DIE ZEIT: Herr Mastronardi, was ist Geld?

Philippe Mastronardi: Geld ist dieses Zahlungsmittel, das wir brauchen, um keine Tauschwirtschaft zu sein. Damit Sie mir nicht Ihre Kleider geben müssen, um von mir Brot zu bekommen. Nur so kann die Arbeitsteilung unter Fremden funktionieren. Geld hat eine enorme Bedeutung bekommen.

ZEIT: Hat es eine Macht über uns entwickelt, die wir nicht mehr kontrollieren können?

Mastronardi: Ja. Die Geldmenge wächst sehr viel stärker als die Realwirtschaft. Und zwar, je nach Vergleichsbasis, um das Vier- bis Achtfache. Geld wird also nicht mehr geschöpft zur Deckung der Bedürfnisse unserer Realwirtschaft, sondern zur Schaffung von maximalverzinslichen Geldanlagen. Es hat sich ein Geldmarkt mit Finanzprodukten entwickelt, der gar nichts Reales produziert. Aber die hohen Zinsen, die man mit diesen Finanzprodukten erzielen kann, wurden zum Maßstab für die Realwirtschaft. Eine Firma, die Schuhe produziert, muss so viel Rendite abwerfen wie eine Bank oder ein Börsenprodukt. Der irreale Finanzmarkt steuert damit die realen Märkte.

ZEIT: Wird sich die Geldmenge nicht verringern durch die verschärften Eigenmittelvorschriften, die Basel III und auch die Expertengruppe des Bundesrates vorsehen?

Mastronardi: Es gibt da zwei Probleme, ein technisches und ein grundsätzliches. Was Basel III und die Expertengruppe vorschlagen, beruht auf einer Risikoeinschätzung, welche die Banken teilweise selber vornehmen. Wir sind also wieder so weit wie vor der Finanzkrise: Wir sind abhängig von der Risikoeinschätzung der Banken und Ratingagenturen. Man erfasst künftig wohl ähnliche Krisen besser, aber unvorhergesehene Risiken sind da nicht abgesichert. Und es werden andere Krisen kommen. Das ist das technische Problem. Nun aber zum Grundsätzlichen: Wir behalten das bisherige Aufsichtsmodell bei, obwohl es versagt hat. Das heißt, wir behandeln den Finanzmarkt immer noch wie einen freien Markt unter staatlicher Aufsicht. Die Banken dürfen Geld kreieren mittels der Kredite, die sie erteilen – mit ein paar Einschränkungen. Man hat immer noch nicht begriffen, dass der Finanzmarkt eben ein anderer Markt ist als derjenige für Backwaren. Banken, die Geld schöpfen können, spielen im Wettbewerb und verändern zugleich die Spielregeln. Das ist eine unzulässige Doppelrolle. Die Banken machen Ordnungs- und Interessenspolitik zugleich.

ZEIT: Sie spielen im Casino und sind zugleich Besitzer.

Mastronardi: Schlimmer noch: Sie erlauben sich, die Spielregeln im Spiel zu ändern! Das verletzt alle Grundsätze eines fairen Spiels. Wenn ich Ihnen einen Kredit gebe, muss ich das Geld erst mal haben. Das ist normal. Die Banken müssen das nicht. Sie können Ihnen den Kredit geben, ohne das Geld dafür zu besitzen. Das darf nicht sein. Die Banken müssen gleich behandelt werden wie Sie und ich.

ZEIT: Ein Mittel, dies zu gewährleisten, wäre die Vollgeldreform. Kredite kann dann nur erteilen, wer das dafür nötige Geld besitzt.

Mastronardi: Die Vollgeldreform ist nur ein Mittel von mehreren, um die Idee des service public im Finanzmarkt zu etablieren. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Die Banken sollen nicht mehr Geld kreieren dürfen gemäß ihren Bedürfnissen als Marktteilnehmer, sondern das Geld soll wieder ein Monopol des Staates sein. Künftig würde also das gesamte Geld ausschließlich von der Nationalbank ausgegeben.

ZEIT: Das wäre eine Revolution, da 95 Prozent des Geldes von privaten Banken geschöpft wird.

Mastronardi: Es wäre eine gewaltige Veränderung der Geldwirtschaft, ja.