Die Nachricht traf den jungen Mann wie ein Hieb. Als der Vorstand des Walzenherstellers Hamm aus der Oberpfalz im April 2009 vor die Belegschaft trat, bedeutete das für den Facharbeiter und gut 200 andere der 680 Beschäftigten das Aus. Nichts zählte mehr: weder die über 100 Jahre lange Unternehmenstradition noch die zweitbeste Position auf dem Weltmarkt noch die bis dahin zweistelligen Wachstumsraten. Im ersten Quartal, hieß es, sei der Umsatz um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Heute läuft das Geschäft wieder. Der Aufschwung kam schneller als erwartet. Die meisten der gestrichenen Stellen sind wieder besetzt. Auch der junge Mann, der nicht namentlich genannt werden will, ist zurück im Betrieb. Im selben Job. Doch die Sache hat einen Haken: Er arbeitet jetzt als Leiharbeiter – und verdient mehrere hundert Euro weniger als zuvor.

Das Schema ist spätestens seit dem Skandal um Schlecker bekannt. Die Drogeriemarktkette hatte fest angestellte Mitarbeiterinnen entlassen, um sie über die Drehtür der Leiharbeit zu schlechteren Konditionen wieder in die Läden zu holen. Der öffentliche Protest veranlasste Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen sogar zu einer "Lex Schlecker". Das "Gesetz zur Verhinderung von Missbrauch der Arbeitnehmerüberlassung" soll am 27. Oktober im Kabinett beraten werden. Kritiker monieren allerdings, die Zeitarbeitsverbände hätten sich mit ein paar Zugeständnissen einen Freibrief der Ministerin erkauft.

So fehlt in dem Entwurf beispielsweise jeder Hinweis auf das von Gewerkschaften in seltenem Einklang mit der FDP geforderte Prinzip "Equal Pay". Dieses Prinzip bedeutet, dass Zeitarbeitnehmer grundsätzlich für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie die Stammbelegschaft erhalten. Der Gesetzentwurf sieht hingegen vor, dass lediglich zuvor entlassene Mitarbeiter gleichgestellt werden, und das auch nur, wenn sie binnen sechs Monaten nach ihrer Kündigung über den Umweg der Leiharbeit wieder in den Betrieb zurückkehren. Die Ausgliederung wird damit ausdrücklich erlaubt. "Galt das bisher als Missbrauch, wird es nun zum gesetzlich geregelten Normalfall", schimpft Berthold Huber, Chef der IG Metall: "Dieser Gesetzentwurf ist eine Zumutung."

Der Walzenhersteller Hamm aus Tirschenreuth würde sich auch nach den neuen Bedingungen ganz legal verhalten. Er ist kein Einzelfall. Das Beispiel aus der bayerischen Grenzregion illustriert lediglich einen Trend: Zeitarbeit oder Leiharbeit – die Wortwahl hängt in der Wirtschaft meist davon ab, ob man ihr positiv oder negativ gegenübersteht – boomt in Deutschland. Binnen weniger Monate wurde sogar jene Rekordzahl übertroffen, die man bei den Branchenverbänden vor der Krise verzeichnete: Rund 830.000 Menschen werden derzeit nach Angaben der Zeitarbeitsverbände im Rahmen des Arbeitnehmer-Überlassungsgesetzes von Unternehmen wie Manpower, Randstad, Adecco & Co zu Firmen geschickt. Die können das eigene Risiko klein halten und erst einmal abwarten, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt.

Allein bei Airbus in Hamburg arbeiten 3500 Leiharbeiter

Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA), nimmt dies als Beweis dafür, dass Zeitarbeit "eine tragende Säule des Aufschwungs" sei. Auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will mit ihrem Gesetz die "positive Wirkung der Arbeitnehmerüberlassung auf die Beschäftigung auch in Zukunft" fördern. Andere geißeln solche Jobs hingegen als prekäre Arbeitsverhältnisse – und miese Tour der Arbeitgeber, sich aus Tarifverträgen und dem Kündigungsschutz herauszukaufen. 

