Im Jahr 2008, das wir jetzt das Jahr der Krise nennen können, war ich vorlesend in zirka 50 Städten unterwegs, und immer, wenn ich jemanden getroffen habe, der in der Wirtschaft agierte, habe ich gefragt, was die Krise bei ihm bewirke. Ich hatte z. B. nicht begriffen, warum unsere Landesbanken plötzlich so schlecht dastanden; die hatte ich, auch aus persönlicher Erfahrung, für einen Hort der Sicherheit gehalten. Die klarste Auskunft von einem Sparkassen-Leiter: Das Publikum hat nach diesen amerikanischen Immobilien-Anlagen gefragt, also mussten wir, um konkurrenzfähig zu sein, das auch anbieten, was sich inzwischen als Schrott erwiesen hat.

In mir hat sich dann die Meinung gebildet: Die Krise ist eine Folge der Geldpolitik der amerikanischen Staatsbank. Die hat von 2001 an das Geld billig gemacht: Der Leitzins wurde fast im Handumdrehen von 6,5 Prozent auf 1,75 Prozent heruntergeschraubt. 2004 sogar bis auf 1 Prozent. So wurde den Leuten eingeredet, jetzt könnten sie konsumieren. Vor allem Häuser bauen und kaufen. Alan Greenspan, der Chef der US-Staatsbank, hat diese Konsum-Mobilisierung erfunden und realisiert. Die weltweite Finanzkrise wurde dann dadurch ausgelöst, dass die amerikanischen Banken aus diesen drittklassigen Hypotheken Finanzprodukte machten und sie in der ganzen Welt verkauften.

Ich habe Peer Steinbrücks Buch Unterm Strich auf Seite 169 zu lesen begonnen. Im Kessel der Finanzkrise. Da erfuhr ich, was ich vorher nirgends erfahren hatte: Alan Greenspan habe mit der Politik des billigen Geldes verhindern wollen, dass der Schock des 11. September auf die US-Wirtschaft überspringe. Das kapiert man. Aber dann kapiert man auch, wie abhängig wir sind von den Handlungen der US-Politik und deren Folgen. Das Wort Abgrund für die Vorstellbarkeit der Krise hat Steinbrück nicht erfunden, aber er hat diesen Abgrund und unsere Nähe dazu so genau beschrieben wie kein anderer.

Ich habe zwar die Finanz- und Wirtschaftskrise täglich beobachtet, aber – das muss ich gestehen – mehr im Fernsehen als in den Print-Medien. Dass das fahrlässig war, macht mir jetzt jede Seite Steinbrück klar. Die Krise wird in der Fernseh-Präsentation zu einem Monster. Steinbrück beschreibt in einem Extra-Kapitel Die delikate Beziehung zwischen Politik und Medien. Und auch da muss ich sagen: Keiner hat das bis jetzt so genau dargestellt. Allerdings stellt er dieses Verhältnis dar als eins unter allen denkbaren Umständen.

Ich gebe zu, dass ich mich da gefragt habe, warum er nicht die Rolle der Medien beim Krisen-Verlauf 2007 bis 2009 dargestellt hat. Sie kommen sogar noch gut weg. Die Medien haben, schreibt er, "ihre aufdeckende und aufklärende Funktion überwiegend lobenswert wahrgenommen und in kritischen Phasen der Versuchung widerstanden, Funken zu schlagen, die zu einer allgemeinen Verunsicherung ganz anderen Ausmaßes hätten führen können". Das habe ich, gebe ich zu, anders erlebt. In seiner allgemeinen Darstellung der Medien und der Politik ist er schärfer: "Ich kenne kaum einen Berufsstand, der so exzellent im Austeilen und so schwach im Einstecken ist wie der Journalismus." Dazu noch die Anmaßung der Medien, politisch zu handeln und so zur vierten "Gewalt" im Staat zu werden! Ich weiß auch, dass der einzelne Journalist, der seine Arbeit tut, an dergleichen nicht denkt, aber da das Fernsehen immer die typische Übertreibung für alles liefert, kann man im Fernsehen – und Steinbrück macht das deutlich genug – die Dimension der Gefahr erleben.

