Man sagt nicht Müll. Man sagt "Wertstoff". Das Wort Müllkippe ist aus dem Wortschatz zu streichen und durch "Deponiepark" zu ersetzen. Und was wir eben noch Müllauto genannt hätten, heißt längst "Sammelfahrzeug".

Wer den neuen Jargon der Müllbranche – pardon: der "Umwelttechnologiebranche" – für bloßen Euphemismus oder Marketinggetue hält, urteilt voreilig. Denn der Sprachgebrauch wandelt sich analog zur ökonomischen Wirklichkeit: Neue Technik und neue Engpässe sorgen für einen anderen Blick auf eine bislang anrüchige Ressource.

Während man in Deutschland an neuen Gesetzen strickt, entdecken andere Staaten Abfall bereits als strategische Ressource. Der Entsorgerjargon von heute ist der beste Indikator für die Zukunft unseres Mülls: Was einst der letzte Dreck war, den man am liebsten auf den Mond schießen wollte (so malte man sich in den fünfziger Jahren tatsächlich noch die Zukunft aus), löst heute unter Ingenieuren einen Goldrausch aus. Ganz wörtlich.

Unsere Abfälle bergen reale Goldreserven, in Form kleinster Mengen etwa in den Leiterplatten weggeworfener Handys oder alter Computer. In 41 Handys steckt so viel Gold wie in einer Tonne Golderz. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Jürgen Flasbarth, hatte gar im Frühjahr davor gewarnt, Elektroschrott in die Dritte Welt zu exportieren : "Kostbare Rohstoffe wie Gold, Kupfer, Platin oder Indium gehen damit für den Rohstoffkreislauf bei uns verloren." Besonders Metalle werden schon heute im großen Stil aus dem Müll gefischt, indes ließe sich die Ausbeute noch gewaltig steigern. Heißt der Müllmann von einst künftig vielleicht "Schatzsucher"?

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Was den Müll so wertvoll macht, sind die auf lange Sicht zuverlässig steigenden Preise auf den globalen Rohstoffmärkten. Eisen, Kupfer, Gold, Platin, Erdöl: Alles wird teurer. Sogenannte " seltene Erden " wie Yttrium, Lanthan oder Europium, von der Industrie dringend gesucht, werden immer rarer. Und je weniger in der Natur noch zu finden ist, in den Lager- und Förderstätten der Welt, desto interessanter wird das rückwärtige Ende der industriellen Produktion, der Müll, den wir alle verursachen.

"Handys, elektrische Zahnbürsten, Toaster, Rasierapparate: Das wollen wir alles wiederhaben", sagt Lutz Siewek, Geschäftsführer des international operierenden Bremer Entsorgungsunternehmens Nehlsen. Um an das Gute im Müll heranzukommen, soll es eine neue Tonne geben, die Wertstofftonne. Bei Nehlsen spricht man hoffnungsfroh von der "Rohstofftonne". Sie soll neben der grünen Biotonne, der blauen für das Altpapier und der grauen Restmülltonne existieren und den wertvollsten Müll konzentrieren.

Aber gibt es in vielen Kommunen nicht längst schon eine vierte Tonne, die gelbe für Verpackungsmaterial? Richtig, auch die Wertstofftonne wird vermutlich einen gelben Deckel tragen. Hinein soll künftig nicht nur alles mit dem Grünen Punkt, sondern auch Plastikspielzeug und andere "stoffgleiche Nichtverpackung" nebst Holzresten und kleinerem Elektroschrott. Für die Schatzsucher.