Einen Quadratkilometer groß ist der See aus rotem Schlamm, der still im Bützflether Moor liegt. Riesige, dreistufige Deiche halten ihn zusammen, der Wasserspiegel befindet sich zwölf Meter über dem Erdboden. Hier, zwischen grasenden Kühen und kleinen Dörfern, lagert der gesammelte Abfall aus der letzten Fabrik in Deutschland, die Bauxit verarbeitet. Ein Dammbruch in einer ähnlichen Deponie in Ungarn verursachte vergangene Woche eine gewaltige Naturkatastrophe. Der rötliche Abfallschlamm wälzte sich über die Landschaft, sieben Menschen starben, und über hundert kamen mit teils schweren Verätzungen in Krankenhäuser.

Im Bützflether Moor dagegen präsentiert sich der Deponiesee als Idylle. "Unseren Nilgänsen gefällt es hier so gut, die wollen gar nicht mehr weg", sagt Helmuth Buhrfeindt und zeigt begeistert auf die schimmernde Wasseroberfläche. Manchmal bade auch ein Reh im See, ergänzt der Geschäftsführer der Aluminium Oxid Stade. Der Abfall habe schließlich die "Deponieklasse null" – selbst Hausmüll gilt als gefährlicher.

Und wenn doch einmal der Damm bräche? Buhrfeindts Co-Geschäftsführer Eberhard Guhl beruhigt: Das könne hier nicht passieren. Schließlich verhinderten die Schlammablagerungen, dass Feuchtigkeit in die Deiche eindringe. Am Boden schließe zudem eine natürliche Schicht aus Kleiboden die Deponie gegen das Grundwasser ab. Außerdem sei der Rotschlamm alles andere als giftig. "Trinken würde ich das zwar nicht", sagt Guhl, aber nach der Reinigung sei die Brühe ungefährlich. Die in Ungarn war so ätzend wie Natronlauge. Wie kann das sein? Wieso ist derselbe Abfall, der in Ungarn den Tod bringt, in Deutschland harmlos?

Auch Buhrfeindt war von den Nachrichten überrascht: "Was, die produzieren noch?", war sein erster Gedanke. Das ungarische Werk stammt aus den 1940er Jahren, hat früher zu einem staatlichen Aluminium-Kombinat gehört und wurde 1995 privatisiert. Wie schlampig dort gearbeitet wurde, übersteigt selbst die Vorstellungskraft der Experten. Um zu demonstrieren, wie man mit Rotschlamm besser umgeht, laden die beiden Geschäftsführer zu einer Besichtigung ihrer eigenen Fabrik.

Das deutsche Pendant zum ungarischen Horrorwerk liegt am Strand der Elbe, eine Stunde nördlich von Hamburg. Von Weitem hebt sich die Silhouette des Stahlkolosses gegen den Himmel ab. Schon am Eingang der Aluminium Oxid Stade beginnt die deutsche Gründlichkeit. Als Erstes bekommt man Sicherheitsausrüstung ausgehändigt – Helm, Schuhe, Schutzbrille. Dazu gibt es einen Wegweiser für den labyrinthischen Komplex.

Wie ein rostiges Dickicht ziehen sich kilometerlange, baumstammdicke Rohrsysteme über die Köpfe. Der Himmel wird von Hochbrücken und Förderbändern durchschnitten, die bis auf 75 Meter Höhe zu Silos, Kesseln und Speicherhallen führen. Seit der Einweihung vor 37 Jahren wird hier ohne Unterbrechung gearbeitet, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Denn das mit Natronlauge versetzte Bauxitgemisch muss ständig fließen, sonst würde es binnen kurzer Zeit verkrusten. Ein plötzlicher Betriebsstopp, etwa durch einen Stromausfall, hätte den Infarkt zur Folge, das Rohrsystem, die Blutgefäße des Werkes, würden verstopfen.

"Passieren kann theoretisch immer etwas", sagt Guhl. Vor einigen Jahren kam es in einem Aluminiumoxid-Werk in den USA zur Explosion. "Die halbe Fabrik war Schrott danach", erzählt er. "Überall spritzte Natronlauge durch die Luft." Verletzt wurde, wie durch ein Wunder, niemand. In Stade allerdings habe es noch nie größere Probleme gegeben.