"Leiharbeiter werden nicht mehr allein in die Betriebe geholt, um einzelne Auftragsspitzen abzuarbeiten, um saisonal bedingte Anstiege des Kundenvolumens abzudecken, oder um auf besondere Belastungen reagieren zu können", konstatiert Klaus Dörre, Soziologe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. "Stattdessen finden sich immer mehr Unternehmen, in denen Leiharbeiter dauerhaft und vor allem in großer Zahl eingesetzt werden. Sie bilden eine ›Quasi-Stammbelegschaft‹, die in der Regel die gleichen Arbeiten wie die fest angestellten Stammbeschäftigten verrichtet."

In ihren Reihen sind so namhafte Unternehmen wie der europäische Flugzeugbauer Airbus. Der Chef des Mutterkonzerns EADS, Louis Gallois, hat gerade die Prognose eines Vorsteuergewinns von einer Milliarde Euro für 2010 bestätigt und steigende Profite für die nächsten Jahre angekündigt. Bei jeder Luftfahrtschau triumphiert Airbus mit Auftragsrekorden über den US-Konkurrenten Boeing. Dennoch kommen derzeit rund 4500 der etwa 16.000 Mitarbeiter an den deutschen Standorten von Zeitarbeitsunternehmen – davon allein 3500 in Hamburg. Voriges Jahr waren es noch insgesamt 6500. Vor allem, um den jahrelangen Zeitverzug in der Produktion des Riesen-Airbus A380 einzudämmen, wurde händeringend nach Leiharbeitern gesucht.

 

Fragt man bei dem Flugzeugbauer nach einer Stellungnahme, erhält man als Antwort, dass "die Stammbelegschaft durch den Einsatz von Leiharbeitern geschützt" werde. Mehr will ein Sprecher dazu nicht sagen. Johann Dahnken, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, wird deutlicher. "In einigen Bereichen des Unternehmens liegt der Anteil der Leiharbeit bei 30, 40 oder sogar 50 Prozent." Dabei sei der Flugzeugbau "ein absoluter Wachstumsmarkt. Da könnte man von der notorischen Angst, man könnte einen Mitarbeiter zu viel beschäftigen, schon abrücken. Aber heute wird das unternehmerische Risiko auf den Arbeitnehmer übertragen."

Immerhin, Airbus zahlt gleichen Lohn bei gleicher Arbeit – inklusive Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das hatten Betriebsrat und Unternehmensleitung 2004 in einem Vertag namens Siduflex (Sicherheit durch Flexibilität) so vereinbart. Lediglich auf die Gewinnbeteiligung haben die Leiharbeiter keinen Anspruch. Doch Siduflex läuft 2012 aus. Demnächst beginnen die Verhandlungen über den anschließenden "Zukunftsvertrag". Ob Equal Pay darin erneut festgeschrieben wird, ist ungewiss. "Es gibt einige Stimmen in der Betriebsleitung, die sich dagegen aussprechen", sagt Dahnken. "Eine entsprechende Verpflichtung im Gesetz würde uns deshalb helfen."

Kündigungsfristen und Sozialpläne werden außer Kraft gesetzt

Wenn Unternehmen Zeitarbeiter in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernehmen, teilen sie das gern der Öffentlichkeit mit. "Es funktioniert doch", lautet dann die Botschaft an diejenigen, die mit Verweis auf die Statistiken monieren, dass der viel gepriesene "Klebeeffekt" kaum mehr als sieben Prozent ausmache. Airbus hat im August damit begonnen, über einen Zeitraum von sechs Monaten 700 Leiharbeiter fest einzustellen. VW will von seinen derzeit 3600 Zeitarbeitern 400 an den Standorten Wolfsburg und Kassel übernehmen – "in den nächsten Monaten", wie ein Sprecher auf Nachfrage wenig präzise erklärt. Auch bei Hamm in Tirschenreuth seien bereits 30 bis 40 Leiharbeiter wieder in ein festes Arbeitsverhältnis gewechselt, betont ein Sprecher. "Wir wollten gerade unseren ehemaligen Mitarbeitern eine Chance geben, indem wir sie als Leiharbeiter wieder eingestellt haben." Die wirtschaftliche Ungewissheit erlaube es derzeit nicht, die Stellen in größerem Stil wieder fest zu besetzen.

