Devecser/Budapest
Am Abend vor der Katastrophe hatte Tamas Toldi Champagner getrunken. Er war gerade zum Bürgermeister von Devecser gewählt worden, 49 Prozent der Stimmen hatte er für seine Partei Fidesz geholt, vier andere Kandidaten hinter sich gelassen. Er fühlte sich großartig.

Am nächsten Tag saß Toldi, ein Mittfünfziger mit einem Schnauzbart in einem freundlichen Gesicht, gerade mit seinem Amtsvorgänger zusammen, als das Telefon klingelte: Im Dorf Kolontár, fünf Kilometer entfernt von Devecser, verwüste eine Schlammlawine die Straßen. Toldi fuhr zu dem Bach, der die beiden Gemeinden verbindet. Das Wasser war rot gefärbt und war bis knapp unter die Brücke gestiegen. Toldi rief im Rathaus an, schrie, man solle Alarm schlagen, raste laut hupend weg vom Bach, der in einer Senke liegt. Einige Hundert Meter weiter hielt er an, drehte sich um. Der Bach war unter einer roten Schlammlawine verschwunden.

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Sechs Tage später steht Tamas Toldi im Innenhof des Rathauses. Hinter ihm stapeln sich Dutzende Schaufeln, freiwillige Helfer und Soldaten schälen sich aus ihren Schutzanzügen und säubern ihre schlammverkrusteten Gummistiefel. Am Eingang steht eine Schüssel mit verdünnter Essigessenz zum Händewaschen, mit bloßem Wasser geht der Giftschlamm nur schwer von der Haut. Auch Toldi trägt Stiefel, in seiner ersten Woche als Bürgermeister gehören sie zu seiner Amtskleidung. 19 Straßen seiner Stadt sind vom Schlamm verwüstet und verseucht, 265 Häuser beschädigt, ein Fünftel der 5000 Bewohner Devecsers vom Unglück betroffen. Auf den Straßen stapeln die Helfer den Hausrat im immer noch knöcheltiefen Matsch, Matratzen, Sofas, Kühlschränke, Schuhe, Stofftiere, Kleidung, alles von roter Kruste überzogen. Es ist eine Welt, in der bis Schulterhöhe nur eine Farbe existiert: Rot.

Toldi ist gelernter Agraringenieur, er weiß, was das für die Natur bedeutet. Sein Wahlversprechen, die ökologische Landwirtschaft in Devecser auszubauen, wird er nicht einlösen können. Wer will jetzt noch Gemüse aus Devecser kaufen, nachdem 700.000 Tonnen Giftschlamm aus dem Auffangbecken einer Aluminiumfabrik die Region verseucht haben und acht Menschen daran gestorben sind? "Jetzt müssen wir erst mal den Schlamm abtragen", sagt er, dann muss geklärt werden, wie viel von seiner Stadt übrig bleiben wird, ob einige der Häuser noch bewohnbar sind, ob die Menschen überhaupt zurückkehren wollen. Das gesamte Dorf Kolontár und die betroffenen Straßen in Devecser sind evakuiert, die Bewohner sind bei Verwandten oder in einer Sporthalle der Nachbarstadt untergekommen. Was seine Stadt jetzt dringend brauche, sagt Tamas Toldi, sei Geld. Um neue Häuser zu bauen, um das vergiftete Gebiet zu dekontaminieren, um dem Ort, in dem 20 Prozent der Leute arbeitslos sind, wirtschaftlich auf die Beine zu helfen. Das Geld, sagt Tamas Toldi, werde kommen, das habe ihm kein Geringerer als Viktor Orbán, der Ministerpräsident, persönlich in die Hand versprochen. "Und ich bin mir sicher, er wird sein Versprechen halten."

Katastrophen dieser Art können für Politiker Fluch oder Segen sein. Entweder verspielen sie durch tölpelhaftes Krisenmanagement das Vertrauen der Bürger wie George W. Bush nach dem Hurrikan Katrina. Oder sie gehen gestärkt als resolute Nothelfer aus dem Unglück hervor wie einst Gerhard Schröder nach der Oderflut. Und Viktor Orbán ist mit seiner rechtskonservativen Partei Fidesz seit vier Monaten im Amt, im April hatte er einen in Ungarn beispiellosen Wahlsieg errungen. Mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament hat er seitdem ein halbes Dutzend Mal die Verfassung geändert, mehr als 50 Gesetze verabschiedet und alle wichtigen Positionen im Land mit seinen Anhängern besetzt. Bei den Kommunalwahlen am Tag vor dem Unglück festigte die Fidesz ihre Macht und holte fast 50 Prozent der Stimmen. Der Erfolg der Rechtskonservativen beruht auch auf der Wut der Wähler über Misswirtschaft und Korruption der sozialistischen Partei MSZP, die in den vergangenen Jahren in Ungarn regierte.

Orbán gibt sich als Aufräumer, bei seinem Amtsantritt kündigte er eine "Revolution" an. Ausmisten, aufräumen – dieses Bild bietet sich ihm nach dem Desaster von Kolontár förmlich an. Aufräumen mit dem giftigen Schlamm, mit den Firmenbossen, mit den Sozialisten. Und ein bisschen auch mit der EU. 

Orbáns Mann für Umweltkatastrophen heißt Zoltan Illes, ist Staatssekretär für Umwelt und damit der ranghöchste Umweltpolitiker, ein eigenes Ministerium gibt es nicht. Dieser Tage trägt auch er roten Staub auf Schuhen und Nadelstreifenhosen. Illes fährt mit seinem Auto – "natürlich ein Hybrid" – zwischen den verschlammten Dörfern, internationalen Fernsehteams und verstörten Bewohnern hin und her. "Die Schuld an dem Unfall", sagt er, "tragen die Besitzer von MAL Aluminium." Sie hätten jegliche Sicherheitsstandards missachtet, und die vorherige sozialistische Regierung habe es ihnen leicht gemacht. "Vor dem EU-Beitritt war Rotschlamm in Ungarn offiziell als Giftmüll deklariert", sagt er, "aber nach dem Beitritt änderte die Regierung das." Wenn Ungarn am 1. Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernehme, werde man sich um dieses Problem kümmern.

Jetzt muss er wieder nach Kolontár, wo Tag und Nacht an einem neuen Damm gebaut wird, der das Dorf und die Region im Falle eines zweiten Dammbruchs vor einer weiteren Überflutung schützen soll. 800 Helfer sind im Einsatz, fünf Meter hoch soll der Damm werden, 600 Meter lang. Auf 100 bis 200 Millionen Dollar schätzt Illes die Kosten für die Aufräumarbeiten, die Dekontaminierung und die Hilfe für die Betroffenen und schimpft wieder auf die EU, die keinen Hilfsfonds für solche Desaster habe. Was stimmt – und auch wieder nicht. Es gibt einen europäischen Solidaritätsfonds für Naturkatastrophen, doch nur für solche, die nicht von Menschenhand verursacht worden sind.