DIE ZEIT: Herr Mazyek, Muslime haben gerade ein ziemliches Imageproblem in Deutschland.

Aiman A. Mazyek: Imageproblem? Ich würde eher von Image-GAU sprechen. In Zuschriften, die uns erreichen, schlagen uns Hass und Islamfeindlichkeit entgegen. Alltagsdiskriminierungen bei der Arbeits- oder Wohnungssuche nehmen zu. Die Situation ist kein Zuckerschlecken.

ZEIT: Was können Sie als Sprecher eines großen muslimischen Verbandes dagegen tun?

Mazyek: Wir können nur aufklären, aufklären, aufklären. Beim Islam ist es ein bisschen wie bei Stuttgart 21. Die Politiker fragen sich: Wir hatten doch alle Instanzen durch, warum geht das denn jetzt wieder von vorne los? Die Antwort ist: Weil sich die Bürger gar nicht mehr beteiligt fühlten.

ZEIT: Hat der Bundespräsident recht mit seiner Feststellung, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehört?

Mazyek: Nicht erst inzwischen. Europa hat immer etwas mit dem Islam zu tun gehabt. Denken Sie an die Übersetzung der griechischen Philosophen durch arabische Gelehrte oder die Geschichte Andalusiens. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, deshalb dürfen wir keine Diskussion führen, die Menschen ausschließt. Der Bundespräsident hat den richtigen Ton getroffen und die richtige Botschaft an die Bevölkerung gerichtet. Der Islam ist mit seinen über vier Millionen Muslimen Teil dieses Landes und Deutschland längst Teil unseres Herzens.

ZEIT: Viele Menschen haben das Gefühl, dass Muslime selbst nicht zur deutschen Gesellschaft gehören wollen, sich abschotten.

Mazyek: Dem "arabischen Milieu" zuzugehören ist heute kein Vergnügen. Wenn man in New York ist, heißt es, muss man unbedingt Chinatown gesehen haben. Aber in Berlin würde niemand auf die Idee kommen, Touristen nach "Türkentown" Neukölln zu schicken. Wir sollten vielleicht gelassener damit umgehen, dass unterschiedliche Kulturen besser nebeneinander als miteinander leben.

ZEIT: Heißt das, Parallelgesellschaften sind okay?

Mazyek: In Deutschland ist "nebeneinander" fast schon ein Schimpfwort. Aber manchmal ist das Nebeneinander weitaus friedlicher als das gezwungene Miteinander. In Damaskus zum Beispiel gibt es christliche, jüdische, muslimische Viertel. Man lebt ganz gut, aber mehr nebeneinander. In Deutschland verstehen wir unter Dialog, dass wir so lange in einem Raum diskutieren, bis wir einer Meinung sind. Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist etwas nicht ganz in Ordnung. Warum?

ZEIT: Das Problem ist doch, dass Muslime häufiger arm, arbeitslos oder gewalttätig sind als Nichtmuslime.

Mazyek: Den meisten muslimischen Bürgern dieses Landes ist es mindestens genauso zuwider, wenn in ihren Vierteln pseudomuslimische Gangster durch die Straßen laufen, die sich in Ermangelung von Identitäten auf das Türkisch-Arabische oder sogar auf das Islamische zurückziehen. Es ist aber falsch, das Verhalten von Machos, Schlägern oder Kriminellen der Religion zuzuschreiben. Es gibt muslimische Gangster, aber es gibt kein islamisches Gangstertum, weil der Islam dies als Straftat verabscheut. Die Trennschärfe fehlt mir in der gegenwärtigen Diskussion. Heute werden schichtspezifische Probleme einfach islamisiert.

 

ZEIT: Kann man zwischen Islam und Islamismus unterscheiden?

Mazyek: Islamismus ist eine Ideologie, die mittels Gewalt oder auch nur durch Propaganda den Islam politisch instrumentalisiert, eine Religion zum Parteiprogramm umfunktioniert. Damit will ich nichts zu tun haben. Für Gläubige ist der Islam vor allem eine Haltung gegenüber dem Schöpfer, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt, resultierend aus seiner Ethik, die ich im Koran und im Handeln des Propheten erkenne. Das ist eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen mir und Gott. Dies hat viel mehr mit dem Herzen und praktischem Handeln zu tun als mit äußerlichen Dingen, wie dem Tragen des Kopftuches oder eines Bartes. Das müssen auch einige Muslime erst noch begreifen.

ZEIT: Wie soll die Trennung von Staat und Religion im Islam funktionieren?

Mazyek: Nur ein Mal gab es wirklich eine Einheit von Religion und Ordnungsmacht – beim Propheten Mohammed selbst. Die muslimische Geistesgeschichte kennt zwar nicht die Trennung wie in der westlichen Welt, wohl aber eine Trennung zwischen politischer Macht, dem Kalifat, und der religiösen Autorität, den Religionsgelehrten. Es gab oft gewisse Spannungen zwischen Politik und Religion, aber nicht vergleichbar mit Europa. Deshalb können wir auch nicht einfach sagen, die Muslime müssen die Aufklärung nachholen. Dennoch sage ich, dass wir unsere Aufklärung noch vor uns haben.

ZEIT: Sie sind Muslim und Deutscher. Wie geht das in Ihrer Biografie zusammen?

Mazyek: Ich habe mir die Identitätsfrage früher nie gestellt. Ich bin Deutscher, da gibt es überhaupt kein Vertun. Ich bin auch stolz auf die Kultur meines syrischen Vaters, aber immer unter der Prämisse, dass ich ganz genau weiß, wo ich hingehöre. Heute wird diese Identität immer mehr von Muslimen und auch von der Mehrheitsgesellschaft problematisiert. Schon vor zwanzig Jahren habe ich Vorträge vor Muslimen zum Thema "Kann der Islam heimisch werden?" gehalten – genau die Frage, die jetzt alle beschäftigt.

