Barbara Bessen ist eine sympathische Erscheinung, alterslos, eine Dame mit gewinnendem Lächeln. Sie strahlt ihr Gegenüber aus weit geöffneten Augen an. Mit angenehmer Stimme redet sie von der Freiheit, vom Sein, vom Selbst und davon, wie man das eigene Licht leuchten lässt – ohne Punkt, ohne Komma und ohne Konzept. Aber das ist kein Wunder, denn was sie sagt, empfängt sie direkt aus der geistigen Welt. "Da geht es nicht um Worte, sondern um die Energie, die fließt", sagt sie ihren Zuhörern. Man spürt, wie sich Gänsehaut bildet.

Es sind um die hundert Teilnehmer, die sich am vergangenen Wochenende zum ersten "Zukunftskongress" im vornehmen Elysee Hotel nahe dem Hamburger Dammtor eingefunden haben. Draußen strahlt die Oktobersonne. Drinnen sitzt hinter Vorhängen in violett angehauchtem Ambiente ein liebenswürdiges Publikum; viele Frauen in der Wiederfindungsphase nach der Nestflucht ihrer Kinder, aber auch ein paar Männer mit esoterischen Neigungen, einer von ihnen trägt einen eleganten Dreispitz auf dem Kopf.

Dem Grafen von Saint Germain sei der Kongress gewidmet, erklärt Barbara Bessen ihrem Auditorium. Der – so weiß man – lebte im 18. Jahrhundert. Angeblich war er Geheimdiplomat in den Diensten Frankreichs (ZEIT Geschichte Nr. 32/10). Manche glauben, er habe es in der Hand gehabt, den Siebenjährigen Krieg vorzeitig zu beenden. Bezeugt ist, dass er im Kreise der Frau von Pompadour verkehrte. Zuletzt war er Alchimist des Prinzen Karl von Hessen-Kassel. Für Karl mischte Saint Germain Farben und legierte Metalle. Der Graf starb 1784 in den feuchten Räumen seines Labors; nach Berichten von Zeitgenossen arm, einsam und in düsterer Melancholie.

Spirituelle Kreise hingegen sind sicher: Der Tod war vorgetäuscht. Saint Germain lebt weiter; zumindest als alertes Geistwesen. Er ist ein "Aufgestiegener Meister". Als solcher verdient er Verehrung und Gefolgschaft. Vor anderthalb Jahren, so heißt es, habe er Barbara Bessen gebeten, in seinem Namen in Hamburg eine Zusammenkunft der Wohlgesinnten zu organisieren. Genau 2010 sollte sie stattfinden: weil die Quersumme der Jahreszahl eine Drei ergibt. Die steht für Schöpferkraft, Wachstum und vorwärtsgerichtete Bewegung.

Leicht fiel Frau Bessen der Auftrag nicht, denn eigentlich hat sie genug zu tun mit der Lichtgestalt Kryon, einem Engel aus jenseitigen Welten, ihrem wichtigsten spirituellen Führer. Aber dem charmanten Drängen des Grafen konnte sie sich nicht widersetzen. Schließlich kennt man sich seit Langem. "Er hat immer wieder nachgehakt und einfach nicht lockergelassen", erzählt sie. Später lässt sie durchblicken, sie habe schon zu Zeiten der Pompadour gelebt.

Was folgt, übertrifft alle Erwartungen, die ein Tagungsbeitrag von 345 Euro geweckt haben mochte. Zunächst spricht Wulfing von Rohr, nach eigenem Bekunden ein Journalist aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der mit seinem angestammten Medium gebrochen hat. Von Rohr führt hin zur historischen Gestalt des Grafen. In der Schule von Friedrich Nowottny habe er gelernt, sich allein auf verlässliche Quellen zu stützen. In Sachen Saint Germain sind das für ihn Helena Petrovna Blavatsky und ihre Adepten. Die deutsch-russische Okkultistin war Ende des 19. Jahrhunderts Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft, die sich dem Studium der Geheimwissenschaften widmete. Deren These: Saint Germain manifestiert sich in den unterschiedlichsten Gestalten!

Viel Applaus für den Referenten. Schön hat er gesprochen. Und der Presse hat er es gegeben, die der geistigen Welt so spöttisch gegenübersteht. 

"Die Pressefreiheit schränkt uns ein", sagt später auch Frau Britta Gerdes-Petersen, die im Hauptberuf "Lebensfreudemessen" organisiert und jedweder Skepsis die Stirn bietet.