Fürchtet euch! Fürchtet euch vor den Menschen, die hier eine neue Heimat zu finden hoffen. Fürchtet euch vor den Sprachen, in denen sie sich unterhalten. Fürchtet euch vor den Gebräuchen, die sie mitgebracht haben, vor den Gebetsstätten, die sie errichten wollen, vor den Kindern, von denen sie so viele mehr als ihr in die Welt setzen werden. Fürchtet euch vor eurer Zukunft!

Die Furchtsamen erkoren allerdings nun einen Mann zu ihrem Beschützer, in dessen Heldenbrust ein Hasenherz schlagen muss. Dem freiheitlichen Parteiführer Heinz-Christian Strache war keine mutige Idee, kein konstruktiver Vorschlag zu entlocken, wie sich die Dinge in diesem Jammertal namens Wien doch noch zum Besseren wenden ließen. Er kennt nur jenes Lösungsmodell, bei dem auch jeder verängstigte Bürger Zuflucht findet – den Ausruf "Hilfe! Polizei!". Die soll gefälligst aufräumen mit allem, was störend ins Auge sticht.

Die Vorstellung, die prinzipiell lebensfrohe, ein wenig liederliche und ziemlich schlampige Stadt Wien könnte sich eines Tages zu großen Teilen in eine Stadt der Angst verwandelt haben, mag absonderlich sein. Doch das überwältigende Echo, das der Hilferuf des blauen Wahlsiegers vor allem in den großen Flächenbezirken am Stadtrand fand, lässt vermuten, dass es viele Viertel gibt, in denen die Angst umgeht.

Sie ist nur schwer zu fassen. Sie wurzelt im schleichenden Verlust des Gewohnten. Überall breitet sich Veränderung aus, die vornehmlich fremdländische Namen trägt. Sie kam nicht über Nacht. Doch die Bewohner waren auf den Wandel nicht vorbereitet. Er riss sie aus der gemächlichen Selbstverständlichkeit ihres Alltags. Es hilft nun vermutlich wenig, die Wiener an die ursprüngliche Herkunft vieler, wenn nicht der meisten ihrer Familien zu erinnern, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, es geschehe gar nichts Außerordentliches. Genauso wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies fühlen sich auch die Wiener umzingelt und in ihrer Existenz gefährdet.

Im Unterschied zu vielen Großstädten war Wien viele Jahrzehnte hindurch eine Bastion der Beständigkeit. Nur zaghaft tasteten sich hier moderne Entwicklungen, wie sie überall in den Industrieländern vorkamen, voran. Verantwortlich dafür waren die Randlage und das Inselgefühl, das insgesamt das ganze Land beherrscht. So wie Österreich noch immer nicht in einem gemeinsamen Europa angekommen ist, so ist Wien noch ein gutes Stück von der europäischen Gegenwart entfernt. Im Vergleich zu den sozialen Verwerfungen, die über Berlin, Paris oder Rom hereingebrochen sind, ist Wien selbst dort, wo sich die Probleme mit Zuwanderern ballen, weitgehend ein urbanes Idyll.