ZEITmagazin: Herr Wallraff, seit 2007 arbeiten Sie wieder in der Rolle, in der Sie vor Jahrzehnten berühmt wurden: als Undercover-Reporter, diesmal für das ZEITmagazin . Hat Ihnen das Comeback als öffentliche Figur gutgetan?

Günter Wallraff: Ja, sicher. Ich war aber auch vorher nicht untätig. Ich habe Bücher herausgegeben, und für einen Film für das japanische Fernsehen lebte ich als iranischer Arbeiter im Großraum Tokyo, das war Mitte der neunziger Jahre. Später konnte ich mir solche Strapazen wegen einer Knochenerkrankung nicht mehr zumuten. Ich schaffte nur noch 200 Meter zu Fuß am Stück. Als das ZEITmagazin sich bei mir meldete, hatte ich gerade eine erfolgreiche Operation hinter mir, und es ging mir gesundheitlich viel besser. Inzwischen schaffe ich sogar wieder den Marathon, zuletzt in vier Stunden zehn Minuten.

ZEITmagazin: Sie waren für uns als Mitarbeiter in Callcentern unterwegs, als Akkordbäcker, als Obdachloser und – dunkel gefärbt, mit üppiger Perücke – als Schwarzer . Welche Rolle hat am meisten Aufsehen erregt?

Wallraff: Alle haben Diskussionen ausgelöst, und in einem Fall hat sogar die Politik reagiert: Callcenter dürfen heute nicht mehr mit unterdrückter Nummer anrufen, die Bußgelder wurden erhöht, und das Widerrufsrecht für Vertragsabschlüsse am Telefon wurde verlängert. Die ganze "Outbound-"Branche, also die der Verkaufs-Callcenter, beklagt seitdem Umsatzrückgänge. Die Lidl-Brotfabrik ist vor zwei Wochen geschlossen worden, wohl auch deshalb, weil der Inhaber sich wegen Körperverletzung vor Gericht zu verantworten hat. Aus Mensch und Maschine hat er das Optimale herausgepresst, sodass Verbrennungen und Verletzungen an der Tagesordnung waren. Auch in einigen Obdachlosenheimen hat sich etwas getan. Zwei besonders unmenschliche Heime in Frankfurt und Hannover werden noch dieses Jahr geschlossen.

ZEITmagazin: Haben Sie mit diesen Folgen gerechnet?

Wallraff: Gerechnet hatte ich mit Prozessen. Früher brachten mich Veröffentlichungen meistens vor Gericht. Aber die Verantwortlichen haben wohl gemerkt, dass die Missstände durch solche Verfahren nur noch bekannter werden.

ZEITmagazin: Sie sind 68 Jahre alt. Fällt es Ihnen schwerer als früher, andere Identitäten anzunehmen?

Wallraff: Ich habe eine gute Maskenbildnerin, die schafft es gerade noch so, aus mir einen früh gealterten 49-Jährigen hervorzuzaubern.

ZEITmagazin: Man hat das Gefühl, dass Sie auch eine kindliche Lust am Verkleiden treibt. Macht es Ihnen Spaß, Leute an der Nase herumzuführen?

Wallraff: Meine Arbeit hat sicher auch eine spielerische Seite. Wenn ich in einer Rolle stecke, bin ich lernfähiger, kreativer und risikobereiter. Nach einigen Wochen träume ich oft sogar in der neuen Identität.

Reporter - Fragen an Günter Wallraff Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff stellt sich den Fragen der ZEIT-ONLINE-Community

ZEITmagazin: Als Schwarzer in einem Zug voller Fußballfans ließen Sie sich nichts bieten, Sie provozierten sogar.

Wallraff: In solchen Situationen kann ich mich nicht zurückhalten. Da muss ich noch eins draufsetzen, um unverstellte Reaktionen hervorzulocken. Im Alltag bin ich eher zurückhaltend und auf Konsens aus.

ZEITmagazin: Ihre Kritiker sagen, Sie fänden oft nur das, was Sie finden wollen – etwa als Schwarzer, in der Verkleidung zogen Sie viel Unmut auf sich.

Wallraff: Zu dieser Rolle haben mir Hunderte von schwarzen Deutschen und hier lebenden Afrikanern geschrieben, die meine Erfahrungen teilen. Ich veranschauliche den Alltagsrassismus. Viele wollen das nicht wahrhaben. Bevor ich Mitte der achtziger Jahre zur Recherche von Ganz Unten loszog, winkten auch die meisten ab. Ach, Ausländer, das sei altbekannt und ausdiskutiert. Dann hat das Buch einen Schock in der Bevölkerung ausgelöst. Allein der Verkaufserfolg der deutschsprachigen Ausgabe von über fünf Millionen und Übersetzungen in 38 Sprachen…

ZEITmagazin: Wie erfahren Sie eigentlich von den Missständen, über die Sie schreiben?

Wallraff: Ich erhalte fast täglich Zuschriften über gravierende Unrechtsfälle. Ich schalte mich dann als eine Art Mediator ein oder rufe bei Firmeninhabern an und sage: Ich habe dies und jenes zur Kenntnis bekommen, bitte stellen Sie das ab, sonst muss ich es leider veröffentlichen. In Einzelfällen hat sich tatsächlich etwas getan. Das ist auch eine Genugtuung.

ZEITmagazin: Die Ausbeutung junger Freiberufler und Praktikanten etwa könnten Sie in Ihrem Alter nicht mehr angehen.

Wallraff: Da sind mir Grenzen gesetzt. Obwohl: Es gibt den Beruf Praktikant schon als Dauerzustand, auch für Ältere. Und was die Jüngeren betrifft: Vielleicht können andere – von mir beraten – es ja auch mal versuchen. Deshalb werde ich jetzt ein Stipendium ausschreiben.