ZEIT: Wie war denn damals die Stimmung?

Mazyek: Die war fürs Heimischwerden empfänglich.

ZEIT: Empfänglicher als heute?

Mazyek: Ja. Heute wird diese Frage politisch korrekt beantwortet. Da heißt es: Natürlich bin ich Deutscher! Aber was das Deutschsein wirklich impliziert, darüber wird zu wenig nachgedacht. Beispielsweise in einer Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Geschichte.

ZEIT: Sie meinen den Nationalsozialismus?

Mazyek: Ja. Als deutscher Muslim muss ich mich auch damit auseinandersetzen: Sich mit Schuld, Sühne und daraus resultierender Verantwortung zu beschäftigen ist ein Stück Einbürgerung. Das findet noch zu wenig statt, dafür ist die heutige Debatte zu schrill, zu aufgeregt.

ZEIT: Ist Deutschland nicht ein gutes Land für Muslime? Viel besser als die Herkunftsländer, trotz mancher Konflikte?

Mazyek: Für einige Länder stimmt das sicherlich, aber es gibt bereits auch Abwanderungsbewegungen insbesondere hoch qualifizierter Muslime, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlen. Wenn es Attacken gibt, die unter die Gürtellinie gehen, zieht man seine Rüstung an und vergisst manchmal, sie wieder abzulegen, wenn der normale Dialog weitergeht. Vor zwei Monaten haben wir alle gemeinsam mit der Fußballnationalmannschaft gefiebert. 2006 gingen Kopftuchträgerinnen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durch die Straßen und sangen mit allen anderen Fans. Wir haben es aber nicht geschafft, diese Stimmung in die Gesellschaft hineinzutragen. Auch Migranten vergessen das. Vielleicht sind wir manchmal zu pessimistisch. Das Mosern ist ja auch ein bisschen Teil der deutschen Identität.

ZEIT: Hat der Islam ein Problem mit Religionsfreiheit, so wie wir sie verstehen?

Mazyek: Es darf keinen Zwang im Glauben geben, heißt es im Koran. Wir setzen uns für Religionsfreiheit ein und haben zum Beispiel einen Afghanen unterstützt, der bedroht wurde, als er zum Christentum konvertieren wollte.

ZEIT: Dennoch steht nach Meinung vieler Gelehrter auf den Abfall vom Glauben laut Scharia die Todesstrafe.

Mazyek: Man hat im historischen Kontext des frühen Islams Konversion mit Desertion gleichgesetzt. Das gilt heute so nicht mehr. Der Koranvers "Kein Zwang im Glauben" darf nicht relativiert werden. In letzter Konsequenz heißt das, man kann – weltlich gesprochen – straffrei den Glauben wechseln oder auch keinen haben.

 

ZEIT: Vor fast zehn Jahren hat der Zentralrat eine "Islamische Charta" formuliert – ein Bekenntnis der Muslime zum Grundgesetz und zur deutschen Gesellschaft. Die Formulierungen zur Gleichberechtigung der Geschlechter sind sehr schwammig. Können Muslime nicht frei heraus sagen: Männer und Frauen haben die gleichen Rechte?

Mazyek: Natürlich sind Männer und Frauen vor dem Gesetz und vor Gott gleich. Sie sind aber in ihrem Wesen unterschiedlich. Das wollten wir ausdrücken.

ZEIT: Gibt es nicht viel zu wenige Anstrengungen für eine zeitgenössische Auslegung des Islams?

Mazyek: Was uns weiterhin fehlt, ist eine europäisch-muslimische Gelehrsamkeit, sind muslimische Intellektuelle, die den Islam in seiner europäischen Ausprägung und das Leben hier kennen. Ich halte nichts von den sogenannten Flughafen-Fatwas. Überspitzt formuliert: Da konfrontiert man einen Gelehrten aus dem Ausland mit einem inländischen Problem, indem man ihn hier einfliegen lässt, seine Meinung erfragt und nach vier Stunden wieder Adieu sagt. Die Gelehrten und Imame müssen hier leben, aufgewachsen sein und Land und Gesellschaft genau kennen, das ist ein islamisches Prinzip.

ZEIT: Was haben Sie gedacht, als Sie die Forderung des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer gehört haben, die Zuwanderung aus der Türkei und arabischen Staaten zu stoppen?

Mazyek: Seit der Sarrazin-Debatte wird hier ein Überbietungswettbewerb populistischer Phrasen geführt, für den wir uns als Deutsche eigentlich schämen sollten. Wir sägen da an unserem eigenen Ast, weil das Thema Sachlichkeit verlangt und qualifizierte Einwanderung für unser Land existenziell wichtig ist. Natürlich soll ein Land Regeln und Anforderungen formulieren dürfen, wen wir hier haben wollen und wen nicht. Dabei muss man aber die Menschenrechte achten. Als wir uns für einen Einbürgerungstest, angelehnt an die guten Erfahrungen der USA, ausgesprochen haben, gab es Prügel von den Migrantenorganisationen. Wenn wir heute sagen, natürlich hat der Bundespräsident recht mit der Feststellung, der Islam sei ein Teil Deutschlands, greifen uns einige Konservative mit billigen Unterstellungen an, der Islam sei mit Europa nicht vereinbar.

ZEIT: Von wem sind Prügel schlimmer: von der Mehrheitsgesellschaft oder von den eigenen Leuten?

Mazyek: Ich würde auf Prügel von beiden Seiten gerne verzichten. Es tut gleichermaßen weh.

Die Fragen stellten Jörg Lau und Özlem Topçu