ZEITmagazin: Frau Basel-Gedeon, wie war das, als das ZEITmagazin erstmals der ZEIT beilag?

Sigrid Basel-Gedeon: Ich habe mich gefreut. Für mich war es das erste Magazin überhaupt, das ich gelesen habe – obwohl ich damals schon 25 Jahre alt war. Ich kam aus einem sehr strengen, konservativen Akademikerhaushalt. Meine Eltern haben Magazine abgewertet, sie galten als dummes Zeug. Für mich wurde das ZEITmagazin ein Tor zur Welt. In Kombination mit der Lektüre der restlichen ZEIT sind mir damals die Augen aufgegangen. Ich bin mit völlig neuen Gedankenrichtungen konfrontiert worden.

ZEITmagazin: Womit genau?

Basel-Gedeon: Ich habe gelernt, mehr Mut zu haben, mich mehr zu trauen. Ich habe die Haare offener und länger getragen und mir im Sommer kurze Röcke angezogen. Ich bin abends in Spelunken gegangen, um zu feiern. Das ZEITmagazin war mit seiner liberalen Haltung ein wichtiger Mosaikstein, ein Vorbild, um sich von damals herrschenden Konventionen zu befreien.

ZEITmagazin: Was hat Sie noch bewegt?

Basel-Gedeon: Ein anderer Einfluss war das Universitätsleben. Ich habe damals in Tübingen studiert und Vorlesungen von Walter Jens besucht, obwohl ich eigentlich für Pharmazie eingeschrieben war. Jens hat Bücher junger Schriftsteller vorgestellt, die uns bis dahin völlig fremd waren. Autoren wie Max von der Grün, die in einer deftigen, alltagsnahen Sprache schrieben und auch mal das Wort "Scheiße" gebrauchten. Das war auch eine Art Emanzipation. Unser Literaturkanon war ja bei 1945 stehen geblieben.

ZEITmagazin: Deutschland muss damals ein strenges Land gewesen sein...

Basel-Gedeon: Vieles war reglementiert – was man machen durfte und was nicht. Aber zum Glück wurden zu Beginn der siebziger Jahre viele Dinge infrage gestellt. Da haben auch die 68er eine wichtige Rolle gespielt.

ZEITmagazin: Was gefiel Ihnen damals besonders an unseren Inhalten?

Basel-Gedeon: Ich bin ein Augenmensch, jemand, der sich durch Fotos in Geschichten hineinziehen lässt. Deshalb war es toll, dass so viele Bilder zu sehen waren. Hinzu kam, dass Frauen damals in anderen Medien nur als Beiwerk stattfanden. Das war im ZEITmagazin anders. Dort habe ich einen Überblick über moderne Frauenbilder bekommen.

ZEITmagazin: Die Lektüre bestimmter Zeitschriften ist oft mit Ritualen verbunden. Gab es so etwas auch bei Ihnen – zum Beispiel Orte, an denen Sie besonders gern gelesen haben?

Basel-Gedeon: Ich kann mich daran erinnern, dass ich das ZEITmagazin oft im Zug in die Hand genommen habe. Wenn ich auf der Rückreise zu meinen Eltern in Konstanz war, habe ich viel darin gelesen. Die Blicke, die andere Fahrgäste auf mich warfen, waren allerdings nicht sonderlich freundlich. Die Leute dachten: "Das Mädchen tut doch nur so, als ob es alles versteht, was da drinsteht."

ZEITmagazin: Was mögen Sie am heutigen ZEITmagazin?

Basel-Gedeon: Meine Lieblingsseite ist die Rubrik Ich habe einen Traum. Die Idee ist wirklich großartig. Sie bringt berühmte Menschen dazu, erstaunlich viel Persönliches preiszugeben. Harald Martenstein lese ich auch immer. Aus den letzten Heften hat mir am besten die Geschichte "Lieber Matz! Dein Papa hat eine Meise" gefallen (Heft Nr. 37/10, die Red.). Die darin abgedruckten Briefe, die ein manisch-depressiver Vater seinem Sohn aus der Psychiatrie schreibt, haben mich ganz besonders berührt.