Das große Plus für die Unternehmen: Mit Leiharbeitern werden sowohl Kündigungsfristen als auch Sozialpläne bei betriebsbedingten Kündigungen obsolet. Nach Überzeugung des Soziologen Dörre erlangen die Unternehmen aber noch einen weiteren Vorteil: "Die Hoffnung auf Übernahme und die Angst vor Aussteuerung diszipliniert die Leiharbeiter." Man müsse die Firmen bei ihrer Ehre packen. Aber das gelinge nicht immer, weiß Joachim Bender von der IG-Metall Amberg, zu der Tirschenreuth gehört. Nur vier von 64 Betrieben der Metallbranche in seiner Verwaltungsstelle haben sich per Tarifvertrag verpflichtet, Leiharbeitern vom ersten Beschäftigungstag an den gleichen Lohn zu bezahlen und nach zwölf bis 20 Wochen ein Übernahmeangebot zu unterbreiten. Nach dem jüngsten Tarifabschluss in der Stahlbranche, der Equal Pay festschreibt, erhoffen sich die Gewerkschafter nun eine Rammbock-Wirkung für andere Branchen.

Den Zeitarbeitsunternehmen gefällt das gar nicht. Trotzdem wollen sie weg von dem Schmuddelimage, das ihnen seit der Schlecker-Affäre verstärkt anhaftet. "Dieser Supergau kostet uns mehrere Jahre Reputationsaufarbeitung", klagt der BZA-Vorsitzende Enkerts. Als wohl kalkulierter Coup darf deshalb gelten, dass sein Verband nun ausgerechnet mit dem wegen Preisdrückerei geschmähten Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) über eine Fusion verhandelt – und beide für einen Mindestlohn eintreten. Demnach sollen die untersten Stundenlöhne bis 2012 gestaffelt auf 8,19 Euro in den westlichen und 7,50 Euro in den östlichen Bundesländern steigen. "Wenn es dazu dient, dass die Branche endlich mit einer Stimme spricht, begrüßen wir den Vorstoß", kommentiert Ariane Durian, Bundesvorsitzende des Interessenverbandes deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ), den Vorstoß. Der IGZ will aber eigenständig bleiben. 

Der plötzliche Aktionismus hat einen besonderen Grund: den 1. Mai 2011. Das ist auch jenes Datum, zu dem das "Gesetz zur Verhinderung von Missbrauch der Arbeitnehmerüberlassung" in Kraft treten soll. Von diesem Tag an gilt die volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den östlichen EU-Ländern mit Ausnahme Rumäniens und Bulgariens. Auch wenn bisher wenig darauf hindeutet (siehe nebenstehenden Bericht), treibt die Zeitarbeitsunternehmen die Sorge um, im Osten angesiedelte Konkurrenten könnten ihre Arbeitnehmer zu Dumpinglöhnen an deutsche Firmen vermitteln. "Wir haben die Befürchtung, dass da Menschen in Bussen hergebracht werden, für drei bis vier Euro die Stunde arbeiten und unter unsäglichen Bedingungen untergebracht sind", befürchtet Durian. "Auch wenn es nur 100 solcher Fälle gibt, verderben sie uns das Image", sagt auch Enkerts.

Jetzt muss die Zeitarbeits-Lobby nur noch die FDP überzeugen, die bislang einen Mindestlohn strikt ablehnt. Und Ministerin von der Leyen dazu bekommen, in ihrem Gesetz das doch eher positiv klingende Wort von der "Zeitarbeit" zu verwenden. Dort ist bisher nur von "Leiharbeitnehmern", "Leiharbeitsunternehmen" und "Entleihern" die Rede.

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