Eine Moderatorin spricht mit Jean-Claude Trichet, dem fabelhaften Chef der Europäischen Zentralbank. Anlass: Der will griechische Staatsanleihen kaufen in einer Situation, in der Griechenland gestützt werden muss . Aber die Moderatorin verhört ihn. Er kann sagen, was er will. Sie bleibt bei ihrem Vorurteil, dass das, was er tue, die Spekulanten freue. Steinbrück aber nennt ihn einen "Fels in der Brandung".

Zurück in den Kessel der Finanzkrise. Dass die Krise kein Monster ist, das mit uns gefüttert werden wird, macht Steinbrück klar schon durch die Genauigkeit, mit der er die Ursachen darstellt. Er schildert die neuen "Finanzierungstechniken", die überhaupt erst zu dem weltweiten Abgrund führten. Dieses Bündeln und Strukturieren und Noch-einmal-Bündeln von Forderungen in immer neuen Paketen und Bezeichnungen.

Unsere Banken, die diese Finanzprodukte gekauft haben, haben sich auf die verlassen, von denen sie die Hypotheken-Bündel gekauft haben. Dass die Rating-Agenturen, die die Finanzprodukte auf ihre Solidität hin prüfen und bewerten sollten, selber an dem von ihnen Bewerteten mitverdienten, habe ich noch nirgends so deutlich dargestellt gesehen wie in diesem Buch. Und Steinbrück verschweigt nicht, dass sich auch die Politik "in Deutschland zu lange der angloamerikanischen Deutungshoheit entfesselter Finanzmärkte ergeben" habe. Und wie der formulieren kann! Und wie nahe man dadurch dem wirklichen Verlauf kommt!

Steinbrück war Finanzminister vom Ausbruch der Krise im Sommer 2007 bis Ende Oktober 2009. Ein Abschnitt ist überschrieben: Zehn Tage, die mich bewegten. Da wird Politik zur erlebbaren und begreifbaren Handlung. Ein General berichtet, wie er den Wirtschaftskrieg geführt hat. Ausbruch der Krise: Die Mittelstandsbank IKB, die wirklich für anderes da war, hat sich an den US-Papieren verhoben. Insolvenz oder Rettung? Steinbrück war für Rettung, weil er nicht die privaten und institutionellen Anleger für die fahrlässige Misswirtschaft des Managements bestrafen wollte. Auch stünde das Ansehen des Finanzplatzes Deutschland auf dem Spiel.

In den USA lief Ähnliches ab. Dann wurde dort Lehman Brothers nicht gerettet, aber gleich darauf der weltgrößte Versicherer AIG schon. Steinbrück: "...ein Untergang von AIG wäre zum Super-GAU geworden, vergleichbar einer Kernschmelze. Es gab Stimmen, die vom Ende des Kapitalismus sprachen." Auf jeden Fall war inzwischen aus einer amerikanischen Krise eine weltweite geworden. Kaum war bei uns die IKB halbwegs gerettet, war die Hypo Real Estate (HRE) dran. Steinbrück war "fassungslos über den Bankenvorstand der HRE, der eine Krisenrunde erstklassiger Zusammensetzung und eine Bundesregierung bis hinauf zur Kanzlerin ein ganzes Wochenende mit einem 35-Milliarden-Euro-Loch in der Bilanz beschäftigt hatte – und vier Tage später einen weiteren Liquiditätsbedarf von 15 Milliarden Euro zugeben musste".

Als er diesem Vorsitzenden dann wieder begegnet, entringt sich ihm ein ausdrucksstarker Seufzer: "Eine solche Mischung aus Realitätsverweigerung, Selbstüberschätzung und Verständnislosigkeit gegenüber den Vorgängen der vergangenen Tage bei einem Mann, dessen Bank gerade mit 50 Milliarden Euro fremden Geldes gerettet worden war, ist mir in meinem Leben nicht wieder begegnet." Das produzierte in ihm Gedanken, die ihn "in einen Schlund der Vergeblichkeit und Ausweglosigkeit ziehen wollten". Er kann gar nicht wissen, wie sehr da die mit HRE-Horror-Meldungen überfütterten Zeitgenossen auf seiner Seite sind!

Dann Frau Merkels und Steinbrücks waghalsige Garantieerklärung für Spareinlagen. Und, darf er hier mitteilen, Frau Merkel hatte zuerst überlegt, allein vor die Kameras zu treten. Es musste ihr erklärt werden, dass das "die beabsichtigte Vertrauensbildung eher konterkarieren" würde.