Wer, vom Hauptbahnhof kommend, durch die Stuttgarter Königstraße läuft und den Schlossplatz passiert, erblickt plötzlich ein Gebäude, das die üblichen Debatten über die Krise des Kaufhauses gegenstandslos erscheinen lässt. Ist dieser schicke Glaskubus nicht ein besonders ambitionierter und moderner Konsumtempel? Stellt er nicht sogar den Höhepunkt einer langen Einkaufsstraße dar? Doch handelt es sich hierbei um das Kunstmuseum. Gezielt haben die Architekten des Büros Hascher Jehle mit Elementen der Kaufhausarchitektur gespielt, als sie den 2005 fertiggestellten Bau entwarfen: Selbstbewusst sollte die Kunst die Konkurrenz zum Konsum aufnehmen und sich als echte Alternative zum Shopping darbieten. Und die Besucher des Museums belohnt man damit, dass sie sich ähnlich zeitgemäß fühlen dürfen wie jemand, der einen Markenshop betritt. Die Museumsleitung unterstützt die Nähe zur Konsumästhetik noch zusätzlich. So wird auf Wechselausstellungen gerne mit Slogans und Zeichen hingewiesen, die an Werbung erinnern: Während einer Retrospektive der – konsumkritischen – Künstlerin Josephine Meckseper im Jahr 2007 war fast über die gesamte Glasfront ein überdimensionales Prozentzeichen aufgetragen, so als habe man eine Rabattschlacht zu offerieren. Und im Sommer dieses Jahres suggerierte der Ausstellungstitel Simply Video, die Branche der Medienmärkte werde aufgemischt.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Im Museum selbst ist es mit den Kaufhaus-Assoziationen schnell vorbei. Im Gegenteil wird man – abgesehen von den temporären Ausstellungen – von einer Sammlung moderner Kunst überrascht, die ungewöhnlich konzentriert und kompakt ist. Statt das übliche Gesamtsortiment zu bieten, dann aber von jedem Künstler nur ein oder zwei Stücke vorweisen zu können, hat man im Kunstmuseum Stuttgart klare Schwerpunkte. Man ist, um in der Konsummetaphorik zu bleiben, im besten Sinne ein Fachgeschäft. Das aber heißt: Besucher können hier etwas lernen. Während in vielen Museen nur der übliche Kanon gezeigt wird und man den Parcours von Richter zu Polke zu Baselitz zu Immendorff zu Kiefer abläuft, zeigt Stuttgart fast immer eine größere Anzahl an Werken eines Künstlers, ja füllt nicht selten sogar einen oder mehrere Räume damit. Dass das Kunstmuseum die weltweit größte Otto-Dix-Sammlung – mit Stücken aus allen Schaffensphasen – besitzt, ist noch relativ bekannt, aber dass Fritz Winter und Dieter Roth ähnlich umfassend repräsentiert sind, wissen viele Besucher vorab nicht. Von Winter hat man insgesamt sogar rund 500 Werke; ähnlich umfassend ist die Sammlung zu Willi Baumeister, dem zudem ein eigenes Archiv gewidmet ist. Hier kann man also nicht nur lernen, sondern sogar forschen.

Die meisten der Künstler, um die man sich besonders kümmert, haben einen biografischen Bezug zu Stuttgart oder zumindest zu Baden-Württemberg. Richtig spannend geht es in den Räumen zu, die Adolf Hölzel und seinen Schülern – darunter Oskar Schlemmer, Johannes Itten und Ida Kerkovius – gewidmet sind. Man kann Exponat für Exponat nachvollziehen, wie Freiluftmalerei und Spielarten des Expressionismus allmählich von formalistisch-konstruktivistischen Ambitionen durchdrungen werden, dass sich Ornamentales einschleicht und dass schließlich verschiedene Ansätze der Abstraktion entwickelt werden. Vier Räume mit konkreter Kunst dokumentieren die Vollendung dieses Entwicklungsgangs. So lässt sich im Kunstmuseum studieren, wie unerwartet und im Rückblick doch nachvollziehbar Kunstgeschichte verlaufen kann.

In einem weiteren Raum trifft man auf Werke von Reinhold Nägele, der zwar eher eine lokale Größe als ein international bekannter Künstler sein mag, den man aber sogleich als höchst sympathische Entdeckung empfindet. Meist ebenso kleinformatige wie kleinteilige Bilder zeigen mit Wärme beobachtete Genreszenen. Auf einem Bild ist, aus Vogelperspektive, die Stuttgarter Königstraße mit all ihren Geschäften dargestellt, so wie sie in den frühen dreißiger Jahren aussah. Und damit ist man wieder beim Sujet des Konsums angekommen. Nur fand der damals noch ohne die Konkurrenz des Museums statt.