Als die Kinderärztin Dina Jushhenko* aus Weißrussland nach Deutschland kam, erhielt sie eine befristete Berufserlaubnis – als Ärztin für innere Medizin. "Ich konnte es erst gar nicht glauben", sagt sie. Im Studium in Weißrussland spezialisiert man sich schnell, und sie hatte schon mehr als zehn Jahre als Kinderärztin gearbeitet, von der inneren Medizin wusste sie nicht mehr viel. Womöglich würde sie fatale Fehler machen, dachte Jushhenko, und trat zunächst keine Stelle an. Sie handelte aus Eigenverantwortung. Die Qualitätskontrolle von außen, die bei einem so sensiblen Bereich wie der medizinischen Versorgung eigentlich unbedingt notwendig ist, hatte versagt.

Die Qualität des Medizinstudiums ist von Land zu Land unterschiedlich. Und trotz des Ärztemangels will niemand von einem Arzt behandelt werden, der aufgrund einer schlechten Ausbildung Fehler macht. Nur: Wie lässt sich feststellen, ob die Ausbildung eines eingewanderten Arztes dem deutschen Standard entspricht?

Die Frage treibt Prüfungsbehörden, Ärztekammern und Politiker schon seit Jahren um. Innerhalb der EU hat die Richtlinie 2005/36/EG inzwischen einiges erleichtert: In ihr ist ein Katalog an Abschlüssen aufgeführt, die von Experten geprüft wurden und nun EU-weit anerkannt werden. Durch die in der Richtlinie festgeschriebenen Kriterien soll in Europa ein Mindeststandard in der Qualität der Ausbildung etabliert werden; die Anforderungen sind längst auch Teil der Beitrittsgespräche mit potenziellen neuen EU-Mitgliedsländern. Doch von den etwa 23.000 ausländischen Ärzten, die derzeit hierzulande arbeiten, stammt nur knapp die Hälfte aus EU-Staaten.

Die anderen müssen meist eine sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung bestehen. Die bundesweiten Vorgaben sind locker, ihre Ausgestaltung für die Berufserlaubnis ist Ländersache: 17 Landesärztekammern und etwa 30 Behörden verfahren jeweils nach eigenen Methoden. So groß ihr Spielraum dabei ist, so groß sind auch die Unterschiede in der Erteilung der Berufserlaubnis. Während eingewanderte Ärzte mit formell erfüllter Qualifikation in einem Bundesland fast durchgewinkt werden und anfangen können zu arbeiten, obwohl sie kaum Deutsch sprechen, verzweifeln gleich nebenan im Nachbarland ausländische Ärzte mit guten Sprachkenntnissen und langjähriger Berufserfahrung an den bürokratischen Hürden.

Als der Kroate Mirko Šimić 1999 nach Deutschland kam, hatte er bereits mehr als 15 Jahre lang als Arzt gearbeitet. Doch er kam noch nicht einmal so weit, dass er seine Unterlagen vorlegen durfte. "Damals gab es noch keinen großen Ärztemangel. Nach einem kurzen Gespräch hieß es, ich erhielte keine Berufserlaubnis", sagt Šimić. Er nahm einen Hilfsjob in der Altenpflege an. "Alle Leute wussten, dass ich Arzt bin. Manchmal, wenn kein anderer Arzt in der Nähe war, fragten sie mich, was zu tun ist", sagt Šimić. Erst als er sechs Jahre später mit der deutschen Staatsbürgerschaft in der Hand die Behörde betrat, durfte er seine Unterlagen einreichen. Wenige Tage später erhielt auch er die vorübergehende Berufserlaubnis.

Šimić hätte von heute auf morgen anfangen können, als Arzt zu arbeiten. Theoretisch. Doch erst nachdem er wie Dina Jushhenko einen Kursus für eingewanderte Ärzte besucht hatte, fühlte er sich sicher genug. Eine Handvoll Einrichtungen bietet solche Schulungen inzwischen an, darunter das VIA Institut für Bildung und Berufe in Nürnberg. "Viele kommen wie Šimić und Jushhenko freiwillig zu uns, weil sie sich überfordert fühlen", sagt der Institutsleiter Matthias Klug. Viele Immigranten lernen in solchen Kursen erst die Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystems kennen. Neben der Vermittlung formeller, fachlicher und sprachlicher Kompetenz gehören auch mehrmonatige Praktika in Kliniken dazu.

Doch wie die Prüfungen zur Erteilung der Berufserlaubnis im Detail aussehen, erfahren die Immigranten meist erst, wenn es so weit ist. Oft sind lediglich die Fächer vorher bekannt. Klug, der Leiter des VIA-Instituts, findet die Anforderungen zum Teil absurd. Eine umfangreiche Prüfung in Chirurgie würde wohl auch mancher deutsche Augenarzt nicht bestehen, dessen Studium schon Jahrzehnte zurückliegt. "Prüfungen sind bei diesem mit Verantwortung beladenem Beruf höchst wichtig. Aber von sinnvoller Überprüfung der Kompetenz kann manchmal keine Rede sein. Oft scheinen formelle Winkelzüge im Vordergrund zu stehen", sagt